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Rogate-Kloster: Interview mit Pastorin Fanny Dethloff über das Asyl in der Kirche

15.07.201412:36 UhrVereine & Verbände
Bild: Rogate-Kloster: Interview mit Pastorin Fanny Dethloff über das Asyl in der Kirche
Fünf Rogate-Fragen an Pastorin Fanny Dethloff
Fünf Rogate-Fragen an Pastorin Fanny Dethloff

(openPR) Fünf Fragen an Pastorin Fanny Dethloff über humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen, Asyl in der Kirche und die Bibel als Buch der Migranten.

Fanny Dethloff ist seit 2002 Flüchtlingsbeauftragte der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche (heute Nordkirche). Sie lebt in Hamburg. Zu den Themen ihrer Veröffentlichungen gehören Sterbe-, Trauerbegleitung und Hospizarbeit, Glaubensfragen und Erwachsenentaufe. Drei Jahre war sie als Gefängnisseelsorgerin in der Abschiebungshaft in Hamburg tätig und seit 2004 ist sie Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche.



Rogate-Frage: Frau Pastorin Dethloff, Sie sind Vorsitzende der “Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche”. Wie haben Sie die Frage nach dem Kirchenasyl von Flüchtlingen in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wahrgenommen?

Fanny Dethloff: Sie müssen schon entschuldigen, aber wir haben zur Zeit 108 Kirchenasyle in Deutschland. Allein in Bayern sind es 46, darunter viele katholische Gemeinden. Wenn es um humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen geht, die in anderen EU-Staaten einen Aufenthalt haben, ist dies ein Eintreten gegen die sogenannte Dublin-Verordnung, diese besagt, dass Menschen immer wieder dorthin zurückgeschoben werden, wo sie Europa betreten haben. Da in solchen Fällen niemand sich staatlicherseits zuständig fühlt oder aber vielen Menschen sofort mit Inhaftierungen und Rückschiebungen Angst eingejagt wird, so dass immer mehr Menschen suizidal sind, ist hier der Schutzraum Kirche besonders angefragt. Allen Gemeinden wünsche ich eine besondere Wachheit und Aufmerksamkeit, denn hier ist sowohl das christliche Zeugnis gefragt – wie auch das Zeuge-sein für die Menschenrechte mitten unter uns.

Rogate-Frage: Die Gedächtnis-Kirchengemeinde, der Gemeindekirchenrat und die Pfarrer haben das Anliegen der Flüchtlinge ernst genommen und versucht, einen guten Weg zu finden. Ist es ihnen gelungen oder was hätte von Seiten der Kirche besser gemacht werden können?

Fanny Dethloff: Ich lehne es ab, besserwisserisch aus einer anderen Stadt oder kirchlichen Position Schwestern und Brüder wertend Kommentare zu geben. Demut ist die höchste Form des Muts und die Ohnmacht ist Ort der Spiritualität in der täglichen Flüchtlingsarbeit, denn nur zu oft kommt man rechtlich an die Grenze und kräftemäßig auch. Ich rate jeder Gemeinde sich ernsthaft die Fragen zu stellen, wie sie mit den unter die Räder gekommenen Geschwistern, mit den Botschaftern der Armut, die wir mitverantworten, mit ankommenden Asylsuchenden, mit verzweifelten abgelehnten Flüchtlingen, mit weiterwandernden aus anderen EU-Ländern umgehen wollen.

Rogate-Frage: Sie haben bereits eben Zahlen genannt: Derzeit gibt es bundesweit 108 Kirchenasyle mit mindestens 193 Personen. Könnten Sie die Daten für uns einordnen? Sind es zu hohe oder zu niedrige Zahlen für ein christliches Engagement in unserem Land?

Fanny Dethloff: Nach langen Zeiten, in denen weniger Menschen auf der Flucht waren oder hier ankamen, steigen die Zahlen – nicht nur die Asylbewerberzahlen, sondern auch die der Kirchenasyle. Immer mehr Christinnen und Christen haben verstanden, dass christliche Gastfreundschaft, solidarisches Willkommen, mitmenschliche Aufnahme Werte sind, die uns die Bibel vorgibt. Es ist gelebtes Beten, wenn wir in den Asylbewerberunterkünften tätig werden. Immer mehr Menschen bekommen deshalb auch mit, wenn Menschen plötzlich zurück nach Bulgarien, Italien, Ungarn oder Malta sollen, und verstehen es nicht. Immer mehr werden Zeugen bei Ablehnungen und verstehen nicht, wieso z.B. eine Taufe nicht asylrelevant sein soll, wenn die Bedrohung im Herkunftsland gegeben ist oder warum eine Minderheit aus einem anderen EU-Land trotz dort vorherrschender Katastrophe (wie in Serbien) einfach abgeschoben werden.

Rogate-Frage: Welche Beziehung gibt es zwischen Spiritualität und Flüchtlingsarbeit?

Fanny Dethloff: Das Buch der Bibel ist ein Buch der Migranten, der Wandernden und der Flüchtlinge, mehr als das der Angekommenen. „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen….“ Ich kann Jesus lange in meinem eigenen Leben suchen und versuchen, ihn in der Abgeschiedenheit und Stille zu entdecken. In der Begegnung aber ereignet sich Gott. Das ist die Zusage.

Rogate-Frage: Es braucht sicher nicht immer das Kirchenasyl. Wie können sich Kirchengemeinden und christliche Gemeinschaften für Flüchtlinge und ihre Anliegen einsetzen?

Fanny Dethloff: Es gibt eine Kommunität, in der die 97- und die 93-jährige Schwester ganz konkret immer wieder an unsere Arbeit denken, für uns am Flughafen, wo es eine menschenrechtliche Abschiebebeobachtung gibt, oder für das konkrete Kirchenasyl beten. Das ist eine Kraft, die uns beflügelt. Wachsein und von diesem Arbeitsfeld wissen, an die denken, die sich dem Leid, den Sorgen, dem alltäglichen Rassismus und den oft ungerecht wirkenden Gesetzen aussetzen, das wäre schon eine Menge.
Und dann gibt es da besondere Gottesdienste, wie das Requiem, das Gedenken an die im Mittelmeer an den EU-Außengrenzen Verstorbenen, das alle europäischen Kirchen aufgegriffen haben. Es tut not, die Scham, die Schuld, die Verquickung, in die Verantwortung für die ungerechten Zustände, offen zu bekennen. Es braucht die Spiritualität, das Gebet – um dann wieder ins Handeln zu kommen. Es braucht den Halt, um die Haltung wiederzufinden.

Rogate: Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr über die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche finden Sie hier: www.kirchenasyl.de

Weitere Freitagsfragen – und Antworten – finden Sie hier: www.Rogatekloster.de

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