(openPR) Man hatte große Erwartungen in den neuen Lehrplan gesetzt.
Deutschlands Bildung gilt zwar unter den Deutschen als ausgezeichnet, aber im internationalen Vergleich hält sie nicht das, was der Durchschnittsdeutsche sich von ihr verspricht. Verwunderlicherweise überholen uns sogar Grundschulen, die weniger als 20 Stunden die Woche unterrichten und keine Hausaufgaben erteilen, dafür jedoch darauf Wert legen, dass ihre Kinder glücklich sind.
Vielleicht sollte uns das aufhorchen lassen?
Auch der neue Lehrplan Plus sollte uns aufhören lassen, denn nicht alles, was neu ist, muss automatisch schlecht sein. Der Schwerpunkt des neuen Grundschullehrplans liegt auf der Kompetenzförderung.
Es wird viel von Kompetenzen gesprochen und auch von den Möglichkeiten diese zu erlangen. Ob diese Möglichkeiten mit 30 Kindern in der Klasse realistisch sind, bleibt dahingestellt.
Schüler sollen mit der Einführung des neuen Lehrplans die Kompetenz zur selbstständigen Problemlösung entwickeln.
Sie sollen also eine Lesekompetenz erhalten und nicht mehr einfach Lesen lernen. Sie sollen die Kompetenz erhalten, Lösungen zu finden und auf diese Weise Probleme zu lösen. Bestenfalls in der Gruppe. Sind unsere Kinder aber tatsächlich fähig, dies zu tun? Haben sie wirklich die Kompetenz, Aufgaben zu lösen, oder sind unsere Schulen schon lange keine Bildungseinrichtungen mehr?
Immer öfter hört man aus der Wirtschaft, dass die Schüler heuzutage “gar nichts mehr können!” Sie haben allerdings sicherlich die Kompetenz nachzusehen, wie man Probleme lösen könnte, wenn man es denn wollte.
Die Wirtschaft stöhnt. Die Arbeitgeber ächzen, das habe es früher nicht gegeben. Wenn Gymnasiasten ins Berufsleben entlassen werden, können sie meist nur eben mal ein paar Fremdsprachen - vielleicht gerade genug, um in einer dieser Fremdsprachen etwas in einem ausländischen Restaurant zu bestellen. Eine Gymnasiastin fasste es unlängst in einem Twitter-Tweet wie folgt zusammen: “Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.”
Nun, wenn unsere Gymnasiasten das bis zu ihrem Abitur könnten, so wäre es großartig, aber vielleicht hat sich hier die Tweeterin selbst überschätzt. Die kleinen Dinge des täglichen Lebens sind, wie man von Lehrern oder Bildungsministern erfahren kann, nicht Aufgabe der Schule, sondern der Eltern. In der Schule geht es um die Dinge, die man außerhalb der Schule nicht lernen würde. Es geht um Literatur, der man sich nicht (freiwillig) zuwenden würde, also um Goethe und Shakespeare. Aber reicht das aus? Sind es die zwölf Jahre wert, die der Abiturient in der Schule verbringt - oder ist es vergeudete Zeit?
Aber wenden wir uns wieder den Anfängen zu.
Nach dem neuen Lehrplan also werden diverse Kompetenzen gefördert. Zum Beispiel das Zusammenarbeiten der Kinder an gemeinsamen Projekten ist angeblich ein neuer Aspekt in unserem Schulsystem.
Aber haben die Kinder überhaupt noch Zeit zusammen zu arbeiten oder eine Form von “Zusammen” zu entwickeln? Da der Mensch immer älter wird, werden unsere Kinder viel länger im Arbeitsprozess sein, als es bei uns Eltern beispielsweise der Fall ist, aber sie haben trotzdem weniger Zeit. Das Gymnasium wurde von neun auf acht Jahre reduziert und teilweise wird sich immer noch gestritten, welche Inhalte man weglassen kann und darf.
Unsere Kinder werden von früh auf mit allem, was Müttern so einfällt, gefördert. Trotzdem scheint nicht viel dabei rauszukommen. Der zweisprachige Kindergarten, Kinderlieder auf Englisch, Englisch im Kindergarten und in der Grundschule und trotzdem: Die Deutschen sprechen einfach schlecht Englisch! Unsere Englischkenntnisse sind nicht mit denen der Schweden oder Finnen z. B. vergleichbar, weder was die Aussprache anbelangt, noch die Grammatik, noch den Wortschatz.
Nun mag man sagen, dass der Ansatz, die Kinder schon so früh wie möglich mit der Fremdsprache zu konfrontieren, ja gerade richtig sei. So ist es auch, denn es hat sich erwiesen, dass - wenn man noch vor Schulbeginn eine Fremdsprache erlernt - die Möglichkeit, dass diese akzentfrei ausgesprochen wird, besonders hoch ist. Machen wir also zu viel - oder etwas falsch?
Viel scheint nicht viel zu helfen. Vielleicht fehlt dem vielen Wissen, das vermittelt wird, die notwendige Zeit?
Warum können wir unseren Kindern nur Kompetenzen vermitteln und warum keine Fähigkeiten? Und warum ist ein ganz neuer Lehrplan auf Kompetenzen ausgerichtet und nicht auf Fähigkeiten? Haben unsere Kinder nicht mehr die Zeit, eine Fähigkeit zu erlernen? Und das, obwohl man sie den ganzen Tag über mit Unterricht, Nachhilfe und Hausaufgaben beschäftigt?
Oder ist das eventuell der völlig falsche Ansatz?
Wenn sich unsere Kinder mit der Welt auseinandersetzen sollen, dann
benötigen sie eines: Zeit. Und genau diese fehlt.
So wurde eine Schule in Niedersachsen zur besten Schule Deutschlands gewählt und warum? Weil man dort noch Zeit hat. Zeit, den Kindern etwas zu erklären, sich zu unterhalten, Zeit zu spielen und Zeit, sich selbst zu entwickeln.
Platz eins der Schulbildung belegt Finnland mit 20 Stunden Wochenunterricht und großen Spielplätzen auf dem Schulgelände der Grundschule. Auf Hausaufgaben wird verzichtet. Die Kinder haben nicht nur den Freiraum, den sie brauchen, um sich zu entwickeln, sie haben Spaß bei der Bewegung, was aufgrund der verstärkten Sauerstoffzufuhr wiederum die Entwicklung des Gehirns fördert.
Sie haben die Gelegenheit, die Natur zu erforschen und selbst an die Naturgesetze zu stoßen, anstatt sie nur theoretisch zu erlernen. Neugierde zu entwickeln, Lust auf das Lernen zu bekommen, Spass zu haben. All das fehlt den deutschen Schulen!
In deutschen Schulen wird primär gekämpft. Die Schüler gegen die Lehrer, die Lehrer gegen die Schüler und Eltern. Die Eltern bekriegen sich mit ihren Kindern und den Lehrern.
Man spricht von Bullemie - Lernen und davon, dass sich 35 % aller Schüler gestresst fühlen. 20 % haben aufgrund des Leistungsdrucks in der Schule psychische Probleme. Jeder zweite Schüler fühlt sich überfordert. Mathelehrer sind am härtesten betroffen. Keine Berufsart kann so viele psychische und physische Probleme verzeichnen, wie die der Mathematiklehrer.
Die Schule ist der Ort des Burnouts. Keine Berufsgruppe hat mehr Fälle von Burnout, als die der Lehrer - und die Schüler folgen ihnen nach.
Vielleicht wird bei all der Förderung eines vergessen: das Spielen. Nicht das Spielen am Computer, der X-Box oder Playstation - dieses führt zu anderen Problemen, die wir einmal beiseiteschieben möchten - sondern das ganz normale kindliche Spielen.
Das Durchspielen von Situationen, um Lösungen zu finden. Das Nachspielen von Situationen um diese zu verarbeiten. Das Spielen, um sich weiterzu-entwickeln.
Wenn Frühförderung dazu führt, dass Kinder keine Zeit mehr keine Zeit mehr zum Spielen haben, so ist dies kontraindikativ.
Unser Wirtschaft aber würde die Komponenten benötigen, die unsere Kinder durch das Spielen erlernen würden, wenn sie es den täten:
• Teamfähigkeit
• Kreativität
• Eigenverantwortung.
Wir benötigen also keine neuen Lehrpläne, die sich gegen alles richten, was von Schulabsolventen gefordert wird. Wir benötigen neue Lehrpläne, die kindgerecht und entrümpelt sind. Lehrpläne, die sich an dem orientieren, was zum Erfolg führt. Zeit und Freude sind eine Komponente.
Solange aber Eltern und Schüler noch unter dem Schulwahn leiden müssen, schreiben wir weiterhin an unseren Reihen, “das ultimative Probenbuch” und “Testflipping”, um den Kindern das Lernen zu erleichtern und um das zu verschaffen, was wirklich wichtig ist: Zeit für unsere Kinder.











