(openPR) Ein unruhiges Jahr geht zu Ende
„Kaum ein Ökonom hat den Absturz vorhergesagt!“ So lautete die Headline in der FAZ vom 28.12.2008. „Einen Abschwung haben viele kommen sehen, dass es ein Absturz würde, hätte kaum einer gedacht.“ Von einer Pause des Aufschwungs, den die großen Forschungsinstitute anfangs verkündeten, konnte keine Rede mehr sein. Die Finanzkrise schlug spätestens im dritten Quartal 2008 voll durch. Das traf zwar zunächst nur einzelne Banken, dann aber schnell das gesamte Finanzsystem, den Puls der Wirtschaft. Keiner von uns und am wenigsten die Politik hatte damit gerechnet, dass so viele renommierte Banken ihr Geld in die USA „ausgeliehen“ hatten. Bedingt durch die Subprime Krise stand damit das Desaster - im wahrsten Sinne des Wortes - im Haus. Der kräftige Konjunkturaufschwung Anfang des Jahres, der allein im ersten Quartal mehr als 1,4 % Wachstum ausmachte, tat uns allen noch gut. In den folgenden Quartalen ließ er den Absturz jedoch umso deutlicher spürbar werden. Wie haben sich die deutsche Chemie- und Energiewirtschaft in diesem unruhigen Fahrwasser behaupten können?
Chemie – Verharren auf hohem Niveau
Der immerhin viertgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands, der Chemiesektor, rechnet für 2008 mit einem Branchenumsatz von circa 180 Mrd. Euro. Ein insgesamt recht hohes Niveau, auf dem man sich bewegt, so Ulrich Lehner, Präsident des Branchenverbandes VCI. Doch den Folgen der Finanzkrise konnte sich auch diese so robuste Branche nicht ganz entziehen. Wenn eine BASF weltweit rund 80 Anlagen außer Betrieb nimmt und in weiteren 100 die Produktion drosselt, sind das schon deutliche Zeichen.
Auf europäischer Ebene stagnierte die Chemieproduktion in 2008 bei einem Plus von nur 0,2 % im Vergleich zum Vorjahr. Kaum eine Sparte, die nicht mit Einbußen zu kämpfen hatte. Die konsumnahen Bereiche wie Fein- und Spezialchemikalien (-1,3 %) sowie Wasch- und Körperpflegemittel (-1,4 %) verzeichneten die größten Verluste. Die Petrochemie und die Anorganika blieben mit +0,3 % nahezu konstant. Lediglich die pharmazeutische Industrie konnte ihre Konjunkturunabhängigkeit beweisen und legte um 2,4 % zu. Bei den Chemikalienpreisen ging es zu wie bei einer Achterbahnfahrt. Bis zum dritten Quartal stiegen die Preise für chemische Erzeugnisse rasant an und erreichten fast eine Verteuerung von 8 % gegenüber dem Vorjahr. Dann setzte ein starker Preisverfall ein, der dazu führte, dass man sich am Jahresende bei einem Preiszuwachs von rund 5 % einpendelte. Diese rückläufigen Preise im letzten Quartal und das Abflauen der Nachfrage führten dazu, dass der Jahresumsatz letztlich „nur“ noch um 4,5 % höher lag als in 2007. Ein Ergebnis, auf das andere Branchen durchaus neidisch sein können. Trotzdem kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die verkauften Mengen - auch im entscheidenden Exportgeschäft - im letzten Jahr fast konstant geblieben sind.
Der Chemieanlagenbau blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Mit der Bestellung von 3,2 Mrd. Euro im Zeitraum von Anfang Oktober 2007 bis Ende September 2008 wurde das zweithöchste jeweils gemeldete Ergebnis erreicht. Der Anteil der Inlandsorder erhöhte sich trotz Krise um 13 % auf 247 Mio. Euro. Anlagenoptimierungen und Erweiterungsinvestitionen in der Petrochemie standen dabei im Vordergrund. Die Auslandsorder sanken dagegen um 18 % auf 3 Mrd. Euro.
Energiewirtschaft im Wechselbad der Gefühle
Die Energiebranche hat mit 2008 wieder ein unruhiges Jahr hinter sich gebracht. Ob es nun die Ölpreisentwicklung, der Preiskrieg an den Tankstellen oder die Neuregulierungen bei Strom und Gas waren.
Die Gas- und Stromanbieter standen wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Jede Preisbewegung wurde mit Argusaugen beobachtet. Dazu trugen natürlich auch die weiterhin guten Umsatz- und Ergebniszahlen der Branchen bei. Eine offene Flanke für die Wirtschaftspresse, Verbraucherverbände und so manchen Industriekunden. Hinzu kamen zahlreiche, teils einschneidende neue gesetzliche Regelungen. GeLi, GABI, KOV III und Co. schüttelten so manchen Anbieter kräftig durch und sorgten für neue Strukturen in den Häusern. Einige Gasversorger kamen noch einmal mit einem blauen Auge davon, als das Bundeskartellamt den Großteil der eingeleiteten Wettbewerbsverfahren am Ende doch einstellte. Gleichzeitig wurde dem Expansionsstreben von RWE und E.ON ein Riegel vorgeschoben als das Bundeskartellamt erklärte, keine weiteren Stadtwerksbeteiligungen der beiden Unternehmen zuzulassen. Daneben gab es noch das leidige Thema der Abhängigkeit vom russischen Gas zu kommentieren. Alle Jahre wieder möchte man etwas sarkastisch rufen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des jüngsten russisch-ukrainischen Streites. Ob die Nord Stream-Pipeline die endgültige Lösung für die Versorgungsthemen mit russischem Gas sein wird, bleibt abzuwarten. Kein Wunder also, dass Unternehmen wie eine IVG, ExxonMobil und E.ON Ruhrgas den Ausbau ihrer Speicheraktivitäten massiv vorangetrieben haben. Sie hatten dieses Thema ganz oben auf ihrer Prioritätsliste. Mit Recht, wie man heute sieht.
Trotz Finanzkrise konnte die Mineralölbranche in 2008 wieder ein sehr gutes Ergebnis hinlegen. Der Ölpreis strafte mit in der Spitze rund 150 US-Dollar/Barrel bis hin zum niedrigsten Kurs im Dezember von circa 40 US-Dollar/Barrel alle Prognosen Lügen.
Gerade jedoch die Ölpreishausse zur Mitte des Jahres bescherte den Unternehmen hervorragende Renditen. Trotzdem wurden - vor allem auf Konzernebene - die Restrukturierungsmaßnahmen konsequent fortgesetzt. Der Dieselabsatz konnte leicht zulegen, während die Ottokraftstoffe eher stagnierten. Die deutsche Raffinerieproduktion lag im Vorjahresvergleich mit 1,6 % im Minus.
Die Heizölhändler konnten wieder einmal durchatmen und steigende Absätze und Ergebnisse verbuchen. Bedingt durch den kalten Winter dürfte dies in 2009 auch zunächst einmal anhalten. Im internationalen Mineralölhandel konnte derjenige gute Ergebnisse einfahren, der es verstand, die Preisvolatilitäten zu nutzen. Keine einfache Aufgabe für die Tradingfloors, aber eine lohnende.
Der deutsche Tankstellenmarkt blieb auch in 2008 in Bewegung. Die schon vor Jahren begonnene Konsolidierung setzte sich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten (Stichwort: Kartellamt) fort. Gerade die breiter aufgestellten Mittelständler, die zum Beispiel Schmierstoffe, Holzpellets und der¬gleichen anbieten, dachten aus strategischen Gründen verstärkt über einen Verkauf ihrer Tankstellenseite nach. An der Preisfront startete das Jahr bedingt durch die Ölpreisentwicklung mit Preissprüngen, die sich bis zum Sommer fortsetzten. Als störend empfunden wurde der Preiskrieg zwischen Aral und Orlen, der aber nur regional zum Preisdumping - sehr zur Freude des Autofahrers - führte. Nach Beilegung des Konfliktes kehrte aber auch hier schnell wieder Ruhe ein. Trotz der Jahreshöchststände bei um 150 Cent je Liter für Super und Diesel sind die Kraftstoffpreise auf das Jahr ge¬sehen stärker gesunken als gestiegen. Super startete mit 137,4 Cent und fiel auf 113,8 Cent im Dezember. Diesel lag zum Jahresbeginn bei 126 Cent. Zum Jahresende sank der Preis auf 110,3 Cent. Das Autogasgeschäft profitierte von den Preisrunden und legte vor allem zur Jahresmitte zu.
Die Kohle hatte in 2008 zwei Gesichter. Im ersten Quartal 2008 bzw. im letzten Quartal 2007 verursachten zwei katastrophale Überschwemmungen in der Kohleförderungsregion Queensland, Australien, einen weltweiten Kohlemangel von nie gekanntem Ausmaß. Für Kokskohle konnten die Produzenten infolgedessen die Preise von 98 US-Dollar/t auf circa 385 US-Dollar/t im Spotgeschäft fast vervierfachen.
Für Kraftwerkskohle stieg der Preis von 55 US-Dollar/mt auf 125 US-Dollar/mt. Die gute Konjunktur in den ersten sechs Monaten ermöglichte es, die Preissteigerung an die Verbraucher weiterzugeben. Die durch die Finanzkrise eingebrochene Nachfrage führte dann zu wachsenden Lagerbeständen an den Lade- und Entladungshäfen. Diese zwangen die Produzenten letztlich, ihre Produktion zurückzufahren und Personal zu entlassen. Am Ende fielen dadurch die Spotpreise für Kraftwerkskohle von 385 US-Dollar/mt auf 135 US-Dollar/mt. Wie es in 2009 weitergehen wird, steht derzeit noch in den Sternen. Wenig verwunderlich nur, dass durch so eine Preisentwicklung die Diskussion über den Rückzug Deutschlands aus dem Steinkohlebergbau wieder einmal aufflammte.
Die Erneuerbaren Energien konnten im letzten Jahr vor allem in zwei Punkten überzeugen. Mit 120 Mio. Tonnen vermiedener CO2-Emissionen konnten sich die Unternehmen im Vergleich zu 2007 noch weiter steigern. Ein zugleich sehr öffentlichkeitswirksamer Effekt im Rahmen der verschärften Klimadebatte. Außerdem konnte ein Anteil regenerativer Energie am gesamtdeutschen Energieverbrauch von fast 10 % Ausgaben in Höhe von rund 8 Mrd. Euro für Brennstoffimporte vermeiden. Auf Unternehmensebene hatten wir die Gründung der RWE-Tochter Innogy zu verzeichnen, mit der sich der Konzern zu den Regenerativen bekennt. Ähnlich wie E.ON will man diesen zukunfts- und subventionsträchtigen Markt nicht dem Mittelstand überlassen. Immerhin sollen bis 2010 in der EU 12 % des gesamten Energieverbrauchs durch erneuerbare Energien gedeckt werden.
Das Wachstum der Solarwirtschaft hielt auch 2008 weiter an. Man rechnet für das abgelaufene Jahr mit einem Zuwachs von rund 35 % bei neu installierten Solarstromleistungen und ein Absatzplus bei Solarwärme von 100 %. Das alles trotz Finanzkrise und sinkenden Subventionen. Die treibende Kraft blieb der nationale Markt. Das Interesse der Bürger an einer sauberen Solarenergie blieb anscheinend ungebrochen. Man profitierte von den in Krisenzeiten üblichen Investitionen in Sachwerten.
Auch die deutsche Windenergie hat sich im letzten Jahr gut geschlagen. Mehrere große Energieversorger haben sich zwischenzeitlich auf dieses Terrain gewagt. So übernahm im Mai 2008 die EnBW zwei Windenergieunternehmen und damit die Rechte an Offshore-Windparks mit insgesamt über 250 Windkraftanlagen. Auch E.ON kaufte im Juli gemeinsam mit Dong Energy den Anteil von Shell an London Array Offshore-Windparks.
Der positiven Entwicklung im Strom- und Wärmebereich stand ein massiver Einbruch bei den Biokraftstoffen gegenüber: Deren Produktion sank gegenüber dem Vorjahr um 22 %. Ihr Anteil am gesamten Kraftstoffverbrauch verringerte sich dadurch von 7,6 % im Jahr 2007 auf 5,9 %. Verbände wie auch Unternehmen geben der Politik die Schuld. Die vorzeitige Rücknahme der Mineralölsteuerbefreiung für Biokraftstoffe hat gerade den mittelständischen Anbietern schlaflose Nächte bereitet.
Die Biogasbranche traf es nicht besser. Was sich schon Ende 2007 abzeichnete geschah 2008 dann schließlich: Die Branche fiel in sich zusammen. Prominentes Opfer war Ulrich Schmack, der Mitte 2008 als Vorstand des von ihm gegründeten Unternehmens zurücktrat. Viele Kunden hielten sich wegen der Unsicherheit über den gesetzlichen Rahmen für die Branche und wegen hoher Preise für Agrarrohstoffe weiter mit dem Kauf von Biogasanlagen zurück.
Bei den Energiedienstleistern gab es 2008 nicht viel Neues zu verzeichnen. Die Ergebnissituation war auskömmlich bis zum Ende des dritten Quartals. Ab dann machte sich auch hier die Finanzkrise bemerkbar, da sich immer mehr Kunden bei Neuaufträgen zurückhielten. Erste Insourcingtrends zu Gunsten der eigenen Beschäftigten waren am Ende des Jahres zu beobachten.
Ausblick 2009
Wie wird es in 2009 weitergehen? Eine Umfrage bei Managern aus der Chemie- und Energiebranche ergab nichts Konkretes. Man tappt - wie viele andere auch - im Dunklen. Solange die Bankenkrise nicht zu Ende ist, tut man sich mit belastbaren Prognosen sehr schwer. Fest steht, dass die Finanzkrise in Deutschland wichtige Vorhaben zum Ausbau der Stromproduktion gefährdet, da jetzt offenbar auch Kommunalversorger bei der Finanzierung geplanter Kohle- und Gaskraftwerke unter Druck kommen. In der Konsequenz rechnet man deshalb spätestens bis Ende 2009 mit einem deutlichen Preisrückgang bei Kraftwerkskomponenten.
Nebenbei bemerkt haben sich aber die Preise für schlüsselfertige Anlagen innerhalb der letzten fünf Jahre verdoppelt, weil eine hohe Nachfrage auf beschränkte Kapazitäten bei den Anlagenbauern traf. Im Ölbereich ist die Stimmung noch vergleichsweise gelassen. Andererseits sind die Auswirkungen der Finanzkrise auch hier angekommen. Wenn am Ende des Tages Kreditversicherer beim Mittelstand erste Kündigungen aussprechen, ohne dass die Gründe auf den ersten Blick verständlich sind, ist das ein erstzunehmendes Alarmzeichen. Eine weitere wichtige Indikation wird der Ölpreis sein. Sind es im Jahresdurchschnitt 50 US-Dollar/Barrel oder 100 US-Dollar/Barrel, davon wird vieles abhängen. Wie geht man mit so extrem volatilen Rohstoffpreisen um? Die Versorgungssicherheit ist das A und O, egal ob im Gas, der Kohle oder in anderen Rohstoffen. Kein Wunder, dass viele Unternehmen derzeit ihr Lieferantenportfolio optimieren oder ein umfassendes Risikomanagement betreiben. Wer kann, denkt an Rückwärtsintegration entlang seiner Wertschöpfungskette. So engagiert sich beispielsweise der ein oder andere namhafte Energieversorger zukünftig verstärkt upstreamseitig. In der Chemie werden wir uns auf der Produktionsseite auf vermehrte Kurzarbeit oder sogar auf die Aufgabe einzelner Standorte im Rahmen von weiteren Reorganisationen einstellen müssen. Viele Kundengruppen sind hier verunsichert, was die Nachfrage weiter sinken lassen wird. So rechnet als Folge dessen der europäische Chemieverband Cefic mit einem Produktionsrückgang von 1,3 % (ohne Pharma) im laufenden Jahr. Der Chemieanlagenbau ist dagegen für 2009 noch verhalten optimistisch. So ist die Auslastung der Unternehmen insbesondere in den Bereichen Construction und Detail Engineering nach wie vor sehr hoch. Im Branchenschnitt ist davon auszugehen, dass die bisher akquirierten Aufträge die Auslastung der Kapazität bis mindestens Sommer/Herbst 2009 sichern werden.
So manches altbekanntes Thema wird uns auch in diesem Jahr wieder auf der wirtschaftspolitischen Bühne begegnen. Man denke hier nur an die Diskussion um den Ausstieg aus der Kernkraft oder um die Subventionen für Teile der Regenerativen Energien (Stichwort: Biodiesel). Dies alles im „Superwahljahr“ 2009. Es bleibt abzuwarten, ob die Regierung - in welcher Konstellation auch immer - diesen Herausforderungen gerecht werden kann. Alles in allem dürften aber die Chemie- und Energiebranche im Verhältnis zu anderen Branchen gut gerüstet in das Jahr 2009 gegangen sein.
Claus-Peter Barfeld, Geschäftsführer der Barfeld & Partner GmbH













