(openPR) Intensivtherapie: "Wenn 'kritisch Pflegende' ihr Handeln als 'Suche nach einer Antwort' auf das Hilfsbegehren des Patienten beschreiben, drückt sich darin Fürsorge aus. Die Pflegenden generieren situativ-leibvermittelte Wissenskorrelate, nutzen ihren 'natürlichen' Zugang zum Anderen und setzen sich (selbst-)kritisch mit der Komplexität der Versorgungsverhältnisse auseinander," reflektiert der Intensivpfleger Dr. Stefan Maul seinen Beruf. In seiner Dissertation "Konstitutionen intensivpflegerischen Handelns" analysiert er "Prozesse der Erkenntnis im Kontext der Arbeit mit komatösen Patienten".
Der Pflegewissenschaftler lässt keinen Zweifel: "Die Anschauung der Versorgungsverhältnisse, einschließlich der eigenen Kompetenzen, bedingt Aufmerksamkeit. 'Kritisch Pflegende' sind nicht gänzlich von sich eingenommen, so dass sie eine gewisse Freiheit für das unmittelbare Erleben auszeichnet. Die spürbare Betroffenheit ist mehr als eine Tugend, denn ihre Einsicht in die menschliche Torheit, als Mangel an Vernunft, gelingt unter der Voraussetzung (selbst)-kritischer Reflexion."
Der Autor gibt zu bedenken, "dass der aktuelle Einsatz von Bewusstseinsklassifikationssystemen auf deutschen Intensivstationen zumeist die körperliche Dysfunktion zum Dreh- und Angelpunkt intensivtherapeutischer Handlungen macht und das vorherrschende Körperkonzept sich auf defizitäres Bewusstsein reduziert. Anderseits ist in pflegetherapeutischen Förderkonzepten ein Menschenbild der biopsychosozialen Einheit ausgewiesen, deren Umsetzung eine dialogwürdige Anschauung von Menschen im Koma voraussetzt, um weiterführende Anknüpfungspunkte an die verblasste Kommunikationsfähigkeit eines existenten Mit-seins zu nutzen.
Die Untersuchung von Selbsterfahrungsberichten ehemals komatöser Patienten macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass Patienten in Abhängigkeit von der Tiefe des Komas ihre Umgebung aufnehmen und interpretieren." Entsprechend "gilt, die Interaktion mit dem schwerkranken Menschen selbst als Element moralischer Urteilsbildung aufzufassen und Pflegende konkret zu befragen, über welche Zugänge und über welches Wissen eine Perspektivverschränkung mit dem Patienten für ein Verstehen situationsspezifischer Handlungsansprüche auf den Intensivstationen tatsächlich stattfindet."
Als zentrales Motiv seiner Arbeit bezeichnet Stefan Maul "die Herausforderung, sich in der Klinik mit dem 'Willen des Patienten' als Entscheidungskorrektiv für die Behandlungs- und Pflegeziele auseinanderzusetzen."
>> Stefan Maul: Konstitutionen intensivpflegerischen Handelns. Prozesse der Erkenntnis im Kontext der Arbeit mit komatösen Patienten. Pabst, 252 Seiten, ISBN 978-3-89967-875-8










