(openPR) Risiken des deutschen Energiekonzeptes
Am 28. September 2010 hat die Bundesregierung ihr „Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung“ beschlossen. Endlich, möchte man sagen! In Bereichen wie Verteidigung, Finanzen und Rente sind langfristige Planungen und Prognosen seit Jahrzehnten üblich. Warum in der Energieversorgung nicht, die doch zum Zentralnervensystem unserer hoch technisierten und vernetzten Gesellschaft geworden ist, gehört zu den Rätseln der deutschen Politik. Zweifellos ist es ein erheblicher Verdienst für Deutschland, erstmals eine vollständige strategische Planung für die Energieversorgung vorgelegt zu haben.
Inhaltlich kann die Weichenstellung des Konzepts nur als atemberaubend bezeichnet werden. Noch nie existierte in Deutschland ein industriepolitischer Umbauplan von solcher Radikalität. In 40 Jahren soll nicht nur die Nachfrage nach einer ganzen Produktgruppe - Energie - halbiert, sondern gleichzeitig die Produktion der verbleibenden Hälfte großflächig auf neue Technologien umgestellt werden. Bis 2050 sollen demnach
• der Primärenergieverbrauch um 50 % und der Stromverbrauch um 25 % gegenüber 2008 sinken,
• die Treibhausgasemissionen um 80 bis 95 % gegenüber 1990 sinken,
• der Anteil der erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch auf 60 % und am Stromverbrauch sogar auf 80 % steigen.
Kein anderes großes OECD-Land will das Ruder so schnell und so grundlegend in Richtung Effizienz und Erneuerbare Energien umlegen. Um die Radikalität des Plans einordnen zu können, kann der aktuelle World Energy Outlook 2010 der Internationalen Energieagentur (IEA) als Maßstab dienen. Selbst in dessen schon recht optimistischem Hauptszenario (erfolgreiche Umsetzung der gegenwärtig erklärten Klimaschutzziele)
• steigt der Weltenergiebedarf bis 2035 um 36 %,
• entfällt mehr als die Hälfte des Zuwachses auf fossile Energieträger,
• erreicht die Weltölproduktion ihren Höhepunkt nicht vor 2035,
• nimmt die in Kohlekraftwerken erzeugte Strommenge stark zu,
• steigt der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergiemix bis 2035 von 7 % auf 14 %.
Vereinfacht lässt sich sagen: Der zunehmende Einsatz teurer Erneuerbarer Energien wird durch den noch schneller wachsenden konventionellen Energiebedarf der Schwellen- und Entwicklungsländer überrollt. An diesem IEA-Szenario wird deutlich, wie sehr sich das deutsche Energiekonzept dem globalen energiepolitischen Mainstream entgegen zu stemmen versucht. Drei Fragen stehen im Mittelpunkt:
1. Ist das Konzept technisch umsetzbar?
2. Ist es gesellschaftspolitisch durchsetzbar?
3. Ist es finanzierbar und ist die volks¬wirtschaftliche Gesamtbilanz positiv?
Unterstellt man, dass ein Teil des heutigen Endenergieverbrauchs - etwa 5 bis 8 % - durch verändertes Verhalten im Haushalts-, Verkehrs- und Kommunalsektor eingespart werden kann (z.B. durch stärkere Nutzung von öffentlichem Nahverkehr, Carsharing-Modelle, Verzicht auf innerstädtischen „Lichtluxus“ etc.), wird man die technische Machbarkeit des Konzepts vorsichtig bejahen können. Bei Einrechnung der heute üblichen Innovationsraten scheint die erforderliche jährliche 2,1 %ige Steigerung der Energieeffizienz ebenso erreichbar wie die Steigerung des Anteils der Erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch. Klar ist, dass diese neue Energiewelt anders aussehen wird als heute. Da die Potenziale der Energiespeicherung auf lange Sicht begrenzt bleiben (der Hoffnungsträger Pumpspeicherkraftwerk hat einen Wirkungsgrad von nur rund 80 % und lässt sich in Europa nicht mehr dimensional ausbauen), wird das Lastprofil letztlich mit Hilfe eines aufwändigen Netzmanagements an die stark fluktuierende Erzeugung von Wind- und Solarenergie angepasst werden müssen. Im Klartext: Die Abnahme von Strom und Wärme wird stärker angebots- als verbrauchsgesteuert.
Die nächste Hürde - gesellschaftliche Akzeptanz - liegt schon höher. „Feuer statt Masten“ hieß der sinnige Slogan, mit dem Bürgerinitiativen jüngst die geplante 380 kV-Trasse von TenneT durch Südniedersachsen bekämpften. Die immer stärker wirkende Überalterung der deutschen Bevölkerung (schon heute sind wir im Schnitt 4 Jahre älter als die Franzosen und 8 Jahre älter als die US-Amerikaner) schmälert erkennbar ihre Bereitschaft zu größeren Umbauten und Veränderungen selbst dann, wenn diese zukunftsweisend sind (Stichworte: CCS, Netzausbau, Windparks).
Man kann bezweifeln, ob dieser Trend allein durch mehr und frühere Kommunikation gebrochen werden kann. Mehr spricht dafür, dass Gesetzgeber und Regierung die Notwendigkeit neuer Anlagen ausführlich begründen, dann aber das erforderliche Planungsrecht auch entschlossen schaffen müssen.
Ob in Deutschland in den nächsten 40 Jahren genügend Kapitalkraft aufgebracht werden kann, um den im Energiekonzept angelegten Umbau zu finanzieren, ist die größte Unbekannte. Grundsätzlich gilt die Feststellung der IEA: „Erneuerbare Energien sind generell kapitalintensiver als fossile Brennstoffe, so dass der Investitionsbedarf für ihren Ausbau sehr hoch ist“. Die Bundesregierung geht von einem jährlichen Investitionsvolumen von rund 20 Mrd. € aus. Private Investitionen werden vor allem für die energetische Sanierung des Gebäudebestands, den Umbau des Kraftwerksparks, den Ausbau der Strom- und Gasnetze sowie die Entwicklung sparsamer bzw. elektrischer Fahrzeugantriebe benötigt. Öffentliches Kapital muss vor allem im Forschungssektor bereitgestellt werden, aber auch in Form finanzieller Anreize zur Vorhaltung teurer fossiler Kraftwerkskapazitäten und zur Gebäudesanierung.
Zwar würde die Umsetzung des Energiekonzepts auch substantielle gesamtwirtschaftliche Vorteile mit sich bringen, vor allem in Form einer deutlich abgesenkten Energierechnung. Zeitlich vorgelagert ist aber die Entscheidung der Investoren. Wenn sich alternative Investitionen als vorteilhafter herausstellen, wird die Umsetzung des Energiekonzepts ins Stocken geraten. Das gilt natürlich besonders, wenn die Einzelinvestitionen auf immer stärkeren Widerstand der Bevölkerung stoßen. Die von E.ON am 10. November 2010 bekannt gegebene Entscheidung, künftig ein Viertel des Ergebnisses in wachstumsstarken Märkten außerhalb Europas erzielen zu wollen, verdient vor diesem Hintergrund besondere Aufmerksamkeit.
Fazit
Die Anfang der 90er Jahre richtigerweise eingeleitete Pionierpolitik der Bundesregierung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien enthält in ihrer jetzigen Ausformung als „Energiekonzept 2010“ deutlich höhere Risikoanteile. Sie droht vor allem dann zu scheitern, wenn weder die Bevölkerung noch die Kapitalgeber von dem Konzept überzeugt werden können. Viel spricht dafür, das Umbautempo im Rahmen der europäischen Beschlüsse zu verlangsamen und statt dessen den Energieforschungssektor stärker auszubauen. Wenn dieser betragsmäßig nur ein Fünftel der in diesem Jahr an die Betreiber von EEG-Anlagen überwiesenen Einspeisevergütung von 12 Mrd. € erhielte, könnte Deutschland (wieder) zum Mekka der Energieforscher werden. Auch das wäre eine Pionierstrategie.
Dr. Jens Baganz, Staatssekretär a. D., Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen 2005-2010











