(openPR) München - Gespielt wird überall auf der Erde: Das zeigen die acht ersten Titel der Edition der SOS-Kinderdörfer über Spiele aus aller Welt eindrucksvoll. Die UN-Kinderrechtskonvention räumt den Kindern in Artikel 31 sogar ein Recht auf das Spiel ein. Warum es die Entwicklung zu starken Persönlichkeiten ermöglicht und welche Bedeutung das Spiel im Alltag der SOS-Kinderdorf-Einrichtungen einnimmt, erläutern der internationale pädagogische Leiter, Christian Posch, seine Kolleginnen Bianca Helfer und Lisa Ullmann im Interview.
Warum ist Spielen für Kinder so wichtig?
„Spielen ist für Kinder eine ganz wesentliche Form, sich auszudrücken, sich zu artikulieren. Sie greifen gemachte Erfahrungen im Spiel immer wieder auf und können sie so verarbeiten. Und vor allem: Kinder erkunden im Spiel die Welt. Das Spiel stellt eine zentrale Verhaltensdimension von Kindern dar und ist gleichzeitig ein Medium, auf das jedes Kind ansprechbar ist. Das Spiel ist außerdem für Kinder jeder Al-tersstufe eine sehr wichtige Lernform. In Spielräumen können Kinder Risikoerfahrungen machen und ihre eigenen Grenzen ausloten. Sie sind dabei Hauptakteure ihrer eigenen Welt und übernehmen unter-schiedliche Rollen, mit denen sie sich kurzzeitig identifizieren. Außer-dem begegnen sich Kinder im Spiel, das sogleich einen Sozialraum darstellt, in dem sie auf ihre Weise kommunizieren.“
Welchen Stellenwert nimmt Spielen in der Pädagogik der SOS-Kinderdörfer ein?
„Wenn ein Kind in ein SOS-Kinderdorf aufgenommen wird, müssen wir davon ausgehen, dass es aus einem familiären Hintergrund kommt, in dem kindliche Realität in vielen Fällen von Vernachlässigung und psychischem und/oder physischem Missbrauch geprägt war. Im SOS-Kinderdorf achten wir deshalb von der ersten Minute an bewusst dar-auf, dass dieses Kind sich in der neuen Umgebung wohl und sicher fühlen kann – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das Kind Kind sein kann. Und ein wichtiger Bestandteil von Kindsein ist Spielen. Dem Spiel als wesentlichem Beitrag zu einer positiven ganzheitlichen Entwicklung des Kindes wird im Aufgaben- und Kompetenzprofil der SOS-Kinderdorf-Einrichtungen deshalb explizit Raum gegeben. Auch in unseren Familienstärkungsprogrammen, die einen großen Teil unserer Arbeit weltweit ausmachen, sind wir darum bemüht, das nötige Umfeld für Spielen zu schaffen.“
Wie wirken sich das auf das psychische Wohlbefinden der oft trau-matisierten Kinder aus?
„Wie effizient die Art des Spielens in der Spieltherapie oder der Spiel-pädagogik ist, hängt sehr vom individuellen Kind ab. Entwicklungs-psychologen stellen immer wieder fest, dass das Kinderspiel eine ho-he Komplexität und eine zentrale Bedeutung für die gesamte kindliche Entwicklung besitzt. Offensichtlich handelt es sich beim Spielen um eine der wichtigsten Aktivitäten innerhalb der Lebensphase Kindheit.“
Lassen sich durch das Spielen auch seelische Wunden behandeln, heilen oder sogar überwinden?
„Kleine Kinder stellen sowohl ihre negativen als auch ihre positiven Erfahrungen spontan spielerisch dar. Für sie ist das Spiel eine wichtige Form, sich zu artikulieren. In Form von Zeichnungen, Rollenspielen, Singen oder Tanzen können Kinder das Geschehene und ihre Gefühle sowie etwaige Lösungsmöglichkeiten ausdrücken. Dieses „zum Ausdruck bringen“ des Erlebten hat eine positive Wirkung auf das psychische Wohlbefinden der Kinder, und ist zudem eine gute Möglichkeit für die Erwachsenen, mit dem Kind zu kommunizieren und etwas über seine Gedanken und Gefühle zu erfahren.“
Fördert das gemeinsame Spiel auch das soziale Miteinander in den Dörfern und SOS-Familien?
„Diese Frage können wir mit einem klaren Ja beantworten. Im ge-meinsamen Spiel können Kinder wieder Vertrauen gewinnen. Sie können sich auf andere einlassen, ihre eigenen innere Welt freiwillig und ungezwungen einbringen, ihrer Phantasie freien Lauf lassen und im spielerischen Austausch mit Mitspielenden ihre eigenen Hand-lungskompetenzen erweitern. Wenn eine SOS-Kinderdorf-Mutter mit den Kindern spielt, schafft sie eine gute Basis für das Zusammenwachsen der einzelnen Familienmitglieder, von denen jedes einzelne in vielen Fällen unterschiedlich sozialisiert ist. Auf der Ebene des Spiels können Hürden im täglichen Zusammenleben überwunden werden – und Hürden gibt es wohl genügend in einer Familienzusammenset-zung, in der der Großteil der Kinder die Nicht-Würdigung ihrer Rechte und Bedürfnisse erlebt haben.“
Gibt es internationale Unterschiede beim Spielen? Oder vor allem Gemeinsamkeiten, weil die Grundprinzipien – Siegen und Gewinnen, in andere Rollen schlüpfen, sich bewegen und kreativ tätig sein, strategisch denken und spielerisch lernen – überall auf der Welt die gleichen sind?
„Eines ist klar: Kinder spielen überall auf der Welt. Es scheint ihnen un-abhängig vom kulturellen Hintergrund ein natürliches und angeborenes Bedürfnis zu sein. Etwas prinzipiell Menschliches liegt also im Spielverhalten verborgen. Zum Ausdruck kommen solche Tendenzen wie Machtgehabe, strategisches Verhalten, Nachsicht, Versöhnung, aber auch geschlechtsspezifische Verhaltensweisen tendenziell in jeder Kultur.“













