(openPR) Auf außerordentliches Unverständnis stoßen die Passagen des Koalitionsvertrags zum Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere und zur Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft. Der Vertrag strotze von unverbindlichen Worthülsen, die bislang von der Agrarlobby in irreführender Weise benutzt wurden, um im Interesse der Agrarindustrie von vielfältigen Missständen und Fehlentwicklungen zu Lasten der Tiere und der bäuerlichen Familienbetriebe abzulenken. „Die SPD ist offenbar wie nach der Wahl 2005 bereit, den Tierschutz auf dem Altar neuer Ministerposten zu opfern“, moniert der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung e.V. (AGfaN), Eckard Wendt. Einziger Silberstreif am Horizont sei das von Tierschutzorganisationen schon seit vielen Jahren geforderte „Prüf- und Zulassungsverfahren für Tierhaltungssysteme“, wobei allerdings offen bleibe, ob die Abkehr von tierfeindlichen Haltungsverfahren wie einstreulose, harte Beton-Spaltenböden für Paarhufer und die Engstaufstallung von Geflügel überhaupt in Erwägung gezogen werde.
Die Begriffe „Tierwohl“ und „Tiergerechtheit“ missbrauchen Bauernverband und die Verbände der sogenannten „Veredelungswirtschaft“ schon seit vielen Jahren, um ihre gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, nur Tiere, die sich wohl fühlten, brächten Leistung, unters Volk zu bringen. Es sei bedauerlich, dass sich die drei Parteien nicht zu konkreten Tierschutzzielen durchringen konnten. Eine tiergerechte Haltung im Wortsinn, den Tieren als Mitgeschöpf gerecht zu werden, wie es das Tierschutzgesetz in seinen Paragrafen 1 und 2 fordert, sei in den heute üblichen Massentierställen nicht möglich. Es sei daher an der Zeit, dass landwirtschaftlich genutzte Tiere nicht mehr nur als reine Produktionseinheiten angesehen und behandelt werden. Dies sei jedoch in den großen Schweinehaltungen und besonders in der Geflügelwirtschaft der Fall, in denen der Wert des Einzeltieres so gering bewertet wird, dass seine „Entsorgung“ über die Kadavertonne sehr oft ökonomischer ist als die Behandlung einzelner Tiere, so Wendt.
Fakt sei, dass heute praxisübliche, industrialisierte Nutztierhaltung ohne hohen Medikamenteneinsatz nicht möglich sei, solange die Tiere dauerhaft mit ihren eigenen Exkrementen in Berührung kommen und ihnen außerdem das durch seinen UV-Anteil keimtötende, lebensnotwendige Tageslicht vorenthalten wird. Es sei an der Zeit, dass die Politik erkenne, dass Tierwohl nur dort möglich ist, wo Tiere in einer ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechenden Umwelt leben dürfen, und Tiergesundheit etwas ganz anderes sei als die durch Medikamente sichergestellte Freiheit von akuten Krankheiten.
Die AGfaN fordert mit ihren Partnern im „Bündnis Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ die gezielte Förderung bäuerlicher Familienbetriebe, die unabhängig von Integratoren der Geflügel- und Schlachtindustrie selbstbestimmt wirtschaften und überleben können. Dem „Wachse oder Weiche“ der vergangenen fünfzig Jahre CDU- und FDP-bestimmter Agrarpolitik und dem Einfluss weniger Agrarindustrieller sei unverzüglich Einhalt zu gebieten, fordert Wendt.




