(openPR) Das Leitbild Nachhaltigkeit läuft Gefahr, seine Strahlkraft zu verlieren. Zwar wird der Ausdruck aus der Forstwirtschaft des 18. Jahrhunderts heute in nahezu allen Gesellschaftsbereichen verwendet. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union verabschieden nationale Nachhaltigkeitsstrategien, Manager preisen in der Finanzkrise nachhaltige Geschäftsmodelle, in der Entwicklungszusammenarbeit wird nachhaltige Landwirtschaft von den Partnerländern verlangt, in zahlreichen Kommunen eine nachhaltige Städteplanung gefordert. Aber die inflationäre Verwendung des Begriffs könnte das Konzept endgültig seiner Anwendbarkeit berauben.
Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde der Nachhaltigkeitsbegriff seit der Veröffentlichung des Brundtland-Berichts von 1987. Der Minimalkonsens damals: Nachhaltige Entwicklung gewährleistet die Bedürfnisbefriedigung der Menschheit, ohne jene zukünftiger Generationen zu gefährden. Was der Bericht schuldig blieb, waren konkrete Schritte und Kriterien für dessen Umsetzung. Das Versprechen einer Zielharmonie zwischen den drei Säulen der Nachhaltigkeit – Umweltschutz, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit – konnte bis heute nicht eingelöst werden. Raumschiff Erde steuert weiter führungslos.
Einen Ausweg aus der Beliebigkeit suchen weltweit verschiedene Forschungsprojekte, indem sie konkrete Indikatoren für eine nachhaltige Entwicklung festlegen: Flächenverbrauch, privater Konsum oder Einkommensverteilung, um einige zu nennen. Als Monitoring-System sollen sie die Politik bei ihrem Suchprozess nach den Rezepten für nachhaltige Entwicklung anleiten. Um die Übermacht des Bruttoinlandsprodukts als Leitstern politischer Entscheidungen zu brechen, werden gar aggregierte Indizes für Wohlfahrt und Umweltzustand gebildet. Die Frage bleibt, ob sich die Widersprüche der regulativen Idee Nachhaltigkeit so einfach auflösen lassen – denn das scheinbar objektive Aufrechnen von Fort- und Rückschritten allein stellt Zielharmonie nicht her. Der Wirtschaftsaufschwung mag auf der Ausbeutung erschöpflicher Ressourcen beruhen oder der zurückgehende Flächenverbrauch auf einem Massensterben durch Epidemien. Daher liegt in einer solchen Indikatorenbildung auch ein Versuch, auf die normativen Fragen, die das Leitbild Nachhaltigkeit aufwirft, eine allgemeingültige Antwort zu finden – jedoch ohne mühsame und langwierige gesellschaftliche Diskussion. Das Primat des Wirtschaftswachstums würde somit nur durch eine neue scheinbare Alternativlosigkeit ersetzt.
In Zeiten der Rezession sind die Erfolgsaussichten gering, Belange des Umweltschutzes oder der Sozialpolitik gleichberechtigt auf der politischen Agenda zu etablieren. So ist auch nicht mehr von einer Klimakatastrophe, sondern vom Klimawandel die Rede, und der soll sich bitte hinter der Finanzkrise anstellen. Anstatt die Herausforderung einer Steady-State-Ökonomie anzunehmen, gelten alle Regierungsanstrengungen dem Wiederherstellen des Wirtschaftswachstums. Dabei sollten gerade die Veränderungen des Klimas zeigen, wie dringlich die Frage des Club of Rome von 1972 nach den „Grenzen des Wachstums“ ist. Aber solange es Absatzmärkte für veraltete deutsche Autos gibt, sind entmaterialisiertes Wachstum oder Schuldenabbau offenbar kein Thema mehr. Wie sollen sich da bestehende Alternativen wie industrielle Modernisierung oder Sozialunternehmertum mit einem „new green deal“ durchsetzen?
Nachhaltigkeit ist nicht die eine erträumte, durchschlagende Zauberformel für das 21. Jahrhundert. Was kann das Konzept dennoch leisten? Wie kann eine globale Ethik der Solidarität unter den Völkern und Generationen aussehen und effektiv werden? Wie kann man umweltpolitische Entscheidungsprozesse trotz der ihnen eigenen, wissenschaftlichen Unsicherheiten beschleunigen? Wie sieht eine nachhaltige Wirtschaftsweise und Unternehmensführung aus? Welche Lebensentwürfe gehen damit einher? Und wie können Nachhaltigkeitsziele für die unterschiedlichen Gesellschaftsbereiche konkret formuliert, verfolgt und evaluiert werden? Wir wünschen uns kritische und differenzierte Beiträge aus allen Teildisziplinen der Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Ethnologie, Pädagogik, Psychologie, Philosophie, Philologien, Geographie, Architektur, Theologie, Rechtswissenschaften, Politikwissenschaft, Anthropologie, Geschichte, Informatik, Kunstwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Sportwissenschaften und anderen Fächern und Fächerkombinationen mit sozialkritischer Perspektive.
Einsendeschluss ist der 1. Mai 2009.










