(openPR) Ein Interview von Diemuth Schmidt mit der Münchner Schauspielerin Silvia de Leonardis über Rollen mit Witz, Emotionen am Set und die Ausbildung von Nachwuchs
Die erfolgreichen deutschen Krimiserien leben von ihren Besetzungen, auch in den kleineren Rollen. In „Die Rosenheim Cops“ (ZDF) macht Silvia de Leonardis zuletzt als Frau Edeltraud Gerber auf sich aufmerksam. Die klassisch ausgebildete Theaterschauspielerin (München, Konstanz, Zürich) kann dabei perfekt ihr Talent zum Komischen einsetzen. Neben ihrer Arbeit am Theater und bei Film und Fernsehen hat sich Silvia de Leonardis als Schauspiel-Coach mit Bobby Brederlow und Janin Reinhardt einen Namen gemacht. Ihre Rollen erarbeitet sie momentan mit Alex Cole Taylor aus Los Angeles, mit dem sie seit 2015 auch Schauspiel-Workshops in München gibt. Im Interview spricht sie unter anderem darüber, worauf es beim Schauspielern ankommt.
In „Die Rosenheim Cops“ verkörpern Sie eine resolute Zicke. Was macht Ihnen Spaß daran?
Silvia de Leonardis: Da muss ich gleich schon zu Beginn schmunzeln. Ich würde sagen: Zu sehen wie sehr sich mein Partner über meine Schwächen ärgert oder so richtig wütend oder genervt von mir wird. Das bereitet mir immer eine ganz besondere Freude. Je mehr er sich ärgert, desto mehr treibe ich es auf die Spitze oder je weniger er mich ernst nimmt, umso mehr gehe ich in die Wut und das Resolute. Und nach so einem Take gibt es dann immer viel zu Lachen und ich lache sehr gerne. Resolute Zicken haben ja fast immer einen gemeinsamen Nenner: Sie nehmen alles persönlich und wollen deshalb dem anderen oftmals so viel Ärger bereiten wie nur möglich. Ich liebe menschliche Schwächen und die Herausarbeitung dieser macht mir unbändigen Spaß.
Kann man das Komödiantische, also die Leute zum Lachen zu bringen, lernen?
Ich würde sagen bis zu einem gewissen Grad natürlich schon. Zuhören können ist dabei eine Grundvoraussetzung und Timing ist etwas Erlernbares, wenn man nicht ganz unmusikalisch ist. Aber ein sicherer Instinkt ist Gold wert. Der ermöglicht es einem nicht zu übertreiben, sondern jeden Moment zu erfassen, ihn bis zum geht nicht mehr auszukosten und mit dem richtigen Gefühl und der passenden Antwort zu reagieren. Als Komödiant reagiert man ja meiner Meinung nach mehr mit seinen Schwächen, als dass man agiert. Egal ob auf einen Gegenstand, eine Situation oder auf den Partner. Je ernsthafter man sich in das vorhandene Problem hineinsteigern kann, umso lustiger ist es meiner Meinung nach anzusehen.
Wo fühlen Sie sich wohler – Komödie oder Tragödie?
Ich mag beides sehr gerne. Das ist vielleicht immer ein bisschen abhängig davon, was gerade in meinem Leben Thema ist. Momentan geht es mir in meinem Berufs- wie auch Privatleben sehr gut und da reizt mich natürlich die Tragödie mehr. Da hungert meine Schauspielerseele dann danach, sich in die tiefsten Schmerzzonen hinab zu begeben und all die großen Gefühle wie Verzweiflung, Not, Angst, Schmach, Schande, Selbstvorwürfe, Erniedrigung, Demütigung zu empfinden. Ist das Leben aber gerade etwas trister, würde mich natürlich eine schöne Komödie - und ich damit auch die Komödie - sehr aufheitern.
Versucht man in der Komödie oft seine Schwächen zu verheimlichen?
Ja auch, aber ich denke nicht nur. Manchmal ist es auch herrlich erfrischend, einfach zu seinen Schwächen zu stehen. Zum Beispiel denke ich da an meinen letzten Dreh in „München 7“. Ich übernahm die Rolle der Nageldesignerin Frau Kowalska. Für mich war sie nicht sehr helle, sensationslüstern, aber gutmütig. Sie wurde von der Garderobiere auch noch in ein viel zu knappes Outfit gepackt und schon war „ich“ fertig. Ich schaltete meinen Kopf ab und lebte diese Eigenschaften besonders stark während andere Attribute meiner Person in den Hintergrund gerieten. Dem Regisseur Franz Xaver Bogner gefiel es und er verabschiedete mich nach Drehschluss mit den Worten „Es war mir ein Vergnügen“.
Wie war die Zusammenarbeit mit den Kollegen bei „Die Rosenheim Cops“?
Lustig und warmherzig. Ich halte immer noch Kontakt mit der wunderbaren und bezaubernden Marisa Burger alias Frau Stockl und mit Joseph Hannesschläger, der das Herzblut der Serie ist. Und die Arbeit mit dem Regisseur Jörg Schneider, mit dem ich schon zweimal in SOKO 5113 drehte, ist sowieso immer ein Traum.
Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor?
Oh da muss ich sagen, bin ich unglaublich ehrgeizig und fleißig. Ich arbeite, wenn genug Zeit ist, Stunden um Stunden daran. Zuerst lese ich das Drehbuch komplett durch und das, was an Angaben und Ideen zu der Figur angegeben ist. Dann lege ich es zur Seite und versuche die Figur zu erfühlen, erste Bilder kommen in meinen Kopf. Fragen tauchen auf wie „was bringt sie dazu“, „warum kann sie hier nicht anders“ usw. Im Anschluss lerne ich nach der Meisner Technik den Text auswendig und wiederhole ihn, wenn ich ihn perfekt beherrsche noch mindestens 100 Mal. Dann fange ich an, an der Figur zu arbeiten und erst dann gehe ich ans Set. Das klingt für viele verrückt oder sehr aufwändig – ist es auch, diese Arbeit ist aber in Los Angeles Standard. Dann gehe ich so gut vorbereitet ans Set, dass der Regisseur mich alles auch rückwärts spielen lassen kann und biete meine Version der Figur an.
Was reizt Sie an der Schauspielerei?
Sie gibt mir die Plattform Gefühle zu erleben und auszudrücken, die im normalen Leben keinen Platz finden. Es gibt nichts, was man von der Schauspielerei bekommen kann. Aber wenn man voll ist mit Liebe, Schmerz, Freude oder was immer es ist und wenn es unmöglich ist, all das im normalen Leben auszudrücken, dann kann man das der Schauspielerei geben und anderen Menschen helfen, durch das was man erlebt und durchgemacht hat. Das gibt der Schauspielkunst einen Wert und das liebe ich.
Sprache gehört zu den wichtigen Ausdrucksmitteln in Ihrem Metier. Was bedeutet es für Sie, auf Englisch zu drehen?
Ach, das ist ganz verrückt. Ich bin mittlerweile als Schauspielerin im Englischen besser als im Deutschen. Ist das nicht entsetzlich? Das liegt aber daran, dass ich fast nur noch auf Englisch arbeite und denke. Durch die intensive Zusammenarbeit mit Alex Taylor spreche ich alles, was die Schauspielerei betrifft seit drei Jahren fast nur noch auf Englisch. Alle Drehs übersetze ich erst ins Englische und arbeite sie mit ihm. Dann erst geht es wieder zurück ins Deutsche. Ich träume sogar schon auf Englisch. Es wird höchste Zeit, dass Alex mehr Deutsch lernt.
Sie sind auch im Bereich der Ausbildung von Schauspielern tätig. Kann jeder das Schauspielen lernen?
Ja, ich bin der festen Überzeugung, jeder kann das bis zu einem gewissen Grad mit der Meisner Technik lernen, außer vielleicht faule Leute. Wie gut jeder einzelne wird, ist natürlich unterschiedlich und manchmal auch nicht vorhersehbar. Aber auch was „gut“ oder „schlecht“ ist hat ja oft nichts zu sagen, da gehen die Meinungen ja ganz schön auseinander. Ich erlebe in der Arbeit mit Alex Taylor jeden Tag aufs Neue, wie sich Anfänger unter seinen Händen wie durch einen Zauber zu Schauspielern entwickeln. Gerade als ich im Februar für mehrere Wochen bei ihm auf seiner Schule in Los Angeles war hat mich das wieder enorm beeindruckt. Und so entstand auch die Idee, dass ich bei seinem jährlichen vier Wochen Meisner Intensive Workshop, der diesmal in Lecce, Italien stattfindet, seine Assistenz mache. Gemeinsam wollen wir Schauspielern und Schauspielerinnen hier in München und Umland die Gelegenheit geben, diese phantastische Technik zu erlernen. Wir haben vor, dass Alex ab 2017 regelmäßig nach München kommt, um Workshops zu geben und ich den Schauspielern und Schauspielerinnen in der Zwischenzeit die Basics beibringe.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die heute den Beruf Schauspieler anstreben?
Ich würde jedem Menschen raten zu tun, was sein Herz ihm sagt. Egal ob es schwer ist oder leicht. Von daher würde ich sagen: Mach, wenn dein Herz es muss, denn dann findest du auch einen Weg.











