(openPR) Nicht erst der Fund der Gurlitt-Sammlung in München-Schwabing führt uns vor Augen, dass das Thema der nationalsozialistischen Kunstraubzüge bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist. Weitgehend unbekannt war die Existenz des Central Collecting Points im heutigen Landesmuseum Wiesbaden, wo nach dem Zweiten Weltkrieg durch die amerikanischen Besatzer Kunstschätze zusammengetragen und auf ihre Eigentumsverhältnisse überprüft wurden. Diese Forschungslücke schließt nun Tanja Bernsau mit ihrer jetzt veröffentlichen Dissertation über die "Besatzer als Kuratoren" und ihrer Tätigkeit in der Wiesbadener Sammelstelle.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete auch für den Bereich der Bildenden Kunst eine Zäsur. Die vielbesprochene "Stunde Null" erforderte einen Wiederaufbau in der Infrastruktur der deutschen Museumslandschaft: Zahlreiche Gebäude, in denen bislang Kunst gezeigt wurde, waren beschädigt oder zerstört, "nationalsozialistisch vorbelastetes" Personal musste ersetzt, die Sammlungsbestände neu strukturiert werden. Letztere waren bei Kriegsende teilweise zum Schutz ausgelagert, vieles war durch Kriegseinwirkung oder auch durch den NS-Kunstgeschmack unwiederbringlich für die deutschen Sammlungen verloren. Bei dieser Wiederaufbauarbeit hatte die deutsche Bevölkerung tatkräftige Unterstützung durch die Länder, von denen sie im Krieg besiegt worden waren: die alliierten Besatzer.
Die vorliegende Untersuchung hat sich als Schwerpunkt die in der amerikanischen Besatzungszone gelegene Stadt Wiesbaden mit dem dort befindlichen Central Collecting Point (CCP) gesetzt. Demzufolge lag auch der Fokus der Untersuchung auf der Aktivität der amerikanischen Besatzer. In der Arbeit wurde das Wirken der Monuments, Fine Arts & Archives-Organisation (MFA&A) im Allgemeinen und am konkreten Wiesbadener Beispiel vorgestellt. Die MFA&A war eine anglo-amerikanische Kunstschutzorganisation, die sich bereits während des Zweiten Weltkrieges gegründet hatte und die ihren Ausgang an den Ivy-League-Universitäten und den renommierten Kunstmuseen der amerikanischen Ostküste hatte. Ausgehend von der Sorge um die eigenen, aber zunehmend auch der europäischen Kunstschätze während des Krieges formierten sich Kunsthistoriker um den Museumskundler Paul Sachs (Harvard University), um Maßnahmen zum Kulturgüterschutz zu organisieren. So kamen die Monuments Men, deren Geschichte aktuell von George Clooney gleichnamig verfilmt wurde und im Februar auch in Deutschland in den Kinos zu sehen sein wird, nach Europa und auch nach Deutschland. Für ihre Arbeit hatte sich die MFA&A drei Ziele gesetzt: Kulturgüterschutz, Restitution und der Aufbau der Museumslandschaft.
Zu den schützenswerten Gebäuden und Denkmälern kamen die Sammlungen der europäischen Museen, Bibliotheken, Archive und Kirchen. Deren Bestände waren im Krieg aus den Städten in (Salz-)Bergwerke, Schlösser, abgelegene Herrenhäuser, Scheunen und ähnlichem ausgelagert worden. Diese repositories wurden von den Alliierten aufgesucht und ihr Inhalt sichergestellt. Da bei den meisten dieser Auslagerungsstätten eine dauerhafte Unterbringung der eingelagerten Gegenstände nicht förderlich war, trugen die amerikanischen Besatzer die von ihnen gefundenen Kunstwerke in sogenannten Central Collecting Points zusammen, die in erster Linie in den Städten München, Wiesbaden, Marburg und Offenbach eingerichtet wurden.
Der Wiesbadener Central Collecting Point (WCCP) wurde im heutigen Hessischen Landesmuseum eingerichtet. Eingelagert waren dort hauptsächlich die Sammlungen der Berliner Museen, die gegen Ende des Krieges in die Salzminen von Merkers (Thüringen) ausgelagert worden waren und von da aus von den amerikanischen Besatzern nach Frankfurt gebracht wurden. Der WCCP wurde durch Capt. Walter I. Farmer, dem ersten Direktor eingerichtet. Ihm sollten noch drei weitere amerikanische CCP-Direktoren folgen: Edith A. Standen, Francis W. Bilodeau und Theodore A. Heinrich.
Schon vor der Gründung der Collecting Points entstand die Überlegung, die deutschen Kulturgüter "for safekeeping" in die Vereinigten Staaten von Amerika zu verbringen. Konkreter wurden diese Pläne für die Wiesbadener Sammelstelle wenige Monate nach ihrer Errichtung, als der Direktor Farmer aufgefordert wurde, 200 Kunstwerke versandfertig zu machen. Die offizielle Begründung für diese Aktion, die als Westward ho-Aktion bezeichnet wurde, lag in der nicht geeigneten Unterbringung der Kulturgüter in Deutschland. Glücklicherweise konnte der Widerspruch ("Wiesbadener Manifest") der in Deutschland stationierten Monuments Men im Zusammenhang mit der darauf in den USA einsetzenden Protestwelle nach der ersten Verschiffung von 202 Kunstwerken im November 1945 weitere Abtransporte verhindern und letztlich auch den Rücktransport erwirken.
Auch für den Aufbau der Museumslandschaft engagierte man sich im Wiesbadener Collecting Point. Farmer und seine Nachfolger zeigten die CP-Bestände in insgesamt zehn Ausstellungen. Dabei zeigten die Ausstellungsverantwortlichen fast ausschließlich Kunstwerke aus den eingelagerten Beständen, vor allem aus Berlin und Frankfurt, zeigten, und keine – wie das in anderen Städten getan wurde, "entartete" Kunst (zum Zwecke der Rehabilitation), Gegenwartskunst (um Neues zu präsentieren) oder amerikanische Kunst (zur Selbstdarstellung der USA als Kulturnation) präsentierten. Die beiden letzten Ausstellungen (Oktober 1948 bis Dezember 1949) zeigten die in mehreren Fuhren zurückgekehrten Kunstwerke der Westward ho-Aktion, so dass gegen Ende der Besatzungszeit die Berliner Bestände im CCP wieder vervollständigt wurden.
Für den Aufbau der Museumslandschaft, aber auch für den Kulturgüterschutz lässt sich die Arbeit der MFA&A als nachhaltig wertvoll bewerten. International betrachtet konnte auf der Kulturschutzarbeit der Monuments Men die UNESCO aufbauen. Darüber hinaus haben die theoretischen Fundamente der MFA&A Eingang in die Weiterentwicklung des Kriegsrechts gefunden und zum Entstehen der Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikte beigetragen. Auch für Deutschland haben die Monuments Men durch den Erhalt der Museumsbestände in den Central Collecting Points und durch die Ausstellungstätigkeit dazu beigetragen, dass die Museumslandschaft wieder erstehen konnte. Darüber hinaus halfen sie durch die Neubewertung der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts dafür, dass diese Kunstwerke auch weiterhin zum kunstgeschichtlichen Kanon gehören.
Kurzbeschreibung (Klappentext)
Untersucht wurde die Rolle der amerikanischen Besatzer am Beispiel des Central Collecting Points (CCP), der nach 1945 im Wiesbadener Landesmuseum eingerichtet wurde. Die Aufgaben der Kunstschutzoffiziere zielten auf den Kulturgüterschutz während des Kriegs, die Restitution der Kulturgüter sowie den Aufbau der deutschen Museumslandschaft. Gezeigt wurde, dass das Wirken der Monuments Men nachhaltig wertvoll einzuschätzen ist, da die theoretischen Fundamente zum Aufbau der UNESCO und zum Entstehen der Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten beitrugen.
Tanja Bernsau: Die Besatzer als Kuratoren? Der Central Collecting Point Wiesbaden als Drehscheibe für einen Wiederaufbau der Museumslandschaft nach 1945, LIT Verlag, Münster 2013; zugl. Univ., Diss., Mainz 2013
640 S., 64.90 EUR, br., ISBN 978-3-643-12355-8










