(openPR) Im Eisenhut-Verlag erschien im November das literarische Debüt des Germanisten Jörg Sader „Unter Tage. Erzählungen“. In seinen Erzählungen schreibt der selbst als junger Mann aus der DDR in den Westen geflohene Autor feinsinnig Stimmungen und Irritationen im Alltag unter der Diktatur, die ihre Bürger in Unfreiheit hielt und nur jene förderte, die sich linientreu verhielten und sich zum „neuen“ Staat bekannten.
Die geistige Enge des Arbeiter- und Bauernstaates mit seiner provinziellen Abwehr aller Einflüsse aus dem Westen wird in Saders Buch ebenso Thema wie der Riss zwischen Befürwortern und Ablehnern der sozialistischen Ideologie, der oft mitten durch die Familien ging. Überall im eingemauerten Land ist die Gängelung der Menschen durch die Parteifunktionäre spürbar – in der Schule, beim Faschingsvergnügen, bei der Berufsausbildung wie im Transit zwischen den beiden deutschen Staaten, selbst im Arbeitslager, wo sich Spitzel Vergünstigungen erwerben. Der Blick zur anderen Seite, wie beispielsweise am Brandenburger Tor, ist voller verhaltener Aggressionen und Sehnsüchte, die sich erst 1989 erfüllen werden. Ein weiterer Teil der Erzählungen unternimmt den Versuch, sich der emphatischen Augenblicke aktiv und ungebrochen zu erinnern, deren Intensität einmalig und unwiederholbar erscheinen: Flucht, Gefängnis, der Wechsel in den anderen Teil Deutschlands, Freiheit.
In seinem Nachwort beschreibt der renommierte Althistoriker und DDR-Forscher Wolfgang Schuller: „Jörg Saders Erzählungen sind leicht, elegant, schwebend geschrieben, die Rede ist von einem Mischa, einem Tommy, manchmal wird ein gemeinsamer Freund angeredet, vieles wird angedeutet. Alltägliche Situationen, so scheint es, Schulerlebnisse von Halbwüchsigen, Impressionen von mecklenburgischen Seen, Sonne scheint durch Kastanienblätter im Hof, ein Grashüpfer tappt über eine Windschutzscheibe. Manchmal ein Hauch von Idylle, meistens Alltag. Aber welcher Alltag, welche Alltage? Wörter und Begriffe tauchen auf wie Pionierhaus, unser Staat, Westsender, Sperrzone, Lagerstraße. Man fängt noch einmal an zu lesen, versucht zu entschlüsseln. Ist es nicht die Vopo, die die Faschingsfeier stört, weil sie amerikanische Unkultur verhindern will? Mischa wird vom an Professor Unrat erinnernden Schultyrannen gequält, weil sein Vater in den Westen gegangen ist, Reinhard wird aus einer Berufsschule relegiert, weil er Westsender hört, die sich durch Bestechung lösende unerfreuliche Begegnung mit einem denunzierenden Bauern und einem Polizisten findet auf einer Interzonenstrecke statt.“
Der Autor: Jörg Sader, geboren 1945 in Erfurt, verbringt seine Kindheit und Jugend im inzwischen untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat und gelangt 1967 auf Umwegen und mit viel Glück in den demokratischen Teil Deutschlands. Nach einem Studium (Germanistik, Romanistik und Philosophie) in Frankfurt am Main und Paris ist er u. a. Übersetzer, Antiquariatsbuchhändler und – nach der Promotion (über die Tagebücher Ernst Jüngers) – Dozent für Neuere Deutsche Literatur an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Gegenwärtig leitet er Seminare für Rhetorik und Kommunikation und publiziert zu literarischen Themen und zur Bildenden Kunst. Jörg Sader ist Mitglied des Autorenkreises der Bundesrepublik und lebt in Frankfurt am Main und Berlin. „Unter Tage“ ist sein erster Prosaband.
Jörg Sader: Unter Tage. Erzählungen. Mit einem Nachwort von Wolfgang Schuller. Hagen-Berchum 2010: Eisenhut Verlag, 132 Seiten, € 14,90, ISBN 978-3-942090-08-7. Rezensionsexemplare versendet der Verlag gern auf Anfrage.











