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FairTrade aus der Sicht eines Produzenten aus der Dritten Welt

(openPR) Interview mit Frau Brigitte Fuzellier, der Präsidentin von Loofah S.A. aus Paraguay. Loofah S.A. ist ein ausschließlich sozial geprägtes Unternehmen, das im Jahre 2001 gegründet wurde, um den Kleinbauern den Anschluss an den Weltmarkt zu ermöglichen. Das Unternehmen selbst verarbeitet den BIO-Loofah-Schwamm zu Deko- und Wellness-Produkten, Küchenschwämmen und Tierspielzeug.



FRAU FUZELLIER, WAS HALTEN SIE PERSÖNLICH VON DER FAIRTRADE ZERTIFIZIERUNG ?

Als wir vor ungefähr 10 Jahren von der Initiative – FairTrade (Transfair) – das erste Mal hörten, waren wir davon begeistert. Von der anfänglichen Euphorie ist so gut wie nichts übrig geblieben. Damals hatten wir gerade mit der gemeinnützigen Organisation OIPIC angefangen, die Kleinbauern in organischem Gartenbau und Loofah-Anbau zu schulen. Wir kamen im Laufe der Zeit auf die stolze Summe von 11.000 Kleinbauern. Leider konnten wir aus Kostengründen nur 500 Kleinbauern – BIO-zertifizieren – lassen. Die ganze Zertifizierung kostete uns damals 7.000,00 USD. Für mehr fehlte uns und den Kleinbauern einfach das Geld.

Wir dachten damals, eine FairTrade-Zertifizierung könnte eine Alternative sein. Also erkundigten wir uns auch über die Kosten. Uns verschlug es die Sprache! 500,00 USD pro Kleinbauern sollte damals die FairTrade-Zertifizierung kosten. Das wäre bei 11.000 Kleinbauern eine stolze Summe von 5.5 Millionen USD, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Als verarbeitendes Unternehmen hatten wir damals 2.000 Kleinbauern für den Loofah-Anbau fest unter Vertrag. Selbst dann wäre eine FairTrade-Zertifizierung bezüglich der Kosten für uns unmöglich gewesen. Ganz davon abgesehen: Für den Kleinbauern, dessen jährliches Durchschnittseinkommen zwischen 1.000 und 2.000 USD liegt, ist der Loofah-Anbau nur ein Zusatzverdienst. Von diesen Durchschnittseinkommen entfielen fast 80 Prozent auf die Schwammgurke, denn der Kleinbauer auf dem Land lebt überwiegend vom Tauschhandel.

Uns, da schließe ich die Organisation – OIPIC – mit ein, war es damals und auch heute noch sehr wichtig: Dass der Kleinbauer BIO-Produkte für eine gesunde Eigenverpflegung, zum Verkauf, aber auch zum Tausch aus eigener Herstellung anbaut.

Was uns als Unternehmen angeht, hat sich die Sachlage ein wenig geändert. Wir als Firma können nun kostengünstiger eine FairTrade-Zertifizierung beim hiesigen Zertifizierungsunternehmen beantragen. Aber dennoch sind die Kosten für uns noch sehr hoch! Gefährlich wird es, wenn man die Kosten vorfinanzieren muss, dann ist man sehr schnell in der Schuldenfalle. Gerade wenn die angedachten und zertifizierten Produktmengen nicht verkauft werden können.

FRAU FUZELLIER, KÖNNEN SIE UNS DIE FAIRTRADE-KOSTEN NÄHER BEZIFFERN?

Ja, das kann ich! Denn ich habe erst kürzlich nach langwierigen Verhandlungen ein günstiges Angebot erhalten, welches ich Ihnen gern zeigen möchte. Für den Produktankauf bei nur 200 Kleinbauern, und einer Produktmenge von bis zu 400.000 Produkten kostet uns die FairTrade-Zertifizierung 15.294,00 USD pro Jahr, zuzüglich Unterkunft, Verpflegung und Fahrtkosten. Das sind 0,04 USD pro Produkt. Bei unserer durchschnittlichen Gewinnkalkulation wäre das 1/4 unseres Gewinns inklusive der FAIRTRADE-Prämie, und dabei sind wir noch den stark schwankenden Wechselkursen unterworfen und der Konkurrenz aus Asien. Um es noch deutlicher aufzuzeigen: wir müssten mindestens 96.000 Produkte verkaufen, um diese FairTrade-Zertifizierungskosten wieder hereinzuholen. Ohne Großabnehmer wie zum Beispiel einen Discounter geht da gar nichts. Um jedoch einen guten Preis beim Discounter zu erhalten, müssen Sie eine FairTrade-Zertifizierung vorweisen.

FRAU FUZELLIER, DIE DISCOUNTER STEHEN IMMER WIEDER IN DER KRITIK!

WAS HALTEN SIE VON ÄUSSERUNGEN DES GEPA-GESCHÄFTSFÜHRERS THOMAS SPECK, DER DAS ANSEHEN UND DIE ZUKUNFT DES FAIREN HANDELS DURCH DIE DISCOUNTER IN GEFAHR SIEHT?

Ich kann nicht für alle Discounter sprechen, sondern nur über unsere Erfahrungen mit unserem Großkunden LIDL. Wir arbeiten nun jetzt schon seit zwei Jahren, ohne einen Zwischenhändler, mit unserem kleinen Sozialprojekt direkt mit der LIDL-Geschäftsleitung zusammen.

Die anfänglichen negativen Erfahrungen mit einem Zwischenhändler hatten die Geschäftsbeziehung nur kurz belastet. LIDL konnte, wie sich im Nachhinein herausstellte, kein Fehlverhalten unterstellt werden.

Die LIDL Geschäftsleitung, insbesondere Herr Carsten Kortum, zeigte von Anfang an sehr viel Interesse für unser Sozialprojekt. Ich selbst war in den letzten 2 Jahren zweimal in der LIDL-Stiftung in Neckarsulm und habe über die Entwicklung, die Situation, und unsere Planungen Bericht erstattet. Dabei haben wir viel diskutiert, wir haben gemeinsam viele einvernehmliche Lösungen gefunden und unsere weitere Zusammenarbeit für die Zukunft schon zum Teil festgelegt.

Auch ohne FairTrade-Siegel hat uns LIDL einen sehr fairen Preis für unsere Produkte bezahlt und uns bei den Formalitäten tatkräftig unterstützt.
Das möchte ich noch erwähnt haben: Als wir später unsere Loofah-Produkte auf den LIDL-Verkaufsprospekten entdeckten, stellten wir fest, dass LIDL unsere Produkte mit einem Preisaufschlag von nur 30 Prozent inklusive Transport- und Werbekostenanteil zum Verkauf angeboten hat. Das nenne ich – Fair Trade -, auch den Endkunden gegenüber!

Momentan unterstützt uns LIDL bei unseren Vorbereitungen für die FairTrade-Zertifizierung. Wie Sie aus der FairTrade-Kostenaufschlüsselung entnehmen können, müssen erst an die 100.000 Produkte verkauft werden, bevor wir uns zertifizieren lassen können. Diese Kosten müssen erst verdient werden, und nur ein Discounter ist in der Lage, uns diese Mengen abzunehmen. Nur aus diesem Grund wird demnächst bei LIDL das BIO-Zertifikat mit dem FairTrade-Siegel auf unseren Loofah-Produkten zu finden sein.

FRAU FUZELLIER, WELCHE ERFAHRUNGEN HABEN SIE MIT ANDEREN KUNDEN GEMACHT?

Auf unserem inländischen Markt haben wir sehr gute Erfahrungen gesammelt. Nur dieser Markt ist zu klein, um bei den benachteiligten Kleinbauern etwas wirklich Richtiges verändern zu können. Mit dem Verkauf von kleinen Mengenangaben um die 1.000 Stück hatten wir des Öfteren wenig Glück. Viele Kunden blieben uns die Begleichung der Rechnung schuldig. Versuchen Sie mal von Paraguay aus, einen Kunden in Europa zu verklagen!

Es gibt meiner Erfahrung nach auch unverschämte Großhändler. Wie zum Beispiel das Handelsunternehmen WENCO. Hier eine zitierte E-Mail aus dem Jahre 2006 mit einer WENCO- Mitarbeiterin:

Ich glaube, bei den EK-Preisen kommen wir nie hin. Wenco ist ein Dienstleister mit Regalservice, der zu VK ./. Kondition verkauft. Wir kalkulieren grundsätzlich mind. EK x 8 und der max. VK bei Wellness-Artikeln, der in unserer Kundengruppe zu erzielen ist, liegt bei EUR 3,99 = EK 0,49 EUR frei Haus geliefert an alle 6 Wenco Läger in Deutschland.

Dem muss man nichts weiter hinzufügen!

FRAU FUZELLIER, WAS WÄRE AUS IHRER SICHT AKZEPTABEL?

Aus meiner Sicht wäre es akzeptabel, wenn zum Beispiel notgedrungen unser Loofah-Kleinbauer nur mit einer pauschalen Zertifizierungsgrundgebühr von 10,00 USD belastet werden würde. Über die Exportpapiere könnte man ohne Probleme im Nachhinein einen Solidaranteil von 0,01 USD pro Produkt, je US-Dollars, veranschlagen. Das Ziel von FairTrade ist es doch, dass benachteiligte Produzentenfamilien in Afrika, Asien und Lateinamerika gefördert werden, um durch den Fairen Handel ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Das ganze FairTrade-System sehe ich noch nicht ausgereift, denn es selektiert immer noch im Vorfeld, indem es für den Kleinbauern finanzielle Hürden aufbaut. Da hilft auch die ganze positive Presse und PR nichts, wenn der Kleinbauer sich die Zertifizierung nicht leisten kann. Bedenken Sie, dieses FairTrade-Siegel ist für den Endverbraucher geschaffen worden! Warum soll der kleine Produzent in der Dritten Welt die Kosten dafür im voraus bezahlen? Ich sage nicht, die FairTrade-Initiative ist schlecht. Nein, ich sage, sie hat Korrektur- bzw. Verbesserungsbedarf.

FRAU FUZELLIER, ES GIBT DOCH AUCH ZUSCHÜSSE FÜR DEN KLEINBAUERN UND PRODUZENTEN. WIE SEHEN SIE DIESEN ASPEKT?

Natürlich gibt es Zuschüsse, unter bestimmten Bedingungen und Auflagen und im Internet als PDF herunter zu laden. Die erste Grundlage für eine Bezuschussung bildet die Zertifizierungsrechnung. Wäre es nicht besser, wenn der Kleinproduzent vor der Zertifizierung einen Antrag stellen könnte?

Aber das sehe ich noch nicht als eigentliches Hindernis. Es gibt derzeit mehr als 80 Prozent Analphabetentum bei den Kleinproduzenten, wobei ein Großteil nicht einmal einen Zugang zu Strom hat. Hierzu stelle ich Ihnen eine Frage: Wie soll unter diesen Umständen ein Kleinproduzent sich ohne PC, ohne Internet, ohne Computer-Kenntnisse und ohne Strom einen Förderantrag aus dem Internet herunter laden. Sicherlich kann der Kleinproduzent auch dafür Hilfe in Anspruch nehmen, und dabei sind wir wieder bei den unnötigen Kosten!

FRAU FUZELLIER, MÖCHTEN SIE NOCH ABSCHLIESSEND ZUM INTERVIEW ETWAS INZUFÜGEN?

Ja, kurz! Wir haben mehr als 11.000 Kleinbauern in biologischem Gartenanbau intensiv geschult, ein Potenzial, das von Investoren genutzt werden sollte.

Der nächste Schritt, den wir in einer Allianz gerade umsetzen, ist der Aufbau von Kleinproduzenten-Kooperativen von mindesten je zehn Kleinbauernfamilien. Dadurch wird ihnen die Möglichkeit eingeräumt, rechtlich formal am Wirtschaftskreislauf teilzunehmen. Sie werden von uns im Kooperativ-Wesen praktisch und juristisch geschult.

Nach einer formellen Anerkennung durch die zuständigen Behörden können sie dann ihre Produkte legal durch eine Rechnungslegung verkaufen. Unsere Initiative hat bereits Früchte getragen, so konnten wir letzte Woche die ein-hundertste Baumschule einweihen und damit einen Beitrag zum nationalen Wiederaufforstungsprogramm leisten.

Gerade haben wir die Aktion – Ein Baum für Bildung – ins Leben gerufen und hoffen auch auf rege Unterstützung aus dem Ausland. Danke für das Interview!

Vielen Dank für das Gespräch.

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