(openPR) Das Berufsförderungswerk Leipzig (BFW Leipzig) richtet am 8. Mai 2014 ein rehawissenschaftliches Kolloquium mit dem Thema „Traumatische Erlebnisse in der Arbeitswelt - Herausforderung: Prävention und Nachsorge“ aus. Schwerpunkte dieser wissenschaftlichen Fachtagung werden Diagnose, Therapieansätze und Möglichkeit der Eingliederung von Betroffenen ins Arbeitsleben sein.
Durch die Kampfeinsätze der Bundeswehr u.a. auf dem Balkan oder in Afghanistan trat das Krankheitsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auch in das öffentliche Bewusstsein der Bundesrepublik. Dass PTBS aber nicht nur ein reines Problem bei der Verarbeitung von militärischen Kampfeinsätzen sei, erläutert Prof. Dr. med. Hubertus Himmerich, Claussen-Simon-Stiftungsprofessur zu Neurobiologie affektiver Störungen an der Medizinische Fakultät der Universität Leipzig. Prof. Himmerich wird über „Diagnostik und Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Soldaten der Bundeswehr“ auf dem rehawissenschaftlichen Kolloquium referieren.
Frage: Seit wann spricht man in der Medizin von Posttraumatischen Belastungsstörungen im Zusammenhang mit militärischen Konflikten? Wie wurde PTBS als psychische Störung entdeckt?
Antwort: Die Anzeichen und Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind schon mindestens seit der Antike bekannt. Der Begriff der Posttraumatischen Belastungsstörung wurde jedoch erst geprägt, als dieses Syndrom in den 1960er und 1970er Jahren in den USA zu Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung von Vietnamveteranen in das zivile Leben führte. Im ersten Weltkrieg hatten sich bereits Psychiater therapeutisch und wissenschaftlich mit den vielen Soldaten beschäftigt, die Graben- und Stellungskämpfe miterlebten und unter diesen katastrophalen Erlebnissen litten. Diese Soldaten waren teilweise so schwer betroffen, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen halten und nicht mehr essen konnten. Weil sie stark zitterten wurden sie „Kriegszitterer“ genannt. Als Behandlung erhielten sie zum Teil unmenschliche Therapien wie die Starkstrombehandlung, oder sie wurden als Feiglinge bezeichnet und erschossen.
Frage: Sind nur aktive an Kampfeinsätzen beteiligte Bundeswehrsoldaten von PTBS betroffen? Welche Symptome deuten auf eine PTBS hin?
Antwort: Von einer PTBS spricht man in der Medizin, wenn ein Mensch in Folge eines Erlebnisses außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes schwerwiegende psychische Probleme bekommt. Es kann sein, dass sich ein Betroffener immer wieder ungewollt an dieses Erlebnis erinnert, dass er sich in Situationen innerlich bedrängt fühlt, die diesem Ereignis ähneln, dass er alles vermeidet, was ihn an das Erlebnis erinnert, und dass er Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit oder Wutausbrüche entwickelt. Die Betroffenen ziehen sich häufig sozial zurück, stumpfen emotional ab und werden gegenüber ihren Mitmenschen gleichgültig. Die Symptome treten teilweise erst Monate nach dem erlittenen traumatischen Erlebnis auf. Nicht nur an Kampfeinsätzen beteiligte Bundeswehrsoldaten können unter einer PTBS leiden. Auch Menschen, die sexuell oder körperlich misshandelt wurden, die Opfer von Geiselnahmen, Naturkatastrophen, Terroranschlägen oder anderen schrecklicher Ereignisse geworden sind, oder Zugführer können an einer PTBS erkranken, die jemanden mit ihrem Zug überfahren haben, der sich in der Absicht vor den Zug geworfen hat, sich das Leben zu nehmen.
Frage: In den Medien wurden u. a. Beispiele der amerikanischen Streitkräfte veröffentlicht, die mit einer Art Videospiel die betroffenen Soldaten mit teils realistischen Situationen konfrontieren. Was halten Sie von dieser Behandlung oder wo liegen Ihre Ansätze? Und, ist PTBS heilbar?
Antwort: In der Psychotherapie spielen Video- und Internet-basierte Therapien eine zunehmend größere Rolle. Es ist schwierig, zügig einen ambulanten Psychotherapeuten zu finden. Die Video- oder Internet-basierte Therapie kann dagegen bei leichteren Formen der PTBS kostengünstig und ohne Wartezeit eingesetzt werden. Darüber hinaus kann im Rahmen einer Verhaltenstherapie mit einem Psychotherapeuten die Simulation einer Kriegssituation per Video- oder Computertechnik die Möglichkeit bieten, eine Konfrontation mit der belastenden Situation herzustellen. Viele Soldaten mit PTBS sind gerne Soldat und wollen psychisch wieder so gesund werden, dass sie erneut in einen Auslandseinsatz gehen können. Hier kann eine solche Simulation oder das Ansehen per Video aufgezeichneter Kriegssituationen helfen, die Soldaten wieder an gefährliche Situationen heranzuführen. Es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten der PTBS, z.B. die Traumafokussierte Verhaltenstherapie oder das sogenannte EMDR, wo die Situation in der eigenen Vorstellung noch einmal durchlebt wird. Außerdem können Medikamente den Heilungsprozess unterstützen. Nicht immer gelingt eine komplette Heilung, aber in den meisten Fällen kann eine deutliche Besserung der Beschwerden erreicht werden, die ein weitgehend normales Zivilleben oder sogar einen erneuten Einsatz als Soldat zulässt.
Frage: Sie die Betroffenen wieder in Arbeitsprozesse integrierbar? Welche Spannungskonflikte können im „normalen“ Arbeitsleben auftreten? Wie ließen diese sich verhindern?
Antwort: Prinzipiell sind auch Menschen, die an einer PTBS leiden, nach erfolgreicher Behandlung sehr gut in das Arbeitsleben integrierbar. Die Arbeit kann sogar helfen, die eigene Rolle in der Gesellschaft wiederzufinden. Wichtig ist die Information für die Betroffenen, dass die psychischen Symptome nach einem schrecklichen Ereignis eine Krankheit darstellen können und behandelbar sind. In jedem PTBS-Fall sollte eine Therapie und bei Bedarf eine medizinische und berufliche Rehabilitationsmaßnahme eingeleitet werden. Die Bundeswehr hat ein psychosoziales Netzwerk etabliert, das von der Selbst- und Kameradenhilfe, über psychologische Ersthelfer, Truppenpsychologen und Truppenärzte bis zu den Wehrpsychiatern in Bundeswehrkrankenhäusern reicht. Ein solches Netzwerk ist auch in anderen Bereichen wünschenswert und teilweise etabliert, wenn das Risiko für eine PTBS mit dem Beruf verbunden ist - z. B. bei der Polizei, der Feuerwehr oder der Deutschen Bahn. Wird eine PTBS nicht erkannt und nicht behandelt, drohen Schlafstörungen, Müdigkeit am Arbeitsplatz, Arbeitsunfälle und soziale Probleme durch Aggressivität, Depression oder inneren Rückzug auf Seiten der Betroffenen sowie Unverständnis und Ausgrenzung auf Seiten ihrer Kollegen.
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Erstellt: Michael Lindner/BFW Leipzig
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Rehawissenschaftliches Kolloquium: „Traumatische Erlebnisse in der Arbeitswelt – Herausforderung: Prävention und Nachsorge“
Datum: 8. Mai 2014, 9:30 – 16:00 Uhr
Ort: Berufsförderungswerk Leipzig, Georg-Schumann-Straße 148, 04159 Leipzig










