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Nachwuchsförderung im Fußball – Talente als Wirtschaftsgut?

18.08.201413:10 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: Nachwuchsförderung im Fußball – Talente als Wirtschaftsgut?
Int. Berufsakademie in Hamburg, Fußball-Tagung mit Stefan Schnoor, Jörg Zeitz und Matthias Seidel
Int. Berufsakademie in Hamburg, Fußball-Tagung mit Stefan Schnoor, Jörg Zeitz und Matthias Seidel

(openPR) Unter diesem Motto stand die Podiumsdiskussion auf dem Campus der Internationalen Berufsakademie in Hamburg. Initiator war der der Berufsverband der Sportökonomen / -manager, kurz VSD. Nach einer Begrüßung durch den wissenschaftlichen IBA-Leiter Dr. Rainer Grothusen leitete Oliver Wegmann, IBA-Absolvent und VSD-Sprecher der Nachwuchsförderung, zur Podiumsrunde über: Alle fünf Diskutanten sind beruflich im Leistungsfußball verortet, aber in unterschiedlichen Berufszweigen tätig.



Dr. Olaf Rosenthal argumentiert aus sportwissenschaftlicher Sicht. Wirtschaftliche Aspekte beleuchten Matthias Seidel, Geschäftsführer von transfermarkt.de und Jörg Zeitz, geschäftsführender Gesellschafter des Hanseatischen Fußball Kontor. André Bichler coacht mit seiner Agentur Extraplan Profisportler auf dem Weg in die zweite Karriere und der ehemalige Fußballprofi Stefan Schnoor überzeugt mit seinem Insiderwissen.

Marktwert und Medienmacht

„Das Transfermarkt-Portal wuchs rein viral, von 70 Fans zu 700.00 Klicks am Tag“, sagt Matthias Seidel. Transfermarkt ermittelt über Votings den Wert der Fußballspieler, die letzte Entscheidung treffen dann Experten. Natürlich gibt es Versuche, von außen die Ergebnisse zu manipulieren“, dank der medialen Öffentlichkeit werde dies aber bekannt.

Stefan Schnoor, bekannter Ex-Profifußballer bei HSV und Wolfsburg, sagt, dass heute alle Sportler unter ständiger medialer Beobachtung stehen- dies sei besonders für junge Spieler schwierig zu bewältigen. „Ausrutscher wie von Kevin Großkreutz gab es auch früher, nur hat man sie nicht gefilmt und auf Facebook veröffentlicht“. Heutzutage verdienten junge Spieler allerdings viel mehr Geld als in den 90ern. Entscheidend für eine Fußballkarriere sind Talent und Persönlichkeit, so Schnoor, denn die Spieler müssen großem Druck standhalten. „Verrückte Typen wie Effenberger und Basler gibt es nicht mehr im Profifußball“. Junge Athleten lernen in den Nachwuchsleistungszentren, sich medienkonform zu verhalten und nicht anzuecken. „Sie sind glattgebügelt und darauf getrimmt, nach dem Spiel Journalistenfragen zu beantworten und bei Sponsorenrunden aufzutreten“. Weniger stark dem öffentlichen Druck ausgesetzt seien Spieler in kleineren Städten wie Bremen oder Freiburg.

Junge Spieler: Menschen und Wirtschaftsfaktor

Jörg Zeitz investiert vorrangig in Spieler unter 23 Jahren, für ihn ein „ ein nachwachsender Rohstoff“. Im Alter von 28 oder 29 Jahren hätten Fußballer mehr Nutzwert als Verkaufswert und werden kaum noch verkauft. Das Hanseatische Fußball Kontor vergibt Darlehen an Vereine, die diese für Spielerankäufe nutzen. Bei Verkauf verdient die Agentur an den Transfererlösrechten. Laut Zeitz kooperieren bereits junge Spielern mit Beratern. „Seriöse Berater kann man an einer Hand abzählen“ sagt Stefan Schnoor dazu, „vielleicht an zwei Händen“. Dr. Rosenthal hat mehr als 600 Karriereverläufe von Fußballtalenten in Förderprogrammen untersucht und seine Ergebnisse in Buchform veröffentlicht. „Die Nachwuchsleistungszentren legen ein besonderes Augenmerk auf die schulische Ausbildung“, weiß Rosenthal. In Barcelona entscheiden die Schulnoten bei gleichwertiger spielerischer Qualifikation sogar über eine Nominierung im Kader. Schwierig wird es für junge Talente, wenn sie es nicht in die Bundesliga schaffen. Dann steht eine Neuorientierung im Berufsleben an.

Spanien ist laut Schnoor Meister der Frühförderung. „Messi wurde schon mit 13 Jahren mitsamt Familie aus Argentinien angeworben“. „Die Schwelle zum Profi-Sportler zu überschreiten gelingt übrigens nur wenigen Talente, von etwa 200 schaffen es zwei in die Profiliga“, so Rosenthal.

Was kommt nach der Sportlerkarriere?

André Bichler von Extraplan, der Agentur für den Berufsweg nach der Profikarriere, zählt überwiegend Fußballer zu seinen Kunden. Der Bedarf sei groß und „im besten Fall melden sich die Sportler schon einige Jahre vor Ende der Sportlerkarriere, also nicht erst mit ca. 35 Jahren. Je früher man sich mit der zweiten Karriere beschäftigt, desto einfacher ist die Planung“.

Vereinsmanagement oder Missmanagement?

Nach einer Pause mit angeregten Gesprächen läutet Moderator Florian Oediger (Abteilungsleiter Redaktion SPONSORS) die zweite Halbzeit der Podiumsrunde ein. Welche Tendenzen zeichnen sich im Profifußball ab? „Seit Einführung der Nachwuchsleistungszentren ist die Zahl der Profisportler und derjenigen, die in diesem Sektor arbeiten, enorm gestiegen“, sagt Rosenthal. Profifußballer werden immer jünger. „Das Durchschnittsalter der Fußballkader liegt heute bei 24 Jahren“, da Laufstärke und Kondition wichtiger sind denn je.

Aus welchen Vereinen stammen die meisten Fußballprofis? Schalke und Bayern München liefern die meisten Nachwuchsspieler, stellt Rosenthal fest. Das Management von Bayern München ist bekanntermaßen besonders erfolgreich. Dort seien Sportdirektoren am Zug, die selbst eine Fußballer-Karriere absolviert haben. In Bayern spielen mit Schweinsteiger, Müller, Kroos etc. übrigens besonders viele vom Verein ausgebildete Spieler, die später zudem nur selten verkauft werden.
„Viele Vereine könnten nicht wirtschaften“, sagt Stefan Schnoor, was andere Diskussionsteilnehmer bestätigen. „Nicht nur Verkäufe spülen Geld in die Vereinskassen, auch Marketingrechte und Merchandising“. Manche Vereine setzten allerdings in der Hauptsache auf den Verkauf von Spielern. Werden die Vereine von Sportchefs oder von Investoren wie Kühne oder Abramowitsch bestimmt? Zweites läuft meistens schief, so Schnoor. Der Ex-HSV-Spieler verweist auf den Investor Kühne, der den Kauf von van der Vart gepusht habe. „Paderborn spielt mit einem Budget von 6 Mill. in der Bundesliga, der HSV verfügt über 40 Mill. und ist wirtschaftlich angeschlagen.“ Die Diskussionsrunde ist sich einig: Die Wirtschaft übt teils einen schädlichen Einfluss auf die Vereine und die Talentförderung aus, wenn sie Entscheidungen nicht den sportlichen Leitern überlässt. „Außerdem gibt es in Deutschland anders als in sonstigen Ländern generell zu viele Trainerwechsel“, sagt Rosenthal. Ferguson habe Manchester United 27 Jahre lang trainiert. „Es sei wichtig, einmal einen Weg zu Ende zu gehen und langfristig Stärken aufzubauen – und gegebenenfalls eine Zeitlang Gegenwind zu ertragen.“

Sind Nachwuchstalente nun Wirtschaftsgüter, fragt Moderator Wegmann am Ende die Podiumsrunde. Alle fünf Herren antworten mit JA. Oediger dankt den Gästen u.a. vom Deutschen Tennisbund, vom NDR, Hannover 96 und dem Hamburger Sportbund, die mit fachkundigen Fragen weiteren Schwung in die lebendige Debatte brachten. Das letzte Wort hat Dr. Grothusen von der Internationalen Berufsakademie. Er schlägt für das kommende Jahr eine zweite Diskussionsrunde zu neuen Perspektiven für Profi- und Amateursportvereine mit professionell ausgebildeten Sportmanagern vor – gern wieder in den Räumen der Internationalen Berufsakademie. Uta Nommensen

VSD Verband für Sportökonomie und Sportmanagement in Deutschland e. V.
Postfach 11 03 53 - 69072 Heidelberg

VSD-Arbeitskreis-Sprecher „Nachwuchsförderung“ Oliver Wegmann
Mail: E-Mail
Mobil: 0152 01988386

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