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Down in der Pubertät, oder steckt mehr dahinter?

13.04.201117:33 UhrGesundheit & Medizin
Bild: Down in der Pubertät, oder steckt mehr dahinter?

(openPR) Keine Lust auf Nichts
Auf den ersten Blick erscheint der 15jährige Sebastian wie ein typischer Jugendlicher. Streitigkeiten mit den Eltern und Lustlosigkeit in der Schule. Weil seine Noten auf dem Gymnasium immer schlechter wurden, wechselte er auf die Realschule. Doch auch nach dem Schulwechsel war er weiter häufig gereizt, zog sich von seinen Freunden zurück und gab dann sogar sein Hobby Tennis auf.


Meistens wird ähnliches lustloses Verhalten und gereizte Stimmung bei Kindern und Jugendlichen schwierigen Entwicklungsphasen und Krisen der Pubertät zugeschrieben. Doch wenn Kinder und Jugendliche plötzlich alle Lust an früher gerne ausgeführten Aktivitäten verlieren, den Kontakt zu Freunden abbrechen oder unter ständiger Müdigkeit leiden, können auch psychische Ursachen dafür verantwortlich sein. Prof. Gerd Schulte-Körne, Psychiater und Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität München, berichtet, dass bis zu 14 Prozent der Heranwachsenden während dieser schwierigen Zeit an depressiven Störungen leiden. Meist sind es die unauffälligen, zurückgezogenen Kinder, die im Stillen leiden. Doch sind die Symptome bei Kindern und Jugendlichen andere als bei Erwachsenen, deshalb fällt es besonders schwer, die Depression frühzeitig zu erkennen. Generell gilt, je jünger das Kind, desto häufiger treten körperliche Symptome wie Kopf-, Bauchschmerzen oder Schlafstörungen als Anzeichen einer Depression auf. Ab dem Schulalter kommen Konzentrationsschwierigkeiten und Leistungsabfall als wichtige Indikatoren dazu.
Das Münchner Bündnis gegen Depression ist eines von 69 regionalen Bündnissen, die das Ziel verfolgen, die Versorgung depressiv erkrankter Menschen zu verbessern. Um die Früherkennung einer Depression bei Kindern und Jugendlichen zu fördern hat das Münchner Bündnis in Kooperation mit dem Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München kürzlich einen neuen Informationsflyer herausgegeben. Der Flyer „Depression bei Kindern und Jugendlichen“ informiert über die Besonderheit der Krankheit bei jungen Menschen und bietet Lehrern und Angehörigen Ratschläge sowie Adressen von Anlaufstellen. Der Flyer liegt in der Stadtinformation im Rathaus am Marienplatz aus oder kann direkt beim Münchner Bündnis gegen Depression bestellt werden.



„Was ist los mit dir?“
Sebastians Vater hatte kein Verständnis für die immer weiter abfallenden Schulnoten und die Antriebslosigkeit seines Sohnes und machte ihm Druck, sich mehr anzustrengen. Auch Sebastian selbst verstand seine Gefühle nicht. Durch die ständige Kritik des Vaters fühlte er sich schuldig und nichtsnutzig. Sein Selbstvertrauen sank zunehmend.
Oft wissen Eltern nicht, wie sie in dieser Situation auf ihr Kind zugehen sollen oder machen sich Vorwürfe, verantwortlich für die psychische Belastung ihres Kindes zu sein. Peter Lehndorfer, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Vizepräsident der Psychotherapeutenkammer Bayern, rät auf einen Moment der Offenheit zwischen Kind und Eltern zu warten, um die Verhaltensveränderungen des Kindes anzusprechen. Besonders wichtig ist hier geduldiges Zuhören! Druck machen oder Schuld zuweisen sollten auf jeden Fall vermieden werden. Eine psychische Erkrankung entsteht nicht durch eigenes Versagen oder aus Schuld des Kindes oder der Eltern. Genau das sollte dem Kind auch während des Gesprächs vermittelt werden. Ein offenes Ohr bieten, für das Kind da sein, ohne es aber sofort mit Lösungsvorschlägen zu überfordern. Oft braucht es mehrere Anläufe, bis sich das Kind für weitere Hilfe bereit erklärt.



Wer kann helfen?
Erste Anlaufstelle bei Verdacht auf eine Depression ist der Kinder- oder Hausarzt. Dieser überweist dann gegebenenfalls zum Facharzt oder einem Psychotherapeuten. Da das Thema Depression immer noch stigmatisiert wird, fällt vielen der Gang zum Therapeuten besonders schwer. Auch Sebastian hatte Anfangs Schwierigkeiten mit der Diagnose umzugehen. „Ich bin doch nicht verrückt!“ Aber was man nicht vergessen darf: Depression ist eine behandelbare Krankheit, die jeden treffen kann, unabhängig von Alter und Geschlecht. Je früher die Behandlung begonnen wird, desto besser kann die Depression bewältigt werden. Wer schon als Kind an einer Depression leidet hat ein erhöhtes Risiko auch im Erwachsenenalter zu erkranken. Als sehr erfolgreiche Therapieformen haben sich die Gesprächstherapie, die Psychoanalyse und die Kognitive Verhaltenstherapie erwiesen. Für letztere entschied sich auch Sebastian. Die ersten Sitzungen verliefen mühsam. Sebastian sagte häufig, er wisse nicht, wie er an seine Gefühle herankommen soll und könne sich nicht erinnern, wie er vor der Depression war. Mit seinem Psychotherapeuten arbeitete er an diesen Gefühlen und baute langsam sein Selbstvertrauen wieder auf. In einer Therapie werden außerdem Stressoren besprochen, die eine Depression auslösen können und Notfallpläne für eine erneute Krise erstellt.
Eltern fällt es häufig besonders schwer sich einzugestehen, dass ihr Kind an einer depressiven Erkrankung leidet. Deshalb können und sollen auch Angehörige in die Therapie mit einbezogen werden. Hilfreich sind beispielsweise gelegentliche Sitzungen zusammen mit einem oder mehreren Familienmitgliedern. Die gemeinsamen Gespräche mit dem Therapeuten helfen den Angehörigen die Krankheit des Kindes zu verstehen und ihm unterstützend zur Seite zu stehen. Für das Kind ist es in dieser Zeit besonders wichtig, die Unterstützung und Akzeptanz seiner Familie zu erleben. Dabei sollte aber auch darauf geachtet werden, es nicht zu sehr in Watte zu packen, sondern eher sein Selbstbewusstsein und seine Eigenständigkeit zu fördern.



Nach vorne schauen
Wie den meisten an einer Depression leidenden Jugendlichen fiel es auch Sebastian schwer, mit anderen offen über seine Erkrankung zu sprechen. Die Angst abgestoßen und verletzt zu werden, hemmt, sich anderen zu öffnen. Langsam begann er, sich seinen Freunden anzuvertrauen, erzählte ihnen, weshalb er in letzter Zeit häufig „so schlecht drauf“ war. In einem Internetforum fand er einen Weg über seine Erkrankung zu sprechen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Das fachlich moderierte Diskussionsforum vom Bündnis gegen Depression und Kompetenznetz Depression bietet Rat und einen anonymen Ort, um über Erfahrungen mit der Krankheit zu schreiben.
Wie wichtig die Früherkennung einer Depression ist, zeigt die Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamts. Häufigste Todesursache bei Jugendlichen ist nach dem Verkehrsunfall die Selbsttötung. Dieser geht in den meisten Fällen eine psychische Erkrankung voraus. Da Lehrer oft die Ersten sind, denen Verhaltensänderungen des Schülers auffallen, soll künftig auch an Münchner Schulen über das Thema Depression aufgeklärt werden. Das Münchner Bündnis gegen Depression bietet neben Fortbildungen für Lehrer auch Infoveranstaltungen für Eltern an. Ziel ist die Früherkennung zu fördern und zu analysieren, welche Anlaufstellen die Schule für betroffene Schüler anbietet. Während der Lehrerschulung wird außerdem trainiert, wie man auf einen eventuell betroffenen Schüler zugehen kann. Ein guter Anfang ist, ein Gespräch anzubieten und die auffälligen Verhaltensveränderungen anzusprechen. Hier gilt: Lieber einmal zu viel hin gesehen als einmal zu wenig!

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