(openPR) Brisbane (07/11) Eine nüchterne, wirtschaftliche Betrachtung der Bildungsdiskussion in Österreich zeigt, dass der lähmende Stillstand im österreichischen Bildungsbereich nicht nur die nächste Generation ihrer Chancen am Weltmarkt beraubt und den sozialen Frieden im Land gefährdet sondern auch die Sicherung des Wirtschaftsstandortes und die Schaffung eines neuen Industriezweiges verunmöglicht.
Absolvent einer drittklassigen Universität mit Lese- und Rechenschwäche sucht gut bezahlte Stellung
Würden Sie so jemanden einstellen? Nein! Ich denke, dass würden die meisten Unternehmen weltweit unterlassen. Leider sieht so die ehrliche Selbstdarstellung eines österreichischen Akademikers in Zukunft aus.
Ich will mich hier weder in die Streiterein, ob die PISA Tests richtig oder falsch sind oder die Hoschschulrankings getürkt sind, einschalten, noch weniger interessiert mich, wer an dem Desaster – sind wir ehrlich, genau das ist es – unseres Ausbildungssystems schuld ist. Es kümmert mich hier herzlich wenig, ob es die faulen Lehrer, die egoistischen Eltern oder die verdorbene Jugend selbst ist. Wichtig ist nur, dass unsere Schüler und Universitäten diese Ergebnisse abgeliefert haben und dadurch nun in der Welt als unterdurchschnittlich begabt im Lesen, Rechnen, den Naturwissenschaften oder, im Falle der Universitäten, einfach drittklassig angesehen werden.
Leistungen signifikant unter dem OECD-Durchschnitt
Im Lesen liegen unsere Schüler, nach PISA 2009, auf Platz 38 von 64 getesteten Ländern. In guter Nachbarschaft mit Ländern wie der Türkei, Dubai oder Russland und hinter den derzeit viel belächelten Griechen, Italienern oder Portugiesen. Damit liegt die Leseleistung der österreichischen Schüler „signifikant unter dem OECD-Durchschnitt“ (PISA 2009). In den anderen Disziplinen verhält es sich ähnlich (Mathematik Platz 23 und Naturwissenschaften Platz 29). Viele Ausreden wurden gefunden, warum Österreich gegen Spitzenreiter wie Finnland so kümmerlich abschneidet. Es wurde argumentiert, dass bei uns der Ausländeranteil an den Schulen viel höher sei als in Finnland. Dem ist wohl auch so, doch wie argumentieren wir, dass Deutschland Lichtjahre vor uns liegt (Lesen Platz 19, Mathematik Platz 15 und Naturwissenschaften Platz 13)? Hier kann der Ausländeranteil wohl nicht mehr als Sündenbock herhalten. Auch die bei uns viel geschmähten USA schlagen Österreich im Lesen und in den Naturwissenschaften.
Noch schlimmer ist es um die österreichischen Hochschulen bestellt.
Heimische Unis unter „ferner liefen“ und der freie Fall ist noch lange nicht zu Ende
Die bestplatzierte heimische Universität, die Uni Innsbruck, kommt im „Times Higher Education“ Ranking gerade einmal auf Platz 187 von 200, dicht gefolgt von der altehrwürdigen Uni Wien auf Platz 195. Und dieses Ergebnis finden manche heimischen Tageszeitungen noch zum Jubeln - „Uni Innsbruck punktete mit Internationalität“ (Tiroler Tageszeitung). Dass aber „bei Lehre Forschung und Zitierung Aufholbedarf besteht“ (Tiroler Tageszeitung) stört die jubelnde Schreiberzunft da wenig.
Noch vor drei Jahren, wurde die Uni Wien auf Platz 85 gereiht.
Im Länderranking sieht es für Österreich noch weit düsterer aus. Da es überhaupt nur zwei heimische Hochschulen unter die Top 200 geschafft haben, liegt Österreich gesamt auf dem 21. Platz im Hochschul-Ranking. Hinter der Türkei oder Spanien und Nachbarländer wie Deutschland (Platz 3) oder die Schweiz (Platz 7) liegen sicher unter den Top Ten.
Kritiker werden nun argumentieren, dass Österreich weder die humanen Ressourcen eines 80-Millionen-Volkes, wie Deutschland, oder den finanziellen Background wie die Schweiz hat. Doch wie erklären wir uns dann die Ergebnisse der Niederlande (Platz 5), Australiens (Platz 6) oder Schwedens (Platz 9)?
Kritiker werden anmerken, dass Österreich sich stets gegen Spitzenuniversitäten und für die „Volksuni“ zur Erhöhung der gesamten Volksbildung ausgesprochen hat. Doch warum haben wir dann in Österreich mit 25% (bzw. 33% inkl. der 2-jährigen Kurzstudien) einen Akademikeranteil der deutlich unter dem EU-Schnitt (38% bzw. 45%) liegt?
Ganz egal, welche Parameter man als Vergleich heranzieht, Österreich schneidet stets unterdurchschnittlich ab.
Wo bleiben die Demonstrationen, die Straßensperren und die Revolte der heimischen Wirtschaft?
Angesichts so düsterer Bildungsaussichten würde man sich einen Aufschrei der heimischen Wirtschaft erwarten. Denn die Wirtschaft eines westlichen Hochlohnlandes wie Österreich, das selbst keine nennenswerten Bodenschätze oder andere natürlichen Ressourcen hat, stützt sich ausschließlich auf den Vorsprung seiner Unternehmen in Innovation und/oder Qualität. Innovation und Qualität ermöglichen es heimsichen Produkten sich von ausländischen Konkurrenzprodukten abzuheben und nicht in einen Preiskampf eintreten zu müssen, der den Druck auf Lohnniveaus und das soziale Netz extrem erhöhen würde. Beides, Qualität und Innovation, können heimische Unternehmen aber nur mit Mitarbeitern erhalten, die eine Ausbildung auf internationalem Spitzenniveau vorweisen können.
Doch wo bleiben die Blockaden des Rings in Wien? Wann sehen wir die CEOs der heimischen Spitzenbetriebe versammelt vor dem Parlament demonstrieren? Wie kann es sein, dass sich die Partei mit dem größten Wirtschaftsflügel von einer Gruppe betonierender Staatsdiener in Geiselhaft halten lässt? Wann wacht die WKO endlich auf und vertritt wirklich die Zukunftsinteressen ihrer Mitglieder? Warum braucht es einen ehemaligen roten Finanzminister, der als erster die Zukunftsinteressen der Wirtschaft vertritt?
Muss es wirklich erst so weit kommen, dass wir Gastarbeiter nicht mehr wegen ihrer geringeren Gehaltsvorstellungen sondern wegen ihrer überlegenen Ausbildung ins Land bitten? Oder werden die heimischen Spitzenbetriebe schon viel früher ihre Unternehmenssitze und Forschung und Entwicklung in das gebildete Ausland auslagern? Und was wird das für den Wirtschaftsstandort Österreich und das Volkseinkommen bedeuten?
Warum fordert die Wirtschaft nicht vehement Investitionen in das Bildungssystem, wenn bereits internationale Studien belegen, dass „jeder in Bildung investierte Euro dem Unternehmen 13 Euro zurückbringt.“ (ÖGB)
US-Studien ergaben eine Steigerung des Einkommens für Uni-Absolventen von 20% und für College-Absolventen von 13% (Gary S. Becker). Während zwei Forscher an der University of Princeton, Ashenfelter und Rouse, berechneten, dass jedes Jahr an zusätzlicher Bildung sich in 10% mehr Gehalt niederschlägt.
Jorgenson und Griliches berechneten in ihrem wegweisenden Buch „The Explanation of Productivity Change“ (1967) den Return on Investment für Ausgaben im Bildungsbereich mit 15 bis 20%. Diese hervorragenden Zahlen führten sie auf die Berechnungen eines sehr berühmten Österreichers zurück, Joseph Schumpeter. Dieser bezog Wachstum in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ (1911) auf das Wachstum im Humankapital: Mehr gut ausgebildeten Individuen folgen mehr Wissenschaftler, Analysten, Techniker und Erfinder, die dann daran arbeiten, das menschliche Wissen durch die Entwicklung von neuen Prozessen und Technologien zu erweitern.
Dass der Selbsterhaltungstrieb der heimischen Wirtschaft nicht sehr ausgeprägt ist, zeigt aber bereits die Tatsache, dass immer weniger Unternehmen bereit sind selbst Lehrlinge auszubilden. Der gleichzeitige Schrei nach den bereits rar gewordenen Facharbeitern wirft ein recht diffuses Licht auf unsere Wirtschaftsbosse. Das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung scheint hier noch nicht ganz angekommen zu sein.
Eine vernetzte Welt verlangt nach vergleichbaren Ausbildungsnormen
Während weltweit der Trend zu international vergleichbaren Titeln und Ausbildungsnormen geht, versucht Österreich seine hausgemachte Misere schöner darzustellen, als sie ist, und fokussiert sich immer stärker auf rein national anerkannte Ausbildungen und Titeln.
Einerseits werden tertiäre Ausbildungen gerade weltweit auf das dreistufige Bachelor-Master-PhD-System vereinheitlicht und durch das im Bologna-Prozess definierte ECTS-Punkte-System (oder EFTSL außerhalb der EU) sind Lehrinhalte international vergleich- und gewichtbar. Dadurch ist es erstens für international agierende Unternehmen möglich, die Ausbildung ihrer Bewerber zu vergleichen und zweitens für Studenten möglich, sich die international beste Ausbildung zusammenzustellen.
Andererseits findet dieses System in Österreich derzeit wenige Freunde. Bei vielen Arbeitgebern sind die „Nuancierungen zwischen HTL- und Bachelor-Abschlüssen noch nicht angekommen“ (orf.at, Nicht Fleisch nicht Fisch). Nur wenige international aktive Unternehmen erkennen die Vorteile des dreistufigen Aufbausystems gegenüber dem monolithischen Magister-System. „Für uns ist der Bachelor ein vollwertiger Akademikerabschluss. Der Master ist noch vertiefend, aber keine Voraussetzung“ (Birgit Payer, Recruitment Erste Bank Österreich). Die OMV setzt zudem, laut Personaldirektor Georg Horacek, die Grundidee des Bachelor-Master-Systems (Berufserfahrung) mit seinem Programm, das Einsteigern mit Bachelor-Abschluss berufsbegleitend den Master ermöglichen soll, um.
Doch wer kann den heimischen Betrieben die Skepsis übel nehmen, wenn der Gesetzgeber selbst, als Arbeitgeber, den Bachelor-Abschluss im öffentlichen Dienst nicht als vollwertigen akademischen Abschluss akzeptiert. Bis heute können Beamte mit Bachelor keine für Akademiker gedachte A-Posten übernehmen. Für Sigrid Maurer (GRAS) vom ÖH-Vorsitzteam ist das „peinlich“: „Der Bund setzt eine politische Strategie um und dann sagt er selbst, die Bachelor-Absolventen können zu wenig.“
„International“ sind österreichische Eigenheiten, die international nicht anerkannt sind wie unsere berufsbildenden höheren Schulen (BHS) als „intermediäre Qualifikationsstufen“, nach Ansicht von Arthur Schneeberger vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), „kaum verständlich zu machen.“ HTL-Ingenieure gibt es nun einmal nur in Österreich und nicht einmal hier ist das ein akademischer Titel, zumal nur von der WKO, verliehen.
Und „MAS (Master of Advanced Studies) Programme sind eine österreichische Erfindung, die sich international nicht durchgesetzt hat.“ (www.unijobs.at)
Doch woher kommt dieser Drang sich nicht vergleichen zu lassen? Warum dieses Festhalten an nationalen Eigenheiten, die nicht mehr in die Zeit einer globalen Wirtschaft passen?
Nun einerseits ist es bei den oben genannten Ergebnissen nur allzu verständlich, dass heimische Bildungsverantwortliche den internationalen Vergleich beschämt scheuen und lieber Staatsmeister in einer eigens kreierten Disziplin sind als sich die Schmach der internationalen Niederlage einzugestehen.
Und andererseits liegt das wohl auch an der uns Österreichern eigenen Abneigung vor jeder Veränderung. „Es gibt hier das Bestreben, die Bildungshierarchie zu erhalten. Mit dem Bildungsabschluss soll das Berufsschicksal besiegelt werden.“ Mit der internationalen Entwicklung könne das nicht mithalten (Schneeberger, ibw).
Bildung als Wirtschaftszweig
Bildung ist aber nicht nur die Grundlage des zukünftigen heimischen Wirtschaftserfolgs, sondern auch ein eigener, prosperierender Wirtschaftszweig.
In China studierten 2008 bereits 26,7 Millionen an Universitäten, das sind „262% mehr als im Jahr 2000“ (Statistisches Bundesamt Deutschland) und die Zahl der im Ausland studierenden Chinesen hat sich von 1999 bis 2008 versechsfacht. Ähnlich verhält es sich mit Indien, das bereits 72,4 Millionen Studenten (The Tribune India) hat und nach China die zweitmeisten Studenten ins Ausland schickt. Die „Emerging Markets“ hungern nach tertiärer Ausbildung und, nach den USA, ist Europa das bevorzugte Ziel dieser Studenten.
Doch auch unsere unmittelbaren Nachbarn drängen auf Auslandserfahrung. Deutschland stellt mittlerweile nach China, Indien und Südkorea, die viertmeisten Auslandsstudenten der Welt (Bundesministerium für Bildung und Forschung).
All diese Zahlen deuten auf einen wachsenden Wirtschaftszweig hin, dessen unglaubliches Potential in Österreich noch niemand erkannt zu haben scheint.
Australien setzt mit seinen 22 Millionen Einwohnern und Universitäten, die es im Times Länderranking bereits auf Platz 6 katapultiert haben, voll auf diesen Trend. „Bildung ist in Australien, nach Tourismus, der zweitgrößte Service-Export-Sektor und wurde zum drittgrößten Exportgut gesamt, indem sie 2008 17,2 Milliarden AUD an Exporterträgen erwirtschaften konnte. Eine Steigerung um 23,2 Prozent zum Vorjahr (Invest in Australia).“ Dieser Wirtschaftszweig bietet bereits heute 805.000 Menschen in Australien einen Arbeitsplatz (Invest in Australia) und diese Arbeitsplätze scheinen für die Zukunft gesichert zu sein. Denn: „Die weltweite Nachfrage nach internationaler tertiärer Bildung wird bis 2025 von 2,1 Milliarden Menschen im Jahre 2005 auf 3,7 Milliarden Menschen wachsen. Das stellt ein Wachstum von 71% über 20 Jahre oder ein jährliches Wachstum von 2,7% dar (Invest in Australia).“ Von welchem heimischen Wirtschaftszweig können wir das derzeit behaupten?
Ein Investment in Bildung als Wirtschaftszweig ist also eine lohnende und gleichzeitig recht risikolose Entscheidung. Doch damit auch Österreich am boomenden Bildungsmarkt mitnaschen kann, benötigen wir ein paar essentielle Zutaten:
Universitäten mit internationaler Spitzenreputation
Um internationale Spitzenreputation zu erzielen, benötigen heimische Universitäten die finanzielle Ausstattung um einerseits ein geeignetes Umfeld für Forschung zu schaffen und andererseits internationale Spitzenkräfte als Professoren anzuwerben.
Internationale Vergleichbarkeit von Ausbildung und Titeln
Menschen, die die finanziellen und zeitlichen Belastungen einer tertiären Ausbildung auf sich nehmen, benötigen die Sicherheit, die ihnen die Vergleichbarkeit internationaler Universitätsausbildungen und Titeln gibt. Um in diesem Markt erfolgreich bestehen zu können, müssen heimische Hochschulen also schnellstmöglich die internationalen Normen (dreistufiges Bachelor-Master-Phd-Programm) umsetzen und nationale Eigenkreationen (HTL-Ing) auflassen.
Generationen sind auf Sand gebaut
An mehreren Orten hört man derzeit in Österreich große Bestürzung über die katastrophalen PISA-Daten. Besonders die ältere Generation bemerkt, oft mit hämischer Genugtuung, dass die „Jungen“ nichts mehr lernen. Früher, zu ihrer Zeit, war alles noch viel schwerer. Viel mehr wurde erwartet.
Erstens verstehe ich diese heimliche Genugtuung nicht, da gerade diese ältere Generation ihre Hoffnungen auf einen sorgenfreien und finanziell abgesicherten Ruhestand noch zu 100% auf die nachfolgende Generationen gebaut hat (Generationenvertrag und Umlagesystem der Pensionen). In dieser Situation wäre ich eher in heller Panik ob der Tatsache, dass mein Investment für die Altersversorgung so falsch angelegt wurde.
Zweitens frage ich mich, ob dem wirklich so ist. Wurde von den vorangegangenen Generationen so viel mehr an den Schulen verlangt?
Einerseits kann dies angesichts der immer neuen Lehrinhalte und Wissenschaftsgebiete praktisch kaum sein und andererseits ist nicht nachprüfbar, ob frühere Generationen österreichischer Schüler besser abgeschnitten haben, denn PISA-Studien gibt es erst seit dem Jahr 2000.
Die Frage ist doch viel mehr, wie relevant die Lehrinhalte sind. Statten sie unsere Schüler mit den nötigen Werkzeugen aus, um in der sich immer schneller ändernden Welt erfolgreich bestehen zu können?
Dies wirft die Frage nach einer kontinuierlichen Evaluierung der Lehrinhalte auf. Jedes Projekt, muss ein klar definiertes Ziel verfolgen und der Fortschritt des Projektes muss kontinuierlich auf die Erreichung dieses Zieles hin überprüft werden. Bevor ich also prüfe, ob die Schüler die Lehrinhalte zu bestimmten Schulstufen auch verinnerlicht haben, sollte ich in einem ersten Schritt das Lehrziel klar und genau definieren.
In einem nächsten Schritt muss ich die Lehrinhalte auf deren Fähigkeit, die vordefinierten Ziele zu erreichen, überprüfen. Erst dann kann ich eine Qualitätskontrolle des Produkts (Schüler) vornehmen.
Doch diese Vorgangsweise würde ein Projektmanagement im Bildungsbereich voraussetzen und das kann man von der Politik anscheinend wirklich nicht erwarten.






