(openPR) Kinder sollten eher für ihre Anstrengung als für ihre Erfolge gelobt werden. Denn für die Entwicklung von Intelligenz sind die weichen Faktoren entscheidend, schreibt Ulrike Stedtnitz.
D as Beispiel kennen wir alle: ein hochbegabter Mathematikschüler – der aber durch die Gymi-Prüfungen fällt. Es ist eine Binsenweisheit, dass hohe Fähigkeiten – erfasst durch hervorragende Schulleistungen oder einen hohen Intelligenz-Testwert – nicht unbedingt zu einer erfolgreichen Umsetzung dieses Potenzials in Alltag und Beruf führen. Woran liegt das?
Aus den letzten zwanzig Jahren liegt uns eine Fülle von Forschungsresultaten vor, ob und wie aus Potenzial Lebenserfolg wird. Die Untersuchungen kommen aus ganz verschiedenen Disziplinen: aus der Expertiseforschung, der Intelligenzforschung und den Neurowissenschaften. Dadurch ist es jetzt möglich, wesentliche Erkenntnisse zusammenzuführen und Fragen wie diese zu beantworten.
Wenn Fähigkeiten scheinbar nicht umgesetzt werden, so kann das zum Beispiel daran liegen, dass Fähigkeiten immer noch zu eng definiert werden, basierend auf veralteten Intelligenzmodellen. So erfassen Fähigkeiten, wie sie anhand von Intelligenztests gemessen werden, vor allem eine Ausprägung menschlicher Intelligenz, nämlich die analytische. Robert Sternberg von der Tufts University in Boston, einer der weltweit führenden Intelligenzforscher, hat schon vor gut zwanzig Jahren die Triarchische Intelligenztheorie entwickelt. Diese unterscheidet drei Kernkomponenten von Intelligenz: die analytische, praktische und kreative Intelligenz. Die praktische und die kreative Intelligenz werden noch heute in akademischen und betrieblichen Auswahlverfahren kaum berücksichtigt. Dabei sind es gerade diese Intelligenzkomponenten, die Menschen dabei helfen, mit den extremen und exponentiellen Veränderungen der nächsten Jahre umzugehen. Dazu der Chefredaktor von Newsweek International, Fareed Zakaria: "In den nächsten zehn Jahren werden mehr Veränderungen an mehr Orten stattfinden als in den vergangenen hundert Jahren."
Darüber hinaus gibt es neue Erkenntnisse zu den weichen Faktoren, insbesondere den sozialen und emotionalen. Diese sind sehr oft erfolgsbestimmend und können durchaus einen gewissen Mangel an Fähigkeiten kompensieren. So weisen solide Forschungsergebnisse auf ein Persönlichkeitsmodell, das fünf grundlegende Persönlichkeitsdimensionen aufweist und deshalb die «Grossen Fünf» (Big Five) genannt wird. Die Grossen Fünf sind: emotionale Stabilität, eine soziale Orientierung, Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen, Umgänglichkeit / soziale Kompetenz und Gewissenhaftigkeit. Drei dieser Dimensionen sind dabei besonders relevant für beruflichen und persönlichen Erfolg. Dazu gehört das emotionale Wohlbefinden. Es lohnt sich, bei Kindern und Jugendlichen rechtzeitig einzugreifen, wenn die emotionale Stabilität gefährdet ist. Es ist schwierig, schulisch erfolgreich zu sein, wenn häufige Ängste oder Depressionen auftreten. In den letzten Jahren weisen Fachleute hier besonders auf die Bedeutung von Traumata hin, die sich langfristiger und nachhaltiger auswirken als bisher angenommen. Heute gibt es zahlreiche und sehr wirksame Kurz-Interventionen. Ebenfalls zentral ist die soziale Orientierung: Geselligkeit mögen, gute und enge Freundschaften aufbauen, sich durchsetzen und auch andere führen können. Diese Verhaltensweisen sind zumeist eng an ein aktives Leben und ehrgeizige Ziele gekoppelt.
Bei der Gewissenhaftigkeit hingegen macht die Arbeitspsychologie recht altmodische Tugenden aus: Fleiss, Verantwortungsbewusstsein und Verlässlichkeit sowie vorausschauende Planung. Es besteht nachweislich ein Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und Arbeitsmoral, erfolgreicher Stellensuche, geringer Anzahl Absenzen und einer längeren Anstellungsdauer. Insgesamt konnte in zahlreichen Untersuchungen Gewissenhaftigkeit den beruflichen Erfolg am besten voraussagen, unabhängig von der Tätigkeit oder Branche. Schulische Leistungen oder Intelligenz-Testwerte haben sich dagegen als eher schwache Prädiktoren von Erfolg erwiesen, besonders die herkömmlich erfasste analytische Intelligenz.
Sehr wichtig ist darüber hinaus, wie Kinder und Jugendliche die Bedeutung ihrer Intelligenz einschätzen. Kinder, die glauben, dass sie ihre Leistung und Intelligenz durch Anstrengung beeinflussen können, sind schulisch wesentlich erfolgreicher als die, die an blosse Begabung glauben. Dies konnte wissenschaftlich klar belegt werden. Auf diese Weise können auch Menschen mit anfänglich eher bescheidenen Fähigkeiten ehrgeizige Ziele erreichen und beeindruckende Leistungen erzielen. Was bedeutet dies nun für Eltern und Lehrpersonen? Kindern und Jugendlichen sollte von Anfang an klar gemacht werden, dass Intelligenz nicht statisch ist und so quasi jeden Tag wieder neu erarbeitet werden muss — dies gilt übrigens auch für Erwachsene! Kinder sollten zudem eher für ihre Anstrengung und weniger für auch noch so spektakuläre frühe Vorsprünge oder Erfolge gelobt werden.
Also — wenn es wieder einmal heisst: "Das Potenzial hätte er oder sie ja, aber...", dann lohnt es sich, einmal einen Blick über die blossen Fähigkeiten hinaus auf die oft vernachlässigten weichen Faktoren zu werfen. Nicht zuletzt geht es ja auch bei der Führung heutzutage vor allem um die Soft Skills.













