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„Den Kindern in den ersten drei Ferienwochen ihre Ruhe lassen“

17.07.200913:26 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: „Den Kindern in den ersten drei Ferienwochen ihre Ruhe lassen“
Dorothee Raab - Autorin der Reihe Rufus Rabenschlau
Dorothee Raab - Autorin der Reihe Rufus Rabenschlau

(openPR) Interview mit Dorothee Raab über das Pauken in den Ferien


Endlich Sommerferien. Für Schüler heißt es jetzt: erholen, die Seele baumeln lassen und die Schule vergessen. Aber lassen sich diese sechs Wochen nicht besser nutzen? Etwa, um Versäumtes nachzuholen, Wissenslücken zu schließen oder Lernstoff zu festigen? Viele Eltern sind verunsichert. Sie wollen ihren Kindern genügend Zeit geben, um sich von ihrem anstrengenden Schulalltag zu erholen. Sie wissen aber auch, dass den Kindern zukünftiger Stress und Misserfolge erspart bleiben können, wenn sie in den Ferien Schulstoff pauken. Perspektive: Bildung wollte von der bekannten Sachbuchautorin und Therapeutin Dorothee Raab wissen, ob es ein Idealrezept zur gelungenen Ferienplanung für Eltern und Kinder gibt.



Frau Raab, in dieser Woche beginnen in einigen Bundesländer die Sommerferien – die wichtigste und längste Erholungszeit für Kinder. Aber viele Schüler pauken auch in den Ferien - ist das überhaupt empfehlenswert?
Dorothee Raab: Schule ist genauso Arbeit und Stress für die Kinder, wie es unsere Arbeit für uns ist und darum ist es ganz wichtig, dass die erste Hälfte der Ferien für die Kinder absolute Freizeit ist. Die Kinder müssen sich genauso vom Stress erholen wie wir. Dazu kommt, dass gerade in der Zeit vor den Ferien extrem viele Arbeiten und Klausuren geschrieben werden. Hinter den Schülern liegt also eine sehr arbeitsintensive Zeit. Darum meine Meinung: Man sollte den Kindern in den ersten drei Ferienwochen ihre Ruhe lassen.

Und in den letzten drei Wochen darf dann gelernt werden?
Dorothee Raab: Optimal ist natürlich, wenn man sagt, mein Kind muss in den Ferien gar nicht lernen, die Leistungen sind so, dass es fit in das nächste Schuljahr geht. Wenn aber Lücken da sind, dann kann man die zweite Hälfte der Ferien zum Lernen nutzen, also die vierte, fünfte und sechste Woche. Dazu macht man am besten gemeinsam mit den Kindern eine Art Lehrplan, was gelernt werden soll. Es ist sinnvoll, wirklich diese drei Wochen dafür einzuplanen und nicht etwa die letzte Woche wieder auszusparen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass die Kinder Vieles, was sie gerade gelernt haben, wieder vergessen. Und es ist ja entscheidend, dass der Einstieg ins nächste Schuljahr auf der sicheren Basis des zuvor Gelernten stattfindet.

Aber warum soll das, was während der Schulzeit nicht klappt, ausgerechnet in den Ferien funktionieren?
Dorothee Raab: Das kommt darauf an, in welchem Umfeld man lernt. Eltern sollten sich also zunächst gar nicht so sehr darauf konzentrieren, dass schulische Inhalte gelernt werden, sondern sich Zeit für die Kinder nehmen, in der das so genannte informelle Lernen stattfinden kann. Lernen, das nicht an bestimmte Bildungsinstitutionen gebunden ist, sondern im Alltag stattfindet, wenn Eltern mit ihren Kindern zusammen sitzen und Gespräche führen, wenn sie gemeinsam spielen oder zusammen einkaufen gehen. Bei kleinen Kindern wird zum Beispiel beim gemeinsamen Einkaufen das numerische Vorstellungsvermögen gefördert. Dieses informelle Lernen motiviert dann auch dazu, sich schulische Bildungsinhalte anzueignen.

Nicht jedes Kind wird begeistert in den Ferien lernen, sind auch zusätzliche Anreize – etwa in Form von Belohnungen – angebracht?
Dorothee Raab: Es ist nicht falsch, Kinder mit Belohnungen für das Lernen in den Ferien zu motivieren. Besonders, wenn sie zuerst einmal abblocken. Es gibt ja – gerade bei den Jungs – viele, die dieses Null-Bock-Gefühl haben und sich dem Lernen verweigern. Wenn die so genannte intrinsische Motivation also nicht da ist, dann kann man die extrinsische Motivation in den Mittelpunkt stellen und das Lernen mit anderen Dingen belohnen. Eltern können zum Beispiel sagen: Du machst eine Viertelstunde Rechenaufgaben in den Bereichen, die du noch nicht so gut beherrschst, dafür gehen wir anschließend gemeinsam ins Schwimmbad.

Das mit dem Belohnen klappt aber wahrscheinlich nicht in jedem Alter.
Dorothee Raab: Das stimmt. Bei den älteren Jugendlichen kann man schon eher an die Vernunft appellieren und argumentieren, wie wichtig ein guter Schulabschluss ist. Andererseits sollten Eltern auch den Druck, den sie in sich selbst empfinden, nicht so sehr auf ihre Kinder übertragen. Jedes Kind braucht seine eigene Zeit zum Lernen und jedes Kind sucht sich seinen eigenen Weg. Kinder, die im Lernen langsamer sind und möglicherweise mehr Zeit einfordern, brauchen diese Zeit auch.

Viele Ferienprogramme – etwa Nachhilfe oder Sprachreisen – sind kostspielig. Nicht jeder kann oder will sich das leisten. Die Alternative heißt: Die Eltern selbst helfen ihren Kindern beim Lernen. Experten halten aber Eltern eher für ungeeignet als Nachhilfelehrer. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?
Dorothee Raab: Das ist tatsächlich ein Problem. Längst nicht allen Eltern steht so viel Geld zur Verfügung, dass sie zusätzlich in den Ferien noch private Bildung für ihre Kinder finanzieren können. Ein günstigerer Weg sind Lernhilfen. Und die sollten so konzipiert sein, dass die Kinder möglichst selbstständig damit arbeiten können, damit die Eltern nicht als Nachhilfelehrer neben ihrem Kind sitzen müssen. Denn dabei können extrem viele Spannungen entstehen.

Und wie finden Eltern eine solche Lernhilfe?
Dorothee Raab: Eine gute Lernhilfe erkennt man bereits beim Aufschlagen: Ist sie ansprechend aufgemacht? Lernhilfen für jüngere Kinder zum Beispiel sollten eher an Kinder- als an Schulbücher erinnern. Sie sollten auch nicht zu umfangreich sein, weil dieses tolle Gefühl, alle Aufgaben geschafft zu haben, sehr wichtig für die Kinder ist. Sind die Arbeitsanweisungen klar, erkenne ich auf den ersten Blick worum es geht? Fatal wäre es, wenn das Kind davor sitzt und sagt‚ um Himmelswillen, was soll ich machen und wie soll ich das überhaupt schaffen? Die Lerneinheiten müssen außerdem in kleinen Schritten aufgebaut sein, damit das Kind rasch Erfolgerlebnisse hat. Das Gefühl‚ ich kann das, ich habe es geschafft motiviert auch, sich an neue und schwierigere Aufgaben zu wagen. Wenn das Kind dann sagt‚ toll, das kann ich, ich mache weiter oder ich möchte noch so ein Heft haben, dann sind wir genau auf der richtigen Schiene.

Also sollten Eltern und Kinder die Lernhilfen gemeinsam auswählen?
Dorothee Raab: Ja, unter der Voraussetzung dass sie vorher gemeinsam zu Hause überlegt haben, für welche Bereiche geübt werden muss. Es ist nämlich nicht unbedingt erforderlich, dass man den gesamten Stoff einer Klasse wiederholt. Meistens liegen nur Schwächen in Teilbereichen vor. Und viele Verlage bieten für einzelne Bereiche Übungshefte an, die wirklich gut aufgebaut sind und die von den Kindern in den Ferien erfolgreich durchgearbeitet werden können. Dann können sie optimistisch aus den Ferien ins neue Schuljahr starten.

Zur Person
Dorothee Raab studierte Pädagogik, Germanistik und besuchte eine Kunstschule. Dank ihrer langjährigen Erfahrungen als Grundschullehrerin und Therapeutin für lese- und rechtschreibschwache Kinder berät sie Eltern und Schüler bei Lernschwierigkeiten und schulischen Problemen. Sie hat eine Vielzahl von Lern- und Spielbüchern für verschiedene Verlage entwickelt, ist Autorin preisgekrönter Lernsoftware und unter anderem Herausgeberin der Lernhilfenreihe "Rufus-Rabenschlau", die im Cornelsen Verlag Scriptor erscheint.

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