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Der Streit um Globuli und Potenzen

02.08.201012:02 UhrGesundheit & Medizin

(openPR) Interview mit Dr. Wolfgang Widmaier, Apotheker und Heilpraktiker


Die Homöopathie ist seit jeher umstritten. In regelmäßigen Abständen liefern sich Gegner und Befürworter dieser komplementärmedizinischen Therapie hitzige Debatten. So forderte kürzlich der SPD-Politiker und Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach gemäß einem Artikel im „Spiegel“, man solle den Kassen verbieten, die Homöopathie zu bezahlen. Die Gegenseite reagierte empört. Dr. Wolfgang Widmaier, Apotheker und Heilpraktiker von der Union Deutscher Heilpraktiker, erklärt, warum das Thema Homöopathie so stark polarisiert.


Frage: Warum löst gerade die Homöopathie immer wieder so heftige Kontroversen aus?

Dr. Wolfgang Widmaier: Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass es im medizinischen Alltag viele Beispiele für ein gut funktionierendes Miteinander von Homöopathie und der so genannten Schulmedizin gibt. So ist die Homöopathie zum Beispiel fester Lehr-Bestandteil an den medizinischen Fakultäten vieler Universitäten. Trotzdem finden sich immer wieder Kritiker, die der Homöopathie per se Unwirksamkeit vorwerfen und entsprechende Konsequenzen fordern, da sich die Wirkung der Behandlung nicht mit den in der Forschung üblichen randomisiert-kontrollierten Studien nachweisen lässt. Patienten, Ärzte und Heilpraktiker machen dagegen tagtäglich die Erfahrung, dass die Homöopathie wirkt und gute Erfolge erzielt. Deshalb gehen sie verständlicherweise auf die Barrikaden, sobald der Status der Homöopathie in Frage gestellt wird.

Frage: Ist dieser Wirksamkeitsbeweis denn so wichtig? Könnte man nicht einfach sagen, wer heilt hat Recht?

Dr. Wolfgang Widmaier: Beim Thema Wirksamkeitsnachweis prallen zwei ganz unterschiedliche medizinische Sichtweisen aufeinander. Ich möchte das am Beispiel einer bakteriellen Infektion erklären. Die Schulmedizin behandelt die auftretenden Symptome, indem der dafür verantwortliche Erreger bestimmt und durch ein Antibiotikum abgetötet wird. Dieses Vorgehen lässt sich in Versuchreihen ohne Probleme überprüfen und bestätigen. Die Homöopathie hat einen ganz anderen Ansatz: Sie geht davon aus, dass der menschliche Organismus ein ausbalanciertes System ist, das von der so genannten „Lebenskraft“ gesteuert wird. Eine Erkrankung wird als Störung oder Blockade dieser Lebenskraft gedeutet. Dafür kann es sehr viele und sehr unterschiedliche Anzeichen geben, die der Homöopath durch eine ausführliche Befragung des Patienten herausfindet. Die Behandlung zielt darauf ab, die natürliche Balance wieder herzustellen und so die Lebenskraft individuell zu stärken, damit der Körper die Infektion aus eigener Kraft überwinden kann. Diese Behandlung sieht naturgemäß bei jedem Patienten anders aus. Eine Versuchsanordnung, bei der jeder Patient mit einer bakteriellen Infektion das gleiche Medikament erhält, macht keinen Sinn und kann deshalb auch nicht funktionieren.

Frage: Wie findet ein Homöopath denn das passende Medikament für einen Patienten oder eine Patientin?

Dr. Wolfgang Widmaier: Man kann die Homöopathie auch als Reiz- bzw. Regulationstherapie bezeichnen. Um heilungsfördernde Reize zu setzen, arbeiteten Homöopathen nach dem Prinzip, eine Störung durch eine Substanz zu behandeln, die möglichst ähnliche Symptome erzeugt und so die Selbstheilungskräfte anstößt ("Similia similibus curentur", Ähnliches wird mit Ähnlichem geheilt). Auch dazu ein Beispiel: Wer sich im Winter die Hände „erfroren“ hat, sollte sie mit Schnee reiben, damit die Durchblutung wieder angeregt wird. Hält man die Hände dagegen unter heißes Wasser, bekommt man starke Schmerzen und riskiert Verbrennungen. Homöopathische Medikamente sind natürliche Substanzen auf der Basis von Pflanzen, Mineralien, Metallen oder Stoffe tierischen Ursprungs, die bei einem gesunden Menschen Symptome erzeugen, die den Symptomen, die bei Erkrankungen auftreten, möglichst ähnlich sind.

Frage: Und warum werden diese Substanzen so lange verdünnt, bis kein wirksamer Stoff mehr nachweisbar ist?

Dr. Wolfgang Widmaier: Um die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen, gilt in der Homöopathie ein Mittel als umso wirkungsvoller, je höher es potenziert ist. Bei der Potenzierung geht es nicht um eine normale Verdünnung im Sinne einer Verwässerung, sondern um einen aufwändigen, mehrstufigen Prozess. Nach dem derzeit gültigen Homöopathischen Arzneibuch werden homöopathische Mittel in 3 Formen verabreicht: Als Dilutionen (Lösungen), wobei die entsprechenden Ursubstanzen/Urtinkturen mit dem Trägerstoff Alkohol potenziert wird. Die Grundlage homöopathischer Tabletten ist der Milchzucker, der mit den entsprechenden Ursubstanzen vermischt wird. Bei den Globuli (Streukügelchen) dienen kleine Rohrzuckerkügelchen als Träger für das Heilmittel. Globuli sind besonders für Kinder geeignet. Um die gewünschte Verdünnung der Urtinkturen/Ursubstanzen zu erreichen, werden diese mit den arzneilich nicht wirksamen Stoffen wie Alkohol oder Milchzucker durch Verschüttung oder Verreibung Schritt für Schritt vermischt. Diese Vorhergehensweise wird als Potenzierung bezeichnet. Dabei werden unterschiedliche Grade der Potenz bzw. Verdünnung hergestellt und entsprechend gekennzeichnet. Eine Vermischung im Verhältnis von 1:10 ist eine D1; von 1:100 eine C1, etc. Ein homöopathisches Mittel mit der Potenz D 23 enthält – nach physikalischer Erkenntnis- tatsächlich kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr. Die Homöopathie geht allerdings davon aus, dass die „Informationen“ der Ursubstanz erhalten bleiben und im Organismus die gewünschte Reaktion auslösen.

Frage: Wie schätzen Sie den Effekt ein, wenn die Krankenkassen tatsächlich homöopathische Behandlungen nicht mehr bezahlen würden?

Dr. Wolfgang Widmaier: Ich denke, dass man eine solche Maßnahme – im Gegensatz zu einem homöopathischen Arzneimittel - durchaus als ein Placebo bezeichnen könnte, also als ein Scheinarzneimittel, mit dem man populistisch wirksam vorgibt, Gelder einsparen zu wollen, aber faktisch nichts bewirkt. Unser Gesundheitssystem wird sich dadurch jedenfalls nicht kurieren lassen. Denn die Gesamtausgaben für homöopathische Arzneimittel im Bereich der GKV hatten 2009 gerade mal einen Anteil von rund einem Promille. Die Ausgaben für die homöopathische ambulante Versorgung betrugen nur etwa 0,25 Promille. Auf der anderen Seite gilt die Homöopathie als kostengünstig und effektiv – sie dürfte das Gesundheitssystem also eher entlasten als belasten. Und schließlich muss man den Wunsch vieler Versicherter, sich homöopathisch behandeln zu lassen, respektieren: Immerhin gelten gemäß einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach 25% der Bevölkerung als „überzeugte Verwender“ der Homöopathie.

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