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Erdställe – rätselhafte unterirdische Anlagen

15.04.2010 • 18:11 Uhr • Kunst & Kultur
Blick in einen Erdstall (Quelle: Arbeitskreis für Erdstallforschung)
Blick in einen Erdstall (Quelle: Arbeitskreis für Erdstallforschung)

(openPR) Neue Sonderausstellung startet am 17. April im Freilichtmuseum

Großweil, 15. April 2010 – Unter dem Jahresthema „Entdecker gesucht“ zeigt das Freilichtmuseum Glentleiten vom 17. April bis 11. November eine neue Sonderausstellung: „Erdställe – rätselhafte unterirdische Anlagen“. Die Ausstellung nimmt geheimnisvolle, labyrinthische Gangsysteme in den Blick. Die so genannten „Erdställe“ sind künstlich angelegte, labyrinthische Gänge im Untergrund alter Siedlungsplätze, Kirchen und Friedhöfe. In Bayern sind mehr als 700 solcher Anlagen aus dem Mittelalter bekannt. Bis heute ist ihre Funktion ungeklärt und weitgehend wissenschaftlich unerforscht. Handelte es sich um Zweckbauten oder um Kultstätten?



„Die Bezeichnung Erdstall steht für eine ‚Stelle’ in der Erde, ähnlich wie das Wort ‚Burgstall’, das auf den ehemaligen Standort einer Befestigungsanlage hinweist“, erklärt Projektleiter Jan Borgmann, Freilichtmuseum Glentleiten.
„Bis heute konnte das Geheimnis der Erdställe nicht gelüftet werden. Die Wissenschaft steht noch vor der Frage: Wer hat diese meist fundleeren Anlagen erbaut, die sich in vielen Ländern Mitteleuropas finden? In Bayern liegen die Hauptverbreitungsgebiete der Erdställe in Ober- und Niederbayern sowie in der Oberpfalz und im Bayerischen Wald. Sie wurden oft bei Bauarbeiten an alten Wohnhäusern, Stallungen oder beim Straßen- und Kanalbau entdeckt.“

Das Geheimnis der Erdställe
Erdställe bestehen aus kleinen höhlenartigen Kammern, die durch enge Gänge und Schlupflöcher miteinander verbunden sind. Dem Geheimnis der Erdställe in Bayern und Österreich auf die Spur zu kommen, hat sich der „Arbeitskreis für Erdstallforschung“ zum Ziel gesetzt. Die Mitglieder setzen sich für die Erforschung dieses noch ungeklärten Phänomens in der bayerischen Geschichte ein. Der Arbeitskreis steht dazu in ständigem Austausch mit Initiativen europaweit; die Forschungsergebnisse werden regelmäßig in einer eigenen Zeitschrift namens „Der Erdstall“ veröffentlicht.
Die Ausstellung im Freilichtmuseum Glentleiten wurde von Dieter Ahlborn und Andreas Mittermüller vom Arbeitskreis für Erdstallforschung konzipiert, die sich für die Sicherung, Dokumentation und Erhaltung dieser Bodendenkmäler einsetzen.

Kulthöhle oder Zufluchtsstätte?
Die extreme räumliche Enge der Gänge und der Einbau von Schlupflöchern von 40 cm Durchmesser schließen eine praktische Nutzung als Vorratsraum, Wasserstollen, Bergwerk oder Wohnhöhle praktisch aus. Nach Auffassung des Arbeitskreises für Erdstallforschung ist eine im weitesten Sinne kultische Funktion der Erdställe derzeit am wahrscheinlichsten. Wissenschaftliche Untersuchungen zu Namenskunde, Sagen, Siedlungs- und Religionsgeschichte legten außerdem Parallelen zu Ahnenkulten und frühchristlichen Jenseitsvorstellungen offen. Weit verbreitet war einst ein „Durchschlupfbrauch“. Dahinter stand das Abstreifen von Krankheiten oder der Wunsch nach Reinigung, Erneuerung und Heilung. Gegen eine Interpretation der Erdställe als Zufluchtsstätte oder als Versammlungsräume religiös Verfolgter sprechen der Sauerstoffmangel, ein labyrinthartiger Aufbau und periodische Überflutung. Dennoch: Viele Erdställe liegen an Einzelgehöften. Bei Gefahr hätten sich die Menschen unter die Erde flüchten können. Die Verfolger hätten sich in den labyrinthischen Systemen nicht zurecht gefunden oder wären an den Engstellen der Schlupfe zurückgeschlagen worden.

Von Zwergen- und Dreifrauensagen
Die Ausstellung informiert die BesucherInnen auch über typische Sagen, die sich um die Erdställe ranken – von Verbindungssagen über Zwergensagen bis hin zu Dreifrauensagen. In Oberbayern häufen sich Sagen zu drei Jungfrauen, die aus den unterirdischen Gängen Ihre wunderschönen
Gesänge hören lassen. Im Alpenraum sind sie auch als „Salige Fräulein“ oder „Bethen“ bekannt.

Bekannte Erdställe in Bayern
In der Ausstellung sind Beispiele für Erdställe dokumentiert, darunter finden sich der Erdstall Reichersdorf aus dem Landkreis Miesbach sowie die Erdställe Doblberg und Kleinrohrsdorf aus dem Landkreis Ebersberg.
Einen Höhepunkt der Ausstellung bietet das Erdstall-Modell, in das mutige Besucherinnen und Besucher hineinkriechen können, um das Phänomen der Erdställe selbst zu erkunden.

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