(openPR) Markus Lüpertz
„Denn der Betrachter muss den Inhalt des Bildes in sich selber tragen und erfinden …“
In dieser Ausstellung der Galerie Elzenheimer sehen wir Grafik und Skulptur von Markus Lüpertz, keine Malerei. Dabei ist Lüpertz als einer der sogenannten „Big Five“ der deutschen Malerei bekannt. Anselm Kiefer, A.R. Penck, Anselm Richter und Sigmar Polcke sind seine bekannten Kollegen, die stets mit ihm in einem Atemzug genannt werden und deren Bilder in den Sammlungen der Bundesrepublik nebeneinander hängen.
Aber hier und heute keine Malerei. Vielleicht können wir uns auf diese Weise dem „unbekannten“ Lüpertz annähern. Gerade die Grafik erlaubt ja immer den intimeren und näheren Blick auf den Künstler als die großformatige Malerei.
Aber - wer ist Markus Lüpertz eigentlich? Er ist unbestritten einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Maler des 20. Jh. Sein Name wird genannt, wenn man von den „Jungen Wilden“ spricht. Er wurde groß in der Berliner Künstler-Szene der 70er Jahre und prägt in dieser Zeit den Neuen Expressionismus. Obwohl auch Lüpertz ein Pflänzchen des Berliner Biotop der BRD war, lag er mit der Studentenbewegung und ihren politischen Ideen stets über Kreuz. Zu keinem Zeitpunkt vertritt er anarchistische oder linkspolitische Ideen. Später singt er zum Ärger mancher Kunstfreunde ein Loblied auf das aggressive Kapital, denn wo kein Geld, da - so Lüpertz – auch keine Kunst.
Bekannt wurde Markus Lüpertz zu Beginn mit der Darstellung von Gegenständen, also einer figürlichen und symbolisch aufgeladenen Malerei in einer Zeit. In der die Abstraktion und vor allem der Minimalismus regelrecht als Heilsbringer verstanden wurde. In seinen Bildern finden sich vor allem Objekte, die unmittelbar mit deutscher Geschichte assoziiert werden. Ein berühmtes Beispiel ist der Stahlhelm. Auf die irritierte Fragen mancher Betrachter, was die Dinge denn bedeuten sollen, antwortete er stets: doch der Künstler erklärt: „Mir gefallen einfach Formen wie Boot, Helm, Rüstung oder Schneckenhaus, ich trage sie schon ein Leben lang mit mir herum, denn sie erzählen Geschichten.“ Darüber hinaus bedeuten sie dem Künstler nichts, der Maler male nur, alles andere entstehe im Kopf des Betrachters.
Wie auch immer Lüpertz mit den Reaktionen seines Publikums kokettiert, es findet in seinem Werk eine Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Vergangenheit statt. Mit diesen wuchtigen und monumentalen Bildern wird Lüpertz bis heute stark assoziiert. 1988 wurde er als Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie berufen, einen Posten, den er über 20 Jahre innehatte. Die Titel, die mit dieser Position einhergingen, waren ihm durchaus wichtig und er ist der Auffassung, dass der Künstler (also er selbst)„das Beste, Schönste und Großartigste (sei), was die Gesellschaft hat“.
Markus Lüpertz ist bis heute und trotz der zahlreichen Kritiken an ihm und seinem Werk wahnsinnig erfolgreich. Schon in den 60er-Jahren, als in Deutschland die Abstraktion angesagt war, provozierte Lüpertz zusammen mit seinen Weggenossen durch konsequente Gegenständlichkeit. Einige Skandale fallen in diese frühe Zeit: (braucht jeder erfolgreiche Künstler), so z.B. der Rausschmiss aus der Düsseldorfer Kunstakademie Ende der 60er Jahre wegen einer Schlägerei. Ab 1962 war er dann in Berlin ansässig und widmete sich seiner expressiven „dithyrambischen Kunst“, - „eine Kunst, die im Wege steht“ und von der „Anmut des 20. Jahrhunderts“ erzählte. Der Begriff „dithyrambisch“ bezieht sich auf einen Leitbegriff aus Friedrich Nietzsches Dionysos-Dichtungen.
Das Kunstverständnis von Markus Lüpertz speist sich aus seinem Selbstverständnis als Künstler. Er bezeichnet sich als Genie und wünscht sich bewundert und verehrt zu werden. Kunst ist für ihn Ausdruck höchster Intelligenz und sein Werk spricht von einer großen Energie: Malerei in wuchtigen Formaten, Skulpturen in teilweise monumentaler Größe. Wie kaum ein anderer Gegenwartskünstler beschäftigte sich Lüpertz mit unterschiedlichsten Techniken und verschiedensten Genres; er entwarf Bühnenbilder und Kostüme für mehrere Opern-Inszenierungen und gestaltete mehrmals Glasfenster für Sakralbauten. Er improvisierte am Piano in Free Jazz, publizierte Lyrik-Bändchen.
In unserer Ausstellung hier in Bad Soden wird der Betrachter mit mehreren Themen konfrontiert. Ein Gutteil davon stammt aus der griechischen Mythologie. Wir finden verschiedene griechische Helden: Herkules, Odysseus, Paris und Jason. Außerdem eine Grafikserie unter dem Titel Arkadien. Mit diesen so klassischen Themen des Bildungsbürgertum befasst sich der Künstler schon seit Mitte der 80er Jahre. Ein schönes Beispiel für die frühen Arbeiten ist die Holzschnittserie Mykenisches Lächeln, die 1986 geschnitten, 2013 neu gedruckt wurden. Es hat also schon lange neben dem Maler der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts den Künstler gegeben, der sich mit den klassischen Topi der Kunstgeschichte befasst.
Arkadien ist vielleicht das bekannteste Beispiel dafür, wie sich ein mythologischer Begriff zu einem Sehnsuchtsort des gebildeten Kunstliebhabers entwickelte. Denn die abgeschiedene Landschaft auf dem Peloponnes wurde zum Ort des Goldenen Zeitalters, der paradiesischen Verhältnisse verklärt, wo Menschen in idyllischer Natur glücklich zusammenleben. Kaum ein Künstler des Barock, der sich nicht dem einfachen Leben in der freien Natur gewidmet hat, kaum ein Adliger, der nicht auf seinem Landsitz die Nähe der Natur suchte und sich dabei in den Liebesgarten Rubens hineinträumte.
Markus Lüpertz jedoch kokettiert mit den Bedeutungen der Geschichte. Er spielt mit ihnen, schmückt sich mit ihrer Tradition und Bedeutung und behauptet dann, es sei nur „ein Eigenname, den ich als Leimrute ausgeworfen habe, Anlass für poetische, fantasievolle, inspirierende Geschichten, die Bilder erfordern“. Natürlich ist es mehr. Lüpertz zitiert nicht nur die große Geschichte europäischer Arkadiensdarstellungen, sondern auch den großen Franzosen Gustav Courbet, indem er dessen populären Rückenakt der Badenden zur zentralen Figur in seinen Landschaften macht. Die sonderbare Geste, die Courbet dabei seine wuchtige Frauenfigur ausführen lässt, wird bei Lüpertz zu einer Art Abschied: Auch die anderen Figuren in seinen wilden Landschaften sehen wir von hinten. Boote werden zu Wasser gelassen, ist es Odysseus oder Jason, der hier verabschiedet wird? Auf einem anderen Blatt fügt Lüpertz der Szene Soldaten in Stahlhelmen hinzu, da blitzt dann wieder sein eigenes Werk hindurch.
Natürlich sind diese Zitate Bröckchen, die er dem Connaisseur zuwirft, eben die Angelrute, die die Bildungsbürger an Land zieht. Es ist aber gleichzeitig auch der Boden, auf dem er an seiner eigenen Bedeutung baut.
„Ich habe mich immer mit der Antike auseinandergesetzt, die ja zum Bildungsstandard in der bildenden Kunst gehört; unsere ganze Kultur hat dort ihre Wurzeln“, sagt er. Doch in seinen Arbeiten geht es dem Maler um die „Peinture“ im klassischen Sinne. „Ich male Bilder, die wie Bilder aussehen, ich baue eine Bildsprache auf, um Bilder lesbar zu machen – und das gegen den grassierenden Dilettantismus, der sich Avantgarde nennt.“
Viele der Männer vom Schiff Argo finden sich auf Lüpertz’ Gemälden wieder: es sind muskulöse archaische Gestalten, mit kraftvollem Pinselduktus auf die Leinwand geworfen. Ebensolche Figuren finden sich in der Kunst der beiden anderen Alphatiere der Malerei im 20. Jahrhundert – Max Beckmann und Pablo Picasso. Gerade mit Picasso hat Lüpertz vieles gemeinsam, die ungeheure Schaffenskraft, die Aura der Selbstinszenierung, den bewussten Bruch mit der Ästhetik des Schönen und ein doch immerwährendes Kreisen um die Klassik der alten Griechen.
Um mit Lüpertz eigenen Worten zu schließen: „Ich gehöre dem europäischen Glauben der Kunst an, die die Kunst soweit führt, dass sie scheitert. Und alle Künstler, die ich verehre, hatten das Problem, dass sie scheiterten. Und dieses Scheitern ist letzten Endes das, was ich unter Genie verstehe. Das man sich in eine Situation bringt, in der man auf hohem Niveau scheitert. Das Spannende daran ist, wo man sich seine Niederlage abholt – in der Gosse oder auf dem Hügel. Und dann lieber so hoch, wie es eben geht.“
Eine Ausstellung von Galerie Elzenheimer Schwalbach/Bad Soden in der Stadtgalerie Bad Soden am Taunus mit Werken von Markus Lüpertz.
Galerie Elzenheimer, Wiesenweg 12, 65824 Schwalbach am Taunus, 06196 8 21 21
www.galerie-elzenheimer.de
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Rede von Stefanie Blumenbecker, Kunsthistorikerin MA, 15. Januar 2017



















