AK „Marginalisierte gestern & heute“
http://marginalisierte.de/
c/o Dirk Stegemann
Tel.: (0177) 1768633
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Über das Unternehmen
Wer sind wir?
Der Arbeitskreis "Marginalisierte - gestern und heute!" besteht aus Erwerbslosen, Freiberuflern, Angestellten und Studierenden. Zu ihm gehören diplomierte Psychologen, Ökonomen sowie Rehabilitationspädagogen, Sozial- und Informationswissenschaftler.
Was machen wir?
Der Arbeitskreis "Marginalisierte - gestern und heute!" hat bis Spetember 2009 insgesamt 39 Veranstaltungen zum Erinnern und Gedenken an die Opfer der Aktion "Arbeitsscheu Reich" am 26.01.1938 und weitere Attacken auf sogenannte Asoziale während der NS-Zeit durchgeführt sowie eine Broschüre "Aktion 'Arbeitsscheu'" und ein Buch "ausgesteuert-ausgegrenzt...angeblich asozial" veröffentlicht.
Was sind konkrete Initiativen?
Jeweils unterschiedliche MitstreiterInnen beteiligten sich an folgenden Veranstaltungsreihen:
",,Überflüssigkeit und Psyche" im November 2006,
"Das Schwindelerregende Über Arbeiten" 2006/ 2007
"Bescheidenheit ist eine Zier, weiter kommt man ohne ihr" im Juni 2007
Vier Projekte zum Erinnern und Gedenken an die Opfer der Aktion "Arbeitsscheu Reich"
"Sag mir, wo die Frauen und Mädchen sind..."
Aktuell folgen diese Reihen:
"Zur Widerständigkeit Erwerbsloser" (begonnen mit einer Gedenkfahrt "Auf den Spuren sogenannter Arbeitsscheuer" zur KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen und zur Todesmarschstrecke Belower Wald)
Veranstaltungen mit Hellmuth Haasis zu widerständigen Personen im NS, die im NS ebenfalls als "asozial" galten
Wie entstand die Idee?
Anne Seeck hatte im Stadtteil- und Infoladen Lunte am 14. März 2007 zu einer Vorstellung des Buches "minderwertig" und "asozial". Stationen der Verfolgung gesellschaftlicher Aussenseiter eingeladen. Obwohl einige von uns bereits das Buch "Asoziale im Nationalsozialismus" von Wolfgang Ayaß kannten, waren wir erstaunt, welche Institutionen sich als besonderes drängende und willige Vollstrecker der Verfolgung von "Asozialen" erwiesen. Kurz darauf hatten Anne Seeck und Lothar Eberhardt den Vorschlag zur Veranstaltungsreihe auf dem Papier. Hinzu kamen verschiedene Vortragsideen, Kulturprogramme und Vorschläge für Gedenktouren. Plötzlich - im Juni 2007 war unser Programm riesengroß. Kooperationspartner wurden gesucht für die Moderation und für die finanzielle Unterstützung.
Was hieß damals "asozial"?
Nach weiteren Buchrecherchen, z.B. von Ernst Klee, Wolfgang Ayaß, Claudia Brunner, Victor Klemperer u.a. waren wir überrascht, welche Menschen alles unter den Begriff "Asozial" im Nationalsozialismus fielen. Bettler, Wanderer, Wohnungslose, Sinti und Roma, Homosexuelle, Prostituierte, "Kleinkriminelle", - das hatten wir bereits gelesen. Es war bekannt, das sie vor und nach 1933 die Ersten gewesen sind, die in Arbeitslager und später in Konzentrationslager eingewiesen wurden.
Das auch Alkoholkranke, Frauen mit Kindern verschiedener Väter, Alleinerziehende, mitunter sogar ihre Kinder, große Familien, die längerfristig von der Fürsorge abhängig waren, im Laufe der Zeit unter dem Sammelbegriff "Asozial" entweder in Kz'sdeportiert wurden oder in sogenannte Heil- und Pflegestätten, war weniger in der Erinnerung.
Überwiegend neu war uns, dass die Nazis am 26.01.1938 einen speziellen Erlaß herausgaben und am 21.04.1938 in einer Gestapoaktion und am 13.06.1938 in einer Kriminalpolizeiaktion sogenannte Asoziale massenhaft verhaftet und deportiert wurden.
Ebenso war gar nicht genau klar, dass Menschen, die dieser Gruppe zugeordnet wurden, bereits bei der Verfolgung wegen der Gesinnung mitverhaftet wurden, weil sie ideologisch nicht zuordenbar waren oder sich einfach in der Öffentlichkeit falsch geäußert hatten.
Weitestgehend unbekannt war auch die Sommeroffensive der Nazis 1942, als sogenannte Asoziale seitens derer, die die "Euthanasie" betrieben in den Fokus gerieten und hierunter völlig willkürlich verschiedenste den Nazis nicht passende Menschen ins Gas oder in die Vernichtung durch Arbeit getrieben wurden.
Unter dem Strich stellt sich der Begriff "Asozial" als ein großer Schirm dar, unter den die Nazis im weitesten Sinne all jene drunterschoben, die ihnen nicht in den Kram passten: Kranke, Behinderte, jüdische und nicht deutsche Menschen, FürsorgebezieherInnen, Erwerbslose, Leute, die die Arbeit störten, boykottierten, zu spät kamen oder sabotierten und viele, viele andere.
Was war unser Anlass?
Wir wollen unsere jüngere Vergangenheit und die Gegenwart genauer unter die Lupe nehmen. Wir wollen schauen, in welcher Weise "Mißliebige" und "Unangepasste" benannt, behandelt, ideologisch instrumentalisiert werden und welchen Zwecksetzungen dies folgt. Denn wir haben seit 1990 erfahren, dass Erwerbslose und Bedürftige und Wohnungslose nicht nur in übelster Art beschimpft werden und ihnen Taten bzw. Unterlassungen unterstellt werden, die sie nicht zu verantworten haben oder die direkt erstunken und erlogen sind. Erinnert sei hier an "Florida-Rolf", der jahrelang um seine Rechte aus dem Bundessozialhilfegesetz kämpfen musste.
Aufmerken ließ ein Report des Bundeswirtschaftsministeriums 2005 "Vorrang für die Anständigen - Gegen Mißbrauch, "Abzocke" und Selbstbedienung im Sozialstaat". Dort wurden Erwerbslose indirekt mit Parasiten verglichen, Sozialberater als "Helfershelfer" und "Anstifter" zu Sozialleistungsmißbrauch verunglimpft, AlgII-Beziehende als Lügner hinsichtlich ihrer Angaben zu Bedarfsgemeinschaften und des Herbeiführung des Bezuges von Sozialleistungen, als Phantomwohnungsmieter, Vermögensverdunkler, Einkommensverschweiger, singende Cabriobesitzer, Abzocker und Sozialleistungsschnorrer hingestellt.
Im Jahr 2007 wurde Henrico Franks Weigerung zur Annahme nicht zumutbarer Erwerbstätigkeiten herabwürdigend durch die Presse gezerrt. Das er zu den meist körperlich schweren Jobs überhaupt nicht in der Lage war, wurde genau einmal in einer Zeitung gesagt. Dem voraus ging ein Angebot des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Beck, der Henrico Frank zum Waschen und Rasieren aufforderte, damit dieser angeblich die Chancen auf einen Arbeitsplatz in Eigeninitiative vergrößere.
Die Politik pflegt Klischées und stachelt den Zorn Erwerbstätiger gegen Leute an, bei denen nach Grundgesetzsprache "eine ausreichende Lebensgrundlage nichtvorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen würden" (Art. 11 Abs. 2 GG). Damit wollen wir uns auseinandersetzen, damit die heutige harte Ausgrenzung nie wieder in Formen der Verfolgung wie im letzten Jahrhundert münden kann.
Wo sehen wir Gefahren?
Wir denken an die wohnungs- und obdachlosen Leute. Erschreckenderweise existieren gegenüber ihnen solche Vorurteile , dass sie nachts z.B. in Parks erschlagen werden - von ganz jungen Leuten.
Offensichtlich wurden im Alltagsbewußtsein bundesdeutscher Bürgerinnen und Bürger eine Menge Vorbehalte, Klischées und herabwürdigende Redewendungen aus den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts konserviert, übertragen und übernommen.
So kommt Unternehmern ein Begriff wie "Minderleister" ganz natürlich über die Lippen. Ostdeutsche sehen ein Anwachsen der Assis. Andere schimpfen auf "faule Erwerbslose", "Sofaplattsitzer", "süchtige Fernsehgucker", "durch schlechte Ernährung und zu wenig Bewegung fettwerdende Nichtstuer". Fern der Öffentlichkeit wird in deutschen Wohnzimmern über arbeits- und haltlose Trinker hergezogen, die nichts auf die Reihe kriegen. Hartz IV-Beziehende werden immer stärker als "ungepflegt", "unmodisch" und "schäbig bekleidet" wahrgenommen. Ihre "Bildungsferne" und ihre "soziale Schwachheit" werden wie im Leierkasten ständig wiederholt. Haben Bedürftige PCs, so werden in Armutsfilmen im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen zehnjährige Kinder vor militärischen Schiessprogrammen präsentiert, um die Unfähigkeit armer Eltern anzuprangern.
Das Erwerbslose und Bedürftige überwiegend wegen akuter Einkommensnot nicht am "normalen gesellschaftlichen Leben" teilnehmen können, wird außer beim Thema "Kinderarmut" eher am Rande erwähnt. Im Gegensatz dazu wird die "Hilfslosigkeit" Alleinerziehender gern hervorgehoben, arme Eltern als Rabeneltern diffamiert. Neulich wurde in einer Talkrunde eines Fernsehsenders sogar die Frage aufgeworfen, ob man nicht solchen Leuten die Kinder wegnehmen müßte. Einer solchen Überlegung widersprch der Geschäftsführer des DPWV Ulrich Schneider erschrocken und meinte, dass dies eine Bankrotterklärung an die deutsche Familienpolitik wäre.
Zu all jenen Erscheinungen wollen wir zum Neu Nachdenken anregen.
Was ist unser Ziel?
Unser Ziel ist die Schaffung eines europäischen Ortes zum Erinnern und Gedenken, in deren Mittelpunkt die verfolgten sogenannten Asozialen im Nationalsozialismus stehen sollen. Der Ort soll Dokumentationsstätte, Begegnungsstätte, Studien- und Forschungszentrum umfassen.