(openPR) Ein steiniger Weg durch die Krise
„Wer sich mit Kassandra ins Bett legt, wird zumindest über den Mundgeruch am nächsten Tag erstaunt sein.“ (Zitat: damaliger Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Juni 2009). Er warnte damit vor übertrieben negativen Konjunkturprognosen. Wie recht er hatte, zeigt zum einen die niedrige Arbeitslosigkeit und zum anderen der doch noch „verbesserte“ Konjunkturverlauf gegenüber den Prognosen der fünf Wirtschaftsweisen. Hier sind von den Top-Wissenschaftlern Vorgaben von -6 % bzw. von 4 bis 4,5 Millionen Arbeitslosen genannt worden. Seien wir froh, dass es nicht so gekommen ist!
Der Mittelstand war in 2009 wieder einmal mehr das Rückrat der deutschen Wirtschaft und hat sich tapfer geschlagen. Spektakuläre Pleiten gab es bei Großunternehmen wie Arcandor und namhaften Unternehmen, die in den Händen von Investmentbanken oder Private Equity sind. Man denke hier an Märklin, Schiesser oder Rosenthal. Hohe Verschuldung und niedrige Eigenkapitalausstattung zahlen sich anscheinend in Krisenzeiten doch nicht aus - Leverage-Effekte hin oder her!
Politisch war 2009 durch die Landtags- und insbesondere durch die Bundestagswahl geprägt. Es ging anfänglich ein Ruck durch die deutsche Wirtschaft, als der Wahlausgang eine bürgerlich-liberale Regierungsmehrheit bestätigte.
Bisher hapert es aber an der Umsetzung der vielen Wahlversprechungen, die man gegenüber der Bevölkerung und der Wirtschaft gemacht hat. Anscheinend haben sich die konservativen Parteien dabei etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt oder bringen nicht den erforderlichen Mut mit, auf den ersten Blick unpopuläre Maßnahmen umzusetzen. So fehlt derzeit noch vielen Unternehmen, die bereit sind zu investieren, die Planungssicherheit. Dieses betrifft auch die Energie- und Chemiewirtschaft. Doch wie haben sich nun diese beiden Branchen in 2009 geschlagen?
Chemie - im freien Fall
Wie schon Ende 2008 befürchtet, verzeichnete die Chemiebranche einen der massivsten Einbrüche in ihrer Nachkriegsgeschichte. Nachfrageausfälle bei Hauptkunden, wie der Automobil- oder Textilindustrie, führten zu Umsatzrückgängen von mehr als 13 Prozent im Inland. Dazu kam das rückläufige Auslandsgeschäft, das ein Defizit von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr bescherte. Als Lichtblick am Ende des Tunnels war das Anfahren abgeschalteter Anlagen in der zweiten Jahreshälfte zu sehen. Trotzdem lag die branchenweite Kapazitätsauslastung mit nur 77 Prozent deutlich unter dem für die Chemie üblichen Niveau (sonst 85 Prozent). Dank flexibler Arbeitszeitregelung und Kurzarbeit hielt sich der Arbeitsplatzabbau in Grenzen. Die Zahl der Beschäftigten sank um rund 1,5 Prozent auf 435.000. Manch ein Unternehmen musste seine Auslandsinvestitionen in Richtung Asien oder Naher-Osten zunächst zurückstellen. Dagegen stieg 2009 die Zahl der Unternehmenstransaktionen in der Chemiebranche weltweit an. Dabei handelte es sich, wie schon in 2008, vorwiegend um strategische Investoren, die sich am Markt etablierten. Das Transaktionsvolumen dagegen fiel im Jahresvergleich insgesamt niedriger aus, was im we¬sentlichen an den schwierigen Refinanzierungsbedingungen lag.
Die Chemieproduktion lag um rund 10 Prozent unter dem Vorjahr. Der Gesamtumsatz der deutschen Chemieindustrie sank zwar um 12,5 Prozent, lag aber mit 154,4 Mrd. Euro noch auf einem stolzen Niveau. Die Erzeugerpreise sind im Durchschnitt um 2,5 Prozent gesunken. Die Schmierstoffproduktion deutscher Raffinerien musste 2009 einen Rückgang von rund 9 Prozent hinnehmen. Lediglich Basis- und Maschinenöle lagen im Plus. Bei Motoren-, Getriebe- und Hydraulikölen, besonders aber bei den Schmierfetten, erlebten wir einen regelrechten Absturz von teilweise über 70 Prozent. Der leichte Anstieg zum Jahresende wirkte da eher wie der Tropfen auf den heißen Stein. Auch wenn man seinen Blick auf die gesamte Raffinerie-Produktion hierzulande erweitert, wird es nicht viel besser. Deutsche Raffinerien haben 2009 knapp 6 Prozent weniger produziert als 2008.
Der Chemiehandel dürfte überproportional unter dem Nachfragerückgang gelitten haben. Genauere Zahlen werden wohl erst im Verlauf des ersten Quartals 2010 vorliegen.
Der Chemieanlagenbau dagegen konnte sich aufgrund des hohen Auftragsbestandes in 2009 noch gut behaupten. Die Auslastung sicherten insbesondere die Wertschöpfungsstufen Detail Engineering und Fertigung. Dort lag der Exportanteil nach wie vor auf einem Niveau von rund 90 Prozent, was deutlich mehr war als im Durchschnitt des gesamten Großanlagenbaus. Hauptabnehmerregionen waren Südamerika (hier insbesondere Venezuela) und Nordafrika, aber auch Industrieländer wie die Niederlande, Portugal und Italien.
Energie - trotz Rückgang stabile Ergebnissituation
2009 ist der Primärenergieverbrauch in Deutschland gesunken und lag rund 6,5 Prozent unter dem des Vorjahrs. Wesentlicher Grund für den ungewöhnlich starken Abwärtstrend war die rückläufige gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Damit erreichte der Verbrauch das niedrigste Niveau seit Anfang der siebziger Jahre. Während die Erneuerbaren Energien um 4 Prozent zulegen konnten, mussten die fossilen Energieträger deutliche Rückgänge verbuchen. Mineralöl blieb Spitzenreiter im deutschen Energiemix, gefolgt von Stein- bzw. Braunkohle, Erdgas und der Kernenergie.
Auf Unternehmensseite erlebte die Branche einige Veränderungen. So setzte sich beispielsweise RWE mit seinem Übernahmeangebot für die niederländische Essent durch und Vattenfall stieg für 8,5 Millionen Euro bei Nuon ein. Schließlich wurde noch der Erwerb von 26 Prozent der EWE-Anteile durch EnBW vom Bundeskartellamt durchgewunken.
Auf politischer Ebene war es die neue schwarz-gelbe Regierung, die im Mittelpunkt stand, besonders der von ihr vorgestellte Energieplan. Die Kernpunkte waren: Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke, Festhalten am Ausbau der Erneuerbaren Energie, EEG-Novelle 2012, Umsetzung der CCS-Richtlinie der EU, Erkundung des Endlagers Gorleben und Gründung einer bundesweiten Netzgesellschaft. Kein Wunder, dass damit viel Diskussions- und auch Zündstoff geboten war. Den energiepolitischen Höhepunkt fand das Jahr im Weltklimagipfel, der im Dezember in Kopenhagen stattfand. Staats- und Regierungschefs aus über 190 Ländern traten an, um über ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zu beraten. Beobachter, Presse und die Öffentlichkeit stellten im Anschluss der Marathon-Konferenz ein verheerendes Zeugnis aus. Die schwache Kompromisslösung der Beteiligten in Form der „Kopenhagener Vereinbarung“ wurde weitgehend als Dokumentation des Scheiterns des Gipfels gewertet.
Die Strom- und Gasbranche begann das Jahr mit einem leidigen „Klassiker“, dem schwelenden Konflikt zwischen der Ukraine und Russland um die Gaslieferungsfrage. Moskau drehte jedenfalls prompt den Hahn zu. Der politische Aufruhr war groß. Zu¬mindest in Deutschland kam es jedoch in Folge dessen zu keinen nennenswerten Ausfällen. Eine der politischen Konsequenzen war der Aufwind für das Projekt Nabucco-Pipeline, das im Mai 2009 unterzeichnet wurde. Auf Verbraucherseite orientierte man sich im letzten Jahr vermehrt hin zu eigenen Solaranlagen, Wärmepumpen und Holzöfen. Daran konnte auch der übers Jahr gefallene Gaspreis nichts ändern. Der Strompreis machte 2009 eine Berg- und Talfahrt durch. Erreichte er schon im Januar mit 79 Euro/MWh sein Jahreshoch, folgte in den kommenden Monaten ein Auf und Ab. Im November wurde mit 25 Euro/MWh das Jahrestief erreicht, bevor sich der Preis zum Jahresende bei 40 Euro/MWh einpendelte. Der Erdgasverbrauch sank um 5,5 Prozent. Hauptgrund war die rückläufige Nachfrage auf Industrie- und Kraftwerksseite.
Der Mineralölverbrauch in Deutsch¬land sank 2009 um 5,8 Prozent und erreichte den niedrigsten Stand seit der deutschen Wiedervereinigung. Konjunkturbedingt ging die Nachfrage nach schwerem Heizöl zurück und auch der Absatz von leichtem Heizöl verringerte sich um rund 14 Prozent. Der Bedarf an Flugkraftstoffen lag mit fast 4 Prozent im Minus. Die negative Absatzentwicklung bei Otto- und Dieselkraftstoffen wurde beeinflusst durch die um knapp 50 Prozent erhöhte Beimischung von Bio-Kraftstoffen, die statistisch den erneuerbaren Energieträgern zugerechnet wurden. Ohne Beimischung wäre der Absatz an mineralischen Kraftstoffen leicht angestiegen.
Der Rohölpreis pro Barrel lag zu Jahresbeginn bei 45 US-Dollar und kletterte auf 75 US-Dollar im Dezember.
Der mittelständische deutsche Heizölhandel hat sich in Krisenzeiten gut geschlagen. Nicht zuletzt die niedrigen Temperaturen zum Jahresbeginn und zum -ende ließen ihn aufatmen. Dennoch geht die Konzentration des Marktes ungehindert weiter. Gerade größere Mittelständler haben sich für 2010 einiges vorgenommen und wollen weiter expandieren.
Die schlechte gesamtwirtschaftliche Situation hat sich in der Tankstellenbranche kaum bemerkbar gemacht. Die Ergebnisse im Agentur- und Autowaschgeschäft entsprachen etwa denen des Vorjahres. Das leicht rückläufige Shopgeschäft, speziell bei Zeitungen, Autozubehör und Lebensmittel, konnte bei vielen Betreibern durch ein gutes Fast-Food-Ergebnis kompensiert werden. Insgesamt lagen die Kraftstoffpreise 2009 im Jahresschnitt deutlich unter dem Vorjahresniveau. Es gab weniger starke Preisschwankungen nach oben oder unten. Der Wettbewerb hat dagegen nicht an Intensität verloren. Der Liter Super kostete im Januar 116,1 Cent, lag aber zum Jahresende schon wieder bei 132 Cent. Das war aber noch immer deutlich unter seinem Jahreshoch von 143,6 Cent im August. Der Bereich konnte insgesamt ein sehr auskömmliches Ergebnis erzielen.
Die deutsche Steinkohle wurde 2009 von der wirtschaftlichen Entwicklung am stärksten getroffen. Der Verbrauch sank um rund 18 Prozent. Vor allem die erheblich reduzierten Lieferungen an die angeschlagene Eisen- und Stahlindustrie waren die Gründe. Aber auch die Nachfrage aus den Kraftwerken lag deutlich niedriger als im Vorjahr. Mancher Beobachter proklamierte das „annus horribilis“ für die Branche. Mit einem Anteil von rund 11 Prozent am deutschen Primärenergieverbrauch lag man fast gleich auf mit der Braunkohle. Diese hatte mit einem Minus von rund 3 Prozent einen recht moderaten Rückgang zu verdauen, der in der fehlenden Nachfrage auf Kraftwerksseite begründet lag. Die Stromerzeugung aus Braunkohle betrug im letzten Jahr 146,5 Mrd. kWh. Damit stammte jede vierte in Deutschland erzeugte Kilowattstunde Strom aus einem Braunkohlenkraftwerk, berichtete der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein.
Insgesamt konnten die Erneuerbaren Energien 2009 einen Anteil von rund 9 Prozent am deutschen Energieverbrauch verbuchen. Vor allem Zuwächse aus der Biomasse und der Photovoltaik trugen dazu bei. Langfristig betrachtet waren es aber sichelich auch die Implikationen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das vor knapp 10 Jahren die Weichen für die Entwicklung der Branche gestellt hatte.
Die Solarbranche entwickelte sich in gewohnt kleinen Schritten positiv und konnte zum ersten Mal einen höheren Anteil an der deutschen Stromproduktion als die Müllkraftwerke für sich verzeichnen. Auf internationaler Ebene zog der Start der sogenannten Desertec Industrial Initiative in Afrika die Aufmerksamkeit auf sich. Dort sollen die Vorraussetzungen für die Erzeugung von Sonnenenergie zur Deckung von 15 Prozent des gesamten europäischen Bedarfs geschaffen werden. Ein Mammutprojekt mit Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe. In Deutschland zogen zum Jahresende dunkle Wolken auf, als die Regierung verkündete, eine drastische Reduktion der Subventionen vornehmen zu wollen. Von zusätzlichen 15 Prozent zu den vereinbarten jährlichen 10 Prozent war die Rede. Eine Maßnahme, die den mittleren und kleineren Anbietern das Genick brechen könnte. Eine weiter Konsolidierungsphase kündigte sich damit an.
Die Windenergie konnte an die Ergebnisse der vergangenen Jahren anknüpfen und ihren Spitzenplatz bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien behaupten. Die im ersten Halbjahr 2009 neu installierte Leistung lag mit rund 800 Megawatt auf Vorjahresniveau. Im Gesamtjahr dürfte sich der Wert, wie auch schon in den Jahren 2007 und 2008 bei circa 1.600 Megawatt eingependelt haben. Dahinter standen etwas mehr als 800 neue Anlagen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die Betreiber der Windenergieanlagen von höheren Förderungssätzen auf Grund des EEG profitieren konnten.
Die Biogas-Branche konnte nach den Tiefs der letzten Jahre 2009 wieder etwas aufatmen. Mit rund 500 Neuanlagen verzeichnete man erstmals seit 2006 wieder ein Aufwärtstrend im Anlagenbau. Die 4.500 Biogasanlagen erzeugten eine Gesamtleistung von 1.650 Megawatt und reduzierten den CO2-Ausstoß in Deutschland um mehr als neun Millionen Tonnen.
Die Vertreter der Biokraftstoffproduzenten blicken nach eigenen Aussagen auf den Scherbenhaufen ihrer Branche. Weitere Anbieter mussten 2009 die Segel streichen. Die Absätze, vor allem im Biodiesel, brachen weiter ein. Die Beimischung konnte die massiven Einbußen im B100-Markt nicht kompensieren. Die Branche rückte weiter zusammen und schöpft mit Blick auf die Klimaziele der EU etwas Hoffnung.
Ausblick 2010
Mit rund 6 Prozent Umsatzwachstum rechnet die Chemiebranche in 2010. Dabei soll die Chemieproduktion um rund 5 Prozent zulegen.
Wachstumstreiber sollen die Bereiche Bio-, Nanno- und Umwelttechnologie werden. Interessant zu beobachten wird auch sein, wie neue Manager a`la Dekkers (Bayer AG) ihre Unternehmen ausrichten werden. Allgemein kann man sagen, dass die Rahmenbedingungen für die chemische Industrie in 2010 schwierig bleiben werden. Erst ab 2012 erwartet die Branche einen nachhaltigen Aufschwung. Dann könnte das Niveau von 2007 bzw. Anfang 2008 wieder erreicht werden. Der Margendruck wird in 2010 bleiben, auch wegen eines starken Wettbewerbs ausländischer Anbieter, wie der saudiarabischen Sabic, der internationalen Petroleum Investment Company (IPIC) oder Sinochem aus China. Gegenüber den europäischen Chemieunternehmen können sie mit günstigen Rohstoff- und Produktionskosten aufwaten.
Auch in der Energiebranche wird die Wirtschaftskrise in 2010 noch ihre Spuren hinterlassen. Die Nachfrage ist nicht da, wo sie vor der Krise gewesen ist. Mit großen Absatz- oder Umsatzsprüngen ist nicht zu rechnen, es sei denn sie resultieren aus der in einigen Segmenten fortschreitenden Konsolidierung. Vertriebsseitig wird sich manch ein Strom- und Gasanbieter neu erfinden müssen, was einigen schnellen und flexiblen Unternehmen a`la natGAS die Chance bietet, Marktanteile gut zu machen. Der Mittelstand im Energiehandel wird auch in 2010 seine Chancen nutzen und weiter konsolidieren. Außergewöhnliche Ereignisse außen vor gelassen, dürfte es wieder ein auskömmliches Jahr werden. Vielleicht wird sogar der eine oder andere Mittelständler von einem Großkonzern als Vertriebspartner „entdeckt“, insbesondere wenn es um den Ausbau des Endverbrauchergeschäfts geht. Ob mit weiteren spektakulären Übernahmen zu rechnen sein wird, bleibt abzuwarten und ist skeptisch zu bewerten, zumal die Banken mit ihren Kreditvorgaben weiterhin sehr restriktiv umgehen werden. 2010 wird in Deutschland eher ein Jahr der Konsolidierung werden. Mit großen Erwartungen werden die Energieversorger die schwarz-gelbe Regierung beäugen. Die Diskussion um die Verlängerung der Atomkraftwerk-Laufzeiten und die Kürzung der Subventionen für Erneuerbare Energien sind nur zwei Themen, bei denen eine klare Positionierung der Politik erwartet wird. Hinzu kommt die Frage, wie nicht nur die nationale, sondern insbesondere die globale Klimadebatte fortgeführt wird. Interessant zu beobachten war, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2010 zum Jahr der Energie ernannt hat. Sehen wir es als gutes Omen.
Claus-Peter Barfeld, Geschäftsführer der Barfeld & Partner GmbH













