(openPR) Von Uta Nommensen
Der historische Ochsenweg verlief quer durch Jütland und Schleswig Holstein bis an die Elbe. Mehr als 500 km über nicht befestigte Wege, Städte und viele Zollgrenzen hinweg trieben Viehhirten große Ochsenherden gen Süden. Auf den Spuren des alten Ochsenweges verläuft heute ein Rad-Fernwanderweg. Geübte Radler fahren die Strecke von Harrislee an der dänischen Grenze bis Wedel in etwa 3 Tagen ab. Sie sind damit sehr viel schneller als die Viehtreiber in alten Zeiten, die den Rindviechern keine schnellere Geschwindigkeit als 20 km am Tag abringen konnten.
Der Sandweg - grasbewachsen in der Mitte - ist gesäumt von Heidekraut und Tannen. Hier im Kropper Busch südwestlich von Schleswig drohte den Treibern mit ihren 50-100 Ochsen starken Herden Ungemach. Die ausgedehnten Heideflächen des Kropper Busches galten als schwierigster Teil der Ochsentrift. Räuber und Wegelagerer bedrohten in der Heideeinsamkeit Viehtreiber und Herden. Auch der tiefe Sand setzte den Ochsen und Treibern zu. So manches Rad brach den Viehtreibern, die den Herden mit Pferd und Wagen folgten, hier entzwei. „Du büs Kropper Busch noch nie vörbi“. Dieser Satz prangt seit Jahrhunderten über dem Eingangstor der Gastwirtschaft „Kropper Busch“. Die alte Gastwirtschaft lag bis 1845 etwa 300 m östlich direkt am historischen Triftweg. Sie und viele andere Gasthäuser entlang des Ochsenweges boten den Viehtreibern nächtliche Unterkunft und Verpflegung für die Tiere.
Doch beginnen wir die Reise in Harrislee an der dänischen Grenze. Gewundene Alleen führen an blühenden Rapsfeldern und grünen Weiden vorbei in Richtung Flensburg. Kurz vor Oeversee liegt unter einem 500 Jahre alten Weißdorn ein Gräberfeld aus der Jungsteinzeit, das schon damals den Viehtreibern als Orientierungspunkt diente. Im 15. und 16. Jahrhundert trotteten 50 000 Ochsen in einem Jahr über die Grenze. Als im 19. Jahrhundert die Straßen ausgebaut wurden und die Eisenbahn den Betrieb aufnahm, hatten die Ochsenwege ihre Funktion verloren und gerieten in Vergessenheit. Leider ist heute nur noch ein Zehntel des alten Ochsenweges erhalten. Ein Großteil der Strecke ist durch Betonstraßen überbaut. Doch immer wieder lassen sich gut erhaltene Teilstrecken der alten unbefestigten Straße entdecken wie in Lürschau und bei Schuby, wo uralte, tief gefurchte sandige Pfade übers Feld und durch den Wald in Richtung Schleswig führen.
Schleswig
Schleswig liegt inmitten einer idyllischen Hügellandschaft am Ende der Schlei. Mit dem stattlichen Schloss Gottorf, das ein Museum beherbergt, dem Wikinger-Museum in Haithabu und dem Städtischen Museum gilt die Stadt als ein Zentrum norddeutscher Kultur. Weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt ist der Dom mit seinen zahlreichen Kunstschätzen. Vor 1200 Jahren siedelten sich die Wikinger westlich von Schleswig an und errichteten das größte Handelszentrum des Nordens: Haithabu, von dem jedoch nur wenige Spuren erhalten sind.
Auf dem Holm in alten Kern von Schleswig wähnt sich der Gast in einer anderen Zeit. Kleine Giebelhäuser mit „Klööndören“, - geteilten Türen, die man für einen Klönschnack oben öffnet - säumen die Kopfstein gepflasterten Straßen. Stockrosen und kleine Blumenrabatten schmücken die niedrigen Häuschen. Am nahen Schleiufer dümpeln Fischerboote vor sich hin und die Netze hängen zum Trocknen in der Sonne.
Südlich von Schleswig führt der Ochsenweg am Dannewerk vorbei, wie der um 650 errichtete, 30 km lange Danewall genannt wird. Er markierte bis ins 13. Jahrhundert die Grenze zu Dänemark. Grünbewachsene Wälle zeugen noch heute von der monumentalen Verteidigungsbastion. Nach dem abenteuerlichen Weg durch den Kropper Busch gelangten die Ochsentreiber schließlich nach Rendsburg. Wer nicht bereits in Schleswig 8 Schilling Wegezoll gezahlt hatte, den baten die Rendsburger im alten Zollhaus zur Kasse. „Schmuggler“ trieben damals ihre Herde an Rendsburg vorbei über die Eiderfurt, um dem Zoll zu entgehen. Radfahrer, die heutzutage an der Eider entlang fahren, genießen die Fahrt an den schilfbewachsenen Hängen des Flusses.
Südlich der Eider teilt sich der Ochsenweg. Östlich führt die Achse über Neumünster am Aukrug vorbei. Ein Abstecher dorthin lohnt sich – ob mit dem Rad oder mit dem Auto. Dort können Hobby-Archäologen auch ein Stück Ur-Ochsenweg bestaunen. Im Heidegebiet vor Gnutz im Aukrug ist über mehrere hundert Meter eine breit ausgetretene Spur zu sehen.
Der Aukrug
Eine industriefreie, unspektakuläre und doch zauberhafte Naturidylle inmitten von Schleswig-Holstein! Zahlreiche Bäche und Auen winden sich durch natürlich gewachsene Wälder und weitläufige Weidegebiete. Moore und Heidelandschaften und dazu der 77m hohe Boxberg gehören ebenso zu diesem harmonischen Landschaftspanorama, das zu Radwanderungen nicht nur auf dem Ochsenweg und Reitertouren einlädt. Südlich von Neumünster entlang der Bundesstraße 4 ist die Trasse des Ochsenweges gut zu erkennen. Wie viele Ochsen zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert durch diese Allee getrieben wurden, wer vermag es zu sagen? Nahe der Autobahn Großenaspe befindet sich ein weiteres Relikt des alten Ochsenweges: die Überreste einer Steinbrücke von 1728.
Bad Bramstedt
Hier kündet die hölzerne Roland-Statue auf dem städtischen Ochsenmarkt vom historischen Handel. Bereits im 15. Jahrhundert soll eine erste Roland-Statue auf dem Markt errichtet worden sein. Der Roland symbolisierte Marktgerechtigkeit, unter ihm schlossen die Kaufleute ihre Verträge.
Im 20. Jahrhundert entwickelte sich Bad Bramstedt zu einem anerkannten Sole- und Moorheilbad. Im beschaulichen Luftkurort kurieren Gäste ihre rheumatischen und psychosomatischen Beschwerden aus. Die schöne Natur rund um das Städtchen hilft ihnen bei der Genesung. Die Auenlandschaft mit Wald, Heide und Moor ist ideal für Radtouren, Wanderungen und Kanu- oder Kajakfahrten. Sehenswert auf der Osterauinsel ist die ehemalige Bramstedter Wassermühle. Nahe Uetersen vereinen sich der westliche und der östliche Zweig des Ochsenweg aufs Neue und zielstrebig führt die Route der alten Triftstraße nach Wedel. Die westliche Route des Ochsenweges verläuft über Hohenweststedt nach Itzehoe.
In Itzehoe
kreuzte der westliche Ochsenweg einen weiteren Handelsweg, der Nord- und Ostsee miteinander verband. Hier stößt die schiffbare Stör auf die Landwege. Doch ob die Ochsentreiber diese Möglichkeit nutzten und die Ochsen auf dem Wasserweg weiter transportierten? Wohl kaum. Bereits seit 1238 hat Itzehoe das Stadtrecht. 1462 wird zum ersten Mal über den großen „Ossenmarkt“ in Itzehoe berichtet. Angeboten wurde vor allem Vieh aus Jütland, das auf den Weiden rund um Itzehoe fett gemästet wurde, um dann nach Hamburg verkauft zu werden. Spaziert man heute durch Itzehoe, künden barocke Gebäude und vor allem der romantische Prinzesshof mit der St. Laurentii Kirche und dem Kreuzgang von jenen alten Zeiten, in denen Viehtreiber ihre fünfzig oder hundert Ochsen starken Herden unter lautem Muhen und trampelnden Hufen durch den Ort trieben. Sicherlich war dies im Frühjahr, wenn die Herden auftauchten, immer wieder ein neues Spektakel für die Stadtbewohner.
Die Elbmarsch
Von Horst, einem alten Ochsenrastplatz führt die historische Trift durch den „Ossenpad“ in Uetersen bis nach Wedel. Bei Elmshorn mussten Menschen und Vieh mit Fährkähnen die Krückau überqueren. Heute ist diese vermutlich kleinste Fähre Deutschlands wieder in Betrieb, nachdem die Fährverbindung jahrzehntelang stillgelegt war. Nach alter Tradition setzt der Fährmann mit einem Riemen – einem langen Stock- über. Der Fährkahn bewegt den Kahn allein durch seine Körperkraft. Einzigartig in Schleswig-Holstein.
Die Elbe war nicht mehr weit, wenn die Ochsen die Elbmarsch erreicht hatten, die sich vorzüglich als „Fettweide“ zum Mästen eigneten. Nach diesen strapaziösen Märschen über Hunderte von Kilometern hatten die Ochsen bis zu 100 Kilogramm an Gewicht verloren, sicherlich sahen manche ausgemergelt und unansehnlich aus. Welcher Viehhändler will schon einen mageren, müden Ochsen erwerben? Also gewährten die Viehtreiber den Tieren eine Ruhezeit, in denen sie auf den sattgrünen Wiesen der Elbmarsch Gras fressen, fressen und noch einmal fressen konnten – solange, bis ihr Fleisch einen saftigen Rinderbraten versprach. Auf den großen Viehmärkten in Wedel, Pinneberg, Altona und Hamburg schließen wechselten schließlich Tausende Ochsen die Besitzer. Vielleicht ging die Reise auch noch weiter bis nach Niedersachsen oder in die Niederlande. Doch wo die Ochsentour auch endete, in Pinneberg, Amsterdam oder Kassel. Eines ist sicher: der Kochtopf war die letzte Station.












