(openPR) Noch ist die Stimmung gut
Gegen 13:00 fuhren wir am 2. Tag unserer Reise in Erfurt los. Laut Plan sollte es von Dorf zu Dorf gehen. Doch was auf der Karte so einfach aussah, stellte sich bald als Kraftakt dar. Auf unserer Route lagen über 20 Dörfer, alle in kleinen Tälern versteckt. Das hieß für uns, vor jedem Dorf ging es bergab und kurz darauf wieder steil nach oben – wir hatten bei unseren Rädern also entweder den ersten oder den letzten Gang eingestellt.
So langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Hatte das Gefühl, dass der geplante Weg einfach unmöglich zu schaffen ist. Die Dörfer waren zwar sehr schön und es waren auch immer sehr ruhige Straßen - aber es war einfach zu anstrengend!
Gegen 19:30 Uhr haben uns dann die Kräfte verlassen und wir haben beim erstbesten Bauern nach einem Platz für unser Zelt gefragt. Die Antwort war „Nee“! Nach Schilderung unserer Situation wurde der Bauer tatsächlich laut und wir suchten lieber das Weite. Angesichts unserer Erschöpfung war dieses Suchen nach einem Schlafplatz nicht so einfach und drückte auf unsere Stimmung.
Beim nächsten Bauernhof war schon der erste Osterschmuck zu sehen und das war meiner Meinung nach schon mal eine gute Voraussetzung, vielleicht doch kein „Nein“ zu bekommen. Und siehe da ... wir bekamen nicht nur einen Platz für unser Zelt, sondern durften auch noch das Badezimmer benutzen. Toll!
An diesem Abend entschieden wir, dass wir für den restlichen Weg durch Deutschland dann doch lieber die Bundesstraße nehmen. Mehr als 100 km am Tag scheinen plötzlich mit unserer geplanten Reiseroute nicht so einfach möglich und sinnvoll zu sein. Ich war noch in einer „Mal-abwarten-Haltung“, was die Distanzen angeht, und merkte Valentin an, dass auch er sich schon viele Gedanken dazu gemacht hatte.
Am nächsten Morgen ging es nach einem Foto für das Dorf, wie am Abend zuvor geplant, abseits der Tracks über die Bundesstraße durch das Vogtland. Wir hatten zwar mit sehr viel Verkehr zu kämpfen, aber das war besser, als dem Track von Dorf zu Dorf zu folgen.
An diesem Tag fühlte ich auch tatsächlich etwas Angst vor der geplanten Strecke, da sie uns am Vortag buchstäblich auseinandergenommen hatte. Ich hatte auch Sorgen, dass meine genaue Planung sich im Laufe der Tour mehr zum Hindernis statt als Hilfe entpuppen würde und dass Valentin sie möglicherweise komplett ablehnen würde.
Kurz vor der Abfahrt war uns schon gesagt worden, dass es sehr hügelig wird - und das war nicht übertrieben! Bis auf 800 m schraubten wir uns bis kurz vor Klingenthal einen Berg herauf. Hier war das Gras noch ganz braun und flach - der Schnee war wohl erst seit Kurzem getaut, wie am Straßengraben noch zu sehen war. Bis wir oben angekommen waren, hatte sich auch unsere Stimmung wieder erholt. Der größte Hügel war geschafft und wir waren erleichtert.
Bevor es wieder ins Tal ging, gab es an einer kleinen Grillbude noch einen Thüringer Roster. Diese Imbissbude war übrigens sehr geschmackvoll mit Fotos von nackten Frauen und schlechten Sex-Comics dekoriert, was aber extrem gut zum Besitzer passte. Auch die Bratwurst passte sich diesem Umfeld an und schaffte es leider nur auf eine 4-.
Die schnelle Abfahrt nach Klingenthal haben wir dann auf Video festgehalten. Das war schon ein Spass!
In Klingenthal dann letzte Überweisungen und Telefonate. Ich habe auch noch meine Freundin angerufen, die ich seit Reisebeginn sehr vermisse. Das Telefonat mit ihr hat mich sehr aufgebaut und Valentin fragte mich danach, was denn los sei ... Ich strahlte wohl bis über beide Ohren!
Schließlich machten wir noch die letzten Essensbesorgungen vor dem Grenzübergang, da wir nicht wussten, wie gut oder schlecht wir an diesem Tag noch an Essen kommen würden. Der Grenzübergang lag ja direkt hinter der Stadt.
Dann ging es endlich runter in die Tschechische Republik – und das nicht nur von der Höhe. Der Unterschied zum „Westen“ war hier deutlich zu erkennen. Es ging durch eine Stadt mit Plattenbauten und es waren sehr viel mehr Menschen zu Fuß unterwegs - auch mal mitten auf der Straße. Ein Inlinefahrer hielt 2 LKWs und etliche PKWs auf, deren Fahrer sich aber überhaupt nicht beschwerten. Und auf der Hauptstraße gab es einen Bahnübergang ohne Schranke, dafür aber mit Stop-Schild! Und tatsächlich hat hier jedes Fahrzeug angehalten. Als tschechischer Autofahrer ist man also sehr umsichtig, was wir auch als Fahrradfahrer gemerkt haben.
Von der Hauptstraße, der wir zunächst gefolgt sind, gingen oft kleinere Straßen ab, und irgendwann war verwandelte sie sich in eine Landstraße mit wenig Verkehr. Da ich eigentlich mit viel Verkehr auf den nächsten 40 km bis Karlsbad gerechnet hatte, fand ich es angenehm, auf der Landstraße mit quasi unberührter Natur unterwegs zu sein. Es ging durch beeindruckende Wälder und Heidelandschaften. Aber leider fand die Idylle nach 20 km ein jähes Ende: Ein Braunkohleabbau mit qualmenden Schornsteinen und üblen Gerüchen holte mich abrupt aus dem Gedanken, dass die Tschechen ihre Natur wohl lieben müssen. Die restlichen Kilometer Karlsbad verliefen dann auch eher unspektakulär.
Karlsbad war sehr schön und wir verbrachten ca. 40 Minuten mit Sightseeing in der Innenstadt, wo wir auch ein paar Fotos schossen. Diese Stadt hat tatsächlich einen Hinterausgang! Allerdings nur, wenn man es schafft, den Berg direkt am Ostende zu überwinden. Wir aber waren schon recht geschafft von unserem Berg vor Klingenthal in Deutschland und Valentin konnte es sich nicht verkneifen zu bemerken, dass er zum ersten Mal die geplanten 130 km am Tag „für eine Ansage“ halten würde – soll heißen, dass wir uns damit vielleicht etwas viel vorgenommen haben. Ich konnte das nur bestätigen, und der Hügel hinter Karlsbad hat auch mich dann schon sehr geschafft! Die Landschaft und die Dörfer direkt hinter Karlsbad hatten wenig zu bieten und so zog sich die reizlose Strecke doppelt hin. Es gab viel Natur zu sehen, aber sonst eigentlich nichts Bemerkenswertes. Wir waren so geschafft, dass wir uns 30 km hinter der Stadt ein kleines Wäldchen zum Wildcampen ausgesucht haben.
Das Wohnheim für die nächsten Monate
Allen, die noch nie wild gecampt haben, sei gesagt, dass man ALLES hört: den Uhu, den Hund im nächsten Dorf und so ein komisches Krächzen, von dem man hofft, dass es nicht näher kommt. Ich habe schon besser geschlafen, konnte den nächsten Tag aber trotzdem einigermaßen ausgeruht beginnen.
Und nach dem Frühstück ging es dann auf zu neuen Taten!













