(openPR) Neonspuren im Gedächtnis - "Virgo": das Quintett von Bassist Niccolas Thys mit Saxophonist Chris Cheek und fesselnd elegischen Stimmungen. Kantilenenzauber vom Mann im Hintergrund.
Diese Musik ist auf höchst anregende Art irritierend. Und das gleich von den ersten Takten an. Der ungewöhnliche punktierte Rhythmus, der wie ein ins Stocken geratenes Latin-Pattern wirkt und über dem sich dann ständig neue Kulminationspunkte von miteinander verzahnten Stimme von Saxophon und E-Gitarre aufbauen und wieder auflösen: Das sind Zutaten, die Spannung schaffen, die die Grübelmaschinerie des Hörers in Gang setzen - und die zugleich so körperlich sind, dass das Stück immer mehr mitreißt. Disko Monkey: Der Titel spricht Bände und weckt Bilder - zu einer Musik, die einen immensen Reichtum an Farben und Eindrücken bündelt. Diese CD des Bassisten Nicolas Thys steckt voller schillender Überraschungen. Virgo heißt sie - nach Thys' Sternzeichen Jungfrau. Es ist eine CD voller enorm sinnlicher Klänge, die stets den Intellekt herausfordern. Und bei denen der Spagat gelingt: Kraft und Stil hat diese Musik - und sie packt mit ständig neuen Details. Klänge zum Entdecken.
Der Belgier Nicolas Thys, 1968 geboren und sehr gefragt als Begleiter - sowohl in seiner Heimat Brüssel als auch in acht Jahren New York City bis 2007 -, hat hier ein hochgradig spannend besetztes Quintett zusammengestellt, für das er auch alle Stücke komponiert hat. Hörer von Pirouet-CDs kennen Thys aus der Zusammenarbeit mit Pianist Bill Carrothers (I love Paris). Er hat mit so unterschiedlichen Musikern und Gruppen gearbeitet wie Mal Waldron, Zap Mama, Lee Konitz, Brazilian Girls. Thys kennt viele musikalische Welten von innen - und auf feine Art fließen ganz unterschiedliche Elemente mit ein. Kein Wunder bei Partnern wie diesen. Da sind zunächst hochversierte Könner wie Pianist Jon Cowherd, der unter anderem mit Brian Blade und Lizz Wright spielte, und Schlagzeuger Dan Rieser - bekannt aus einer Clubband mit Sängerin und Pianistin Norah Jones. Sie bereiten den Boden für viel Überraschendes, das dann vor allem zwei andere Musiker beisteuern. Zum einen prägt Saxophonist Chris Cheek, ein Altersgenosse von Thys und als Meister eines hoch expressiven und wandlungsfähigen Tons durch Bands von Paul Motian und Charlie Haden gegangen, sehr viel vom Klang dieser CD. Zum anderen ist da Gitarrist Ryan Scott, ein bemerkenswerter, junger, von Soul und Rock geprägter, kraftvoller Stilist, der mit Cheek spannende Dialoge führt. Ihre ineinander greifenden, subtil verflochtenen Stimmen haben irisierende Eleganz und lassen an manchen Stellen eine Rock-Ästhetik ungemein raffiniert im jazzigen Kontext aufgehen. Aufregende Gratwanderung - eine von so manchen auf dieser CD.
Besonders verblüffend sind die Stimmen von Chris Cheek und Ryan Scott beim Titelstück, Virgo, das mit elegischer Intensität fesselt und einen besonderen Reiz aus geschickt gesetzten Pausen im Hauptthema gewinnt: Wie eine große Geste, die plötzlich abbricht und dann mit um so mehr Emphase weitergeführt wird, wirkt dieses Thema - und es prägt sich ein. Ein Song, der von unglaublich viel Soul-Feeling aufgeladen ist. Das Thema könnte auch eine Kantilene sein, die ursprünglich für Whitney Houston geschrieben wurde - und die hier in ein explosiveres Dasein übergeführt wird. Langsame Stücke - oder besser: Stücke mit lyrischen, elegischen Themen - ragen besonders aus Thys durchweg fesselnden Kompositionen heraus. Neben Virgo etwa auch It's Been a While und 99 Ocean. Und überall zeigt sich, dass Nicolas Thys ein Meister der langen Melodiebögen ist. Die Linien, die die Hauptstimmen seiner lyrischen Stücke zeichnen, könnte man sich übrigens durchweg mit souligen Gesangsstimmen vorstellen - und zwar nur mit den besten, tragfähigsten und nuancenreichsten. Wie vor allem Chris Cheek auf dem Saxophon diese Rolle ausfüllt, verblüfft ein ums andere Mal - und abermals, wie Ryan Scott mit markanten Gitarren-Akzenten Kontrapunkte schafft (99 Ocean).
Als Bassist hält sich Nicolas Thys hier sehr geschickt im Hintergrund: Er ist der Mann, der die Fäden zieht, der das Geschehen lenkt und mit seinem beweglichen Bass-Puls und seinen elastischen Linien die Basis für alles schafft. Dieses Fundament erweist sich gerade durch seine bewusste Unauffälligkeit als besonders stark: Über ihm entfalten die Solisten - von Cheeks und Scotts glimmenden Stimmen bis hin zu Jon Cowherds griffig lyrischer Klavier-Brillanz - eine Leuchtkraft, die selten so stark und nachhaltig ist. Kantilenen, die Neonspuren im Gedächtnis hinterlassen: einprägsam, schillernd, schön. Musik von Nicolas Thys.
Besetzung
Nicolas Thys bass, Chris Cheek tenor saxophone
Ryan Scott guitar, Jon Cowherd piano, Dan Rieser drums
Tracks
1. Disco Monkey · 7:54 2. 99 Ocean · 12:13 3. Lucky Loser · 8:28
4. It's Been a While · 9:59 5. Virgo · 8:54 6. G Brazil · 8:18
Presse
"Es ist eine eigenartige Spannung, die im Herzen der Musik des belgischen Bassisten Nicolas Thys steht. Da ist einerseits eine gewisse Unruhe im
Untergrund, ein subtiles Spiel mit fixierten Rhythmusmustern und strapazierten Erwartungen, leicht verschleppten Akzenten und umformulierten Gewissheiten. Im Vordergrund dagegen stehen die ausgeschlafenen, weit ausgreifenden Melodielinien, ruhige Kantilenen, die der Saxophonist Chris Cheek mit Raffinesse und Inbrunst intoniert, als bewerbe er sich für eine Reinkarnation als Soulsänger. Die Spannung zwischen beiden Polen hält das Quintett des Bassisten, der bisher eher in der Rolle des Begleiters von Musikern wie Bill Carrothers oder Lee Konitz glänzte, mit Bravour: federnd lässig und dabei präzise und geschmackssicher. Ein Lehrstück."
(Stefan Hentz in Concerti - Das Hamburger Musikleben 3/2009)













