(openPR) Bonn/Frankfurt am Main - Wir sind Zeugen einer Kulturrevolution. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) verändert behutsam die eigene Optik – und der Leser nimmt vorzugsweise übel. Anfang Dezember war es so weit: Mit sparsam eingesetzter roter Farbe will die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in Zukunft Kästen und Inhaltsleisten hervorheben. Mitherausgeber Werner D’Inka begründete dies damit, dass die Lesbarkeit des konservativen Traditionsblattes verbessert werden sollte. Zu den weiteren Veränderungen gehören etwas vergrößerte und schlankere Überschriften sowie eine leicht erhöhte Grundschrift. Die typische Frakturschrift in Titelkopf und in den Kommentar-Überschriften werde aber weiterhin beibehalten.
So weit, so langweilig. Sollte man zumindest meinen. Doch da kennt man den echten FAZ-Hardcore-Leser nicht. Ein Blick in die Seite „Briefe an die Herausgeber“ – in anderen Zeitungen heißt das schlicht Leserbriefe – am 9. Dezember verdeutlichte dies. „Wildgewordene Schreiber – es handelt sich wahrscheinlich um außer Rand und Band geratene Oberstudienräte und Beamte mit Bluthochdruck – griffen ihre Zeitung frontal an. Und der Verfasser gesteht, das Lesen dieser Briefe bereitete einem ein Vergnügen, das man FAZ-Texten nicht immer zubilligen kann. Der Morgen graut, der Kaffee dampft, die Brötchen duften. Man sitzt im Morgenmantel am Frühstückstisch und stimmt das üblich Morgengebet an: „Lieber Gott, lass die täglich Dosis Bahners, Dath und Geyer heute bitte an mir vorübergehen. Bitte verhüte, dass Frank Schirrmacher heute den Dritten Weltkrieg oder ein ähnlich historisches Ereignis ausruft. Und wenn Du ganz gnädig bist, lieber Gott, so verschone mich auch noch vor lauwarmen Sowohl-als-auch-Kommentaren eines Günther Nonnenmacher“, schreibt Paul Humberg in der Winterausgabe der Zeitschrift NeueNachricht http://www.neue-nachricht.de.
„Vielleicht hatten Sie, liebe Leser, an diesem Morgen keine Zeit zum Studium dieser Rubrik, weil Sie zu lange in Ihrer kalten Wanne geplanscht hatten oder die Freiübungen im Vorgarten auf Sie warteten“, so Humberg. „Wir reichen Ihnen dieses unvergessliche Leseerlebnis aber gerne nach. Melanie S. aus B. schwingt in ihrem Liebesbrief die große Keule. Die FAZ sei nun – horribile dictu – auf ‚Springer-Niveau’ gelandet. So eine Erniedrigung kann das lesende Großbürgertum selbstverständlich nicht tolerieren: ‚Die Zeitung strotzt vor exzellent ausgearbeiteten Beiträgen, die – aufgrund ihrer universalen Themengebiete – fast synästhetisch sämtliche Interessen eines gebildeten Menschen anzusprechen weiß.’ Der aggressive Rot-Ton verleihe der Gazette ein ‚reißerisches Format’. Wahrscheinlich hat Frau S. in den vergangenen zehn Jahren keinen Zeitungskiosk mehr betreten, sonst würde sie sich anders äußern. Schließlich hatte die alte Tante FAZ, wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) mit mitleidigem Verständnis schrieb, nur ‚etwas Rouge’ aufgelegt. Doch die verschreckten Leser denken wohl eher an Thomas Manns ‚Tod in Venedig’, wo sich Gustav von Aschenbach zuerst ganz viel Schminke in die Visage streicht, um am Ende dann das zeitliche zu segnen. Sollte dies vielleicht auch der FAZ drohen?“
Doch das lesende Großbürgertum fühle sich nicht nur von diesen behutsamen optischen Veränderungen überrannt, vermutet Humberg. Es gebe ein wachsendes Unbehagen an der Zeitung für Deutschland, wie sich das Frankfurter Weltblatt selbstbewusst nennt. „Der Hauptteil wird immer dünner. Der Leitartikel auf der ersten Seite ist meistens von einer einschläfernden Langweiligkeit. Volker Zastrow ist der einzige, der für stilistische Brillanz sorgt. Stefan Dietrich und Berthold Kohler aus der ‚Denker-Fraktion’ liefern zumindest grundsolides Handwerk. Die dritte Seite ist meistens schwach und kann sich mit der Seite 3 in der Süddeutschen Zeitung nicht messen. Über innenpolitische Vorgänge liest man bei der Münchner Konkurrenz ebenfalls mehr und Besseres. Bei der Welt fehlt es am Mut, das klare ordnungspolitische Programm des Schweizer Chefredakteurs Roger Köppel durchzuhalten, sonst würde auch die von den Frankfurtern arrogant abgetane Springer-Zeitung besser dastehen.“
Auch die Auslandsberichterstattung der FAZ sei stark zurückgefahren worden. Viele traditionelle Leser fühlten sich über die Ereignisse in den wichtigen westlichen Ländern nicht mehr genügend informiert. Im Wirtschaftsteil falle auf, dass auf der Managementseite fast nur noch Berater schreiben dürfen, deren Prosa nicht eben nobelpreisverdächtig sei. „Und dann erst das Feuilleton, das von Bahners und Schirrmacher kollegial ruiniert wird. Zeitungen machen Zusatzgeschäfte mit Büchern und DVD's. Jetzt sind die Comics dran. Anfang September startete die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit einer eigenen Comic-Bibliothek und quält jetzt jeden Samstag die Leser mit ellenlangen Artikeln zu diesem Produkt der Populärkultur. Leser des Feuilletons fühlen sich schon seit längerem von den privaten Vorlieben des Ehrenpräsidenten der ‚Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus’, Patrick Bahners, behelligt.“ Die Intellektualisierung von Entenhausen aber sei pure Bedeutungshuberei. Man werde den Eindruck nicht los, dass sich einige Kulturjournalisten ein wenig aufblasen wollten. Doch infantile Mätzchen könnten intellektuelle Substanz nicht ersetzen.
Der komplette Beitrag von Humberg erscheint in der Winterausgabe des Magazins NeueNachricht.
Schwerpunktthema: Google und Co.: Die Kommunikationsrevolte?











