(openPR) Jochen Duderstadt nimmt geistreiche Rache an schulischer Zwangslektüre
Die Erstausgabe erschien beim nicht mehr existierenden Eichborn Verlag in den neunziger Jahren.
Jetzt wird Jochen Duderstadts "Zwangslektüre. Die 25 meistgelesenen Schulklassiker“ bei epubli, einer E-Book-Tochter der Holzbrinck Verlagsgruppe, zeitgemäß als elektronisches Buch neu vorgelegt.
Gut so, denn das Thema hat zwischenzeitlich so gar nichts von seiner Aktualität verloren.
Es geht um den Hochliteratur-Kanon, mit dem seit Jahrzehnten Generationen von Schülern für eigenständiges Lesen und die Liebe zum geschriebenen Wort verdorben werden, frei nach dem Motto: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut.
Selbst multipel Leidtragender (nach mehreren umzugsbedingten Schulwechseln wurde der arme Mann zu Schulzeiten gleich mehrfach mit derselben Lektüre gequält), ist es Duderstadt auch Jahre später ein Leichtes, nachzufühlen, wie es pubertierenden Mittelstufenteenagern geht, wenn sie gezwungen werden, sich mit Ideen- und Gedankenwelten auseinanderzusetzen, die gefühlte Lichtjahre von ihrer Alltagsrealität entfernt sind.
Dass diese Welten für Zielgruppen unter 20 Jahren auch noch verbal zu größten Teilen zwar ästhetisch, aber auch alles andere als tagesaktuell daher kommen, tut ein Übriges. Duderstadt versteht das, ja er ergreift Partei für diese Zielgruppen, wenn er etwas Lessing eine „tranig-pastorale“ oder Goethe eine „von feierlicher Erhabenheit triefende“ Sprache attestiert.
Die Stücke, die er im Einklang mit den bis heute aktuellen Lehrplänen für den Deutschunterricht hierzulande ausgewählt hat, sind chronologisch geordnet von Lessing bis Walser.
Die Auseinandersetzung mit ihnen ist jeweils dreigeteilt: auf eine knappe, aber präzise Inhaltsangabe folgt eine Interpretation bzw. Deutung, in der der Autor gelegentlich und mit erkennbarem Vergnügen durch Parteilichkeit Rache am selbsterfahrenen Leid nimmt.
So attestiert er etwa Goethe, seinen Lesern im Götz von Berlichingen einen „Lore-Roman vom Feudalismus“ zuzumuten oder Böll in den Ansichten eines Clowns „eine Schreibe, in der sich Kitsch und Larmoyanz verschwistern“. Das liest jeder gern, der eine Schule besucht hat.
Richtig humorig wird es dann aber in den jeweils dritten Teilen der Auseinandersetzungen mit den älteren und neueren Lektüreklassikern: Duderstadt parodiert sie – vermutlich ist das seine ganz persönliche Katharsis – und nimmt nun endgültig kein Blatt mehr vor den Mund.
Da wird Droste-Hülshoffs "Judenbuche" zur 'Ludensuche', Brechts "Kaukasischer Kreidekreis" zum 'Kaukasischen Leidescheiß', Max Frischs "Homo Faber" zum 'Homo Laber', und das sind nur die Überschriften, gewissermaßen als Appetithappen.
Der höchst erbauliche Rest sei dem Leser jeden Alters ohne weitere Einlassung darauf wärmstens ans Herz gelegt.
Insgesamt schafft dieses Buch einen intellektuellen Dreisprung, den sein Gegenstand nicht leistet: Es informiert, es erweitert den Horizont und es macht Spaß.
Bildungserwerb mit Humor: Das dürfte an deutschen pädagogischen Anstalten auch heute noch ein so rares Ereignis sein wie in der wahren Welt die Sichtung des Halleyschen Kometen.
Verlagsinformation: Jochen Duderstadt Zwangslektüre, epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de ISBN 978-3-8442-5114-2












