(openPR) Die Freiheit des Einzelnen, mit seinem Motorrad, seinem Rasenmäher, seiner Kirchenglocke, seinem Auto, seinem Lkw, seiner Lokomotive Lärm zu machen, erfährt Grenzen durch die Freiheit dessen, der es ablehnt, dabei weiter zuzuhören. Hier muss die gerechte Mitte zwischen beiden gefunden werden, um die Regeln einer freiheitlichen Grundordnung nicht weiter zu gefährden. Nicht die Ruhe gehört eingesperrt hinter Schallschutzfenstern, sondern Lärm muss verhindert werden. Wenn wir uns selbst nicht mehr hören und erleben, weil nur noch der Lärm unserer Straßen, Schienen, Flugzeuge und Fabriken zu hören ist, dann haben wir aufgehört zu sein.
Lärm ist für viele ein Stück Freiheit. Kinder schreien vor Vergnügen, Greise schwingen sich auf schwere Harleys, um am Ende ihres Weges noch einmal gehört zu werden. In den Stadien lärmen sich am Wochenende grölende Fans ihren Frust von der Seele und in den Diskotheken sorgen DJs dafür, dass man sich versteht, weil man sich nicht versteht. Die lärmenden Verkehrskorridore durchkreuzen unser Land wie Hauptschlagadern und legen ihren Lärmteppich über unser Gemüt, das nicht mehr zur Ruhe kommt. Der Körper wird krank dabei, schwer krank. Milliarden an Gesundheitskosten werden auf diese Weise produziert, die getragen werden von denen, die auch den Lärm ertragen müssen. Diejenigen, die ihn erzeugen, werden in ihren Villen und auf ihren Hochseejachten nicht vom Lärm berührt. Im Gegenteil, sie nutzen ihn, um ein dadurch immer dümmer werdendes Volk immer weiter in die Knie zu zwingen.
Die Ruhe, jene unsägliche Kraft, aus der sich die tägliche Erneuerung, der Wille zum Sieg, der Triumph über den Tod ableitet, jene Ruhe ist auf den Schlachtfeldern der Industrialisierung verloren gegangen. Das Wirtschaftswunder hat uns die ewige Unruhe beschert. Sie nimmt uns die Luft zum Atmen, das Wasser zum Trinken, die Kraft zu lieben und die Ruhe zu leben. Wer nicht mehr zur Ruhe kommt, hört auf zu leben. Dieser Zustand ist nur noch ein Dahinvegetieren, saft- und kraftlos, ohne Ziel. „Gefügig“ sagen jene, denen Lärm nutzt, indem er ihre eigene Bescheidenheit ausreichen lässt, um sich zu erheben, weil er die anderen chancenlos zurücklässt!
Lärm produziert Macht. Dort wo es laut ist, wohnen die Armen. Lärm sorgt dafür, dass sie bleiben, was sie sind. Kinder, die in lärmenden Klassenzimmern mit glatten Betonwänden etwas lernen sollen, hyperventilieren, weil ihnen der Lärm Hirn und Atmung durcheinander bringt. Wir begreifen nicht, dass uns die Welt als ein akustischer Raum umgibt, der ständig da ist, den wir nicht abschalten können. In diesem akustischen Raum leben wir selbst und alle anderen, die uns umgeben. Wenn dieser Raum nur noch von anderen gefüllt wird, wenn wir selbst uns dabei nicht mehr wahrnehmen, wenn Lärm, der diesen Raum füllt, unsere Gedanken tötet, unsere Gefühle zerstört, unseren Schlaf raubt, unsere Konzentration beeinträchtigt und unsere Kommunikation mit anderen unmöglich macht, dann haben wir aufgehört zu existieren.
Hören oder nicht hören ist keine Frage des Gehörs, sondern der Umgebung. Gibt es sie noch, die Umgebung, in der wir Ruhe finden? Wo finden wir sie? Ruhe ist zum existenziellen Wert der Selbstfindung und damit des Überlebens geworden. Wo bin ich? Wo kann ich mich noch selbst erleben und spüren? Gehöre ich nur noch anderen? Bin ich deren Sklave, indem ich den endlosen Chor ihrer TV-Sendungen, Werbespots, Supermarktbeschallungen, Flugzeuge, Straßen und Schienenstränge ohne Ende ertragen muss?
Es braucht die Anstrengung aller, um mit diesem Problem fertig zu werden. Architekten müssen schallarm bauen, Fabrikanten lärmarm produzieren, Fahrzeuge müssen höchsten Ansprüchen an Geräuschreduktion entsprechen. Städte müssen lärmarm geplant werden. Aktionen gegen den Lärm müssen daher systematisch umgesetzt werden. Wir brauchen eine Mittags- und eine Nacht¬ruhe, wir brauchen Umgehungstrassen und Straßen für die Wohngebiete, wir brauchen eine Welt, in der wir selbst wieder zu finden sind, in der wir uns selbst wieder finden können.
Das ist kein Zukunftsprojekt, sondern dies muss mit Sofortmaßnahmen wie Tempolimits und Nachtfahrverboten für Güterzüge unverzüglich begonnen werden. Politiker aller Parteien sind hier gefordert, eine gemeinsame Front gegen den Lärm aufzubauen. Jeder Tag mit Lärm, von dem wir uns nicht erholen können, ist ein Tag, der uns schwächt. Jede Nacht, die uns Erholung bietet, ist eine Nacht, die uns stärkt. Wir brauchen diese Kraft, um den Herausforderungen der Zeit zu begegnen, wir brauchen die Ruhe.
Denn Ruhe ist keine Frage des Komforts, Ruhe ist eine Frage des Überlebens. Robert Koch hat bereits im vorletzten Jahrhundert vorausgesagt: „Eines Tages wird der Mensch ebenso den Lärm bekämpfen wie die Pest oder die Cholera!“










