openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Volkswirtschaft in der Formelfalle

(openPR) Wirtschaftspolitik sollte wieder als Staatskunst begriffen werden

Frankfurt am Main/Düsseldorf/Berlin, 8. Januar 2009 - Wer heute als Ökonom reüssieren will, der muss vor allem ein begnadeter Formelkünstler sein: „Er muss sich in der höheren Mathematik bewegen wie ein Fisch im Wasser und die Wirtschaftswelt in Formeln und abstrakte Modelle einpassen. Damit hat sich die Wirtschaftswissenschaft in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer stärker zu einer mathematischen Disziplin entwickelt. An den Rand gedrängt wurde die ältere ordnungsökonomische Schule, die in Deutschland einst bedeutend war und die nach den Zusammenhängen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft fragte, dabei aber auf Formeln verzichtete und verbal argumentierte“, schreibt der Redakteur Philipp Plickert in der neuen FAZ-Rubrik „Der Volkswirt“, die im wöchentlichen Wechsel mit „Der Betriebswirt“ erscheint.



Es wachse allerdings das Unbehagen an der Mathematisierung der Volkswirtschaftslehre. So erinnert der Soziologe und Ökonom Viktor Vanberg von der Universität Freiburg an den Massenprotest französischer Studenten vor einigen Jahren, die sich gegen eine „autistische Ökonomik" wandten. Die mathematische Formalisierung sei Selbstzweck geworden, beklagten sie. Es würden imaginäre Welten modelliert, die mit ihrer Erfahrungswirklichkeit wenig oder nichts gemein hätten. Noch härter drücke es der Theoriegeschichtler Mark Blaug aus: „Die moderne Ökonomik ist krank." Sie sei zu einem intellektuellen Spiel geworden, das um seiner selbst willen gespielt werde, aber nur wenig praktische Bedeutung für das Verständnis der Welt liefere. Nach Ansicht des Nobelpreisträgers Ronald Coase sei die Ökonomik nur noch ein theoretisches Spiel, das in der Luft schwebt und kaum Bezug zu dem hat, was in der realen Welt geschieht. „Die Volkswirtschaftslehre ist mittlerweile mathematischer als naturwissenschaftliche Disziplinen. Teilweise wird das Fach von Konvertiten aus der Mathematik bevölkert, die uns mit naiven Ceteris-paribus-Klauseln die Welt erklären wollen“, kritisiert Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Harvey Nash.

Die Mathematisierung der Ökonomik erinnert den ehemaligen Allensbach-Meinungsforscher Manfred Wirl an die Mathematisierung und Topographisierung des Kriegswesens vor der französischen Revolution. „Damals glaubte man allen Ernstes mit Hilfe von strikt ausgerichteten mathematischen Modellen, den Verlauf und den Ausgang einer Schlacht vorhersagen zu können. Die Revolutionsarmeen und später Napoleon haben diese schönen Rechenmodelle über den Haufen geworfen und auf diese Weise nachgewiesen, dass immaterielle und moralische Faktoren in der Realität des Krieges von entscheidender Bedeutung sein können“, so Wirl, der sich wissenschaftlich mit der öffentlichen Meinung unter dem NS-Regime beschäftigt hat.

An der Börse könne man nachvollziehen, wie sehr die Ökonomie von sozialpsychologischen Faktoren bestimmt wird. „Zwar käme keiner auf den Gedanken, sie als exaktes Abbild der Wirtschaftslage wahrzunehmen, doch ebenso wenig lässt sich ihre Bedeutung als Indikator für die Wirtschaft leugnen. Mit mathematisch-formalistischen Modellen kommt man an der Börse nicht sehr weit. Man würde damit nur Geld verlieren. Ich kenne zumindest keinen Wirtschaftswissenschaftler, der aufgrund seines theoretischen Wissens dort reich geworden wäre“, sagt Wirl.

„Die formale Eleganz und scheinbare Genauigkeit der mathematischen Ökonomik übten aber auf viele Wissenschaftler eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren schaffte sie in Amerika einen Durchbruch, für den berühmte Namen wie Kenneth Arrow, Gérard Debreu und auch Paul Samuelson stehen. Diese bauten die ökonomische Wohlfahrtstheorie aus, die behauptete, ein soziales Optimum der wirtschaftlichen Allokation sei mit mathematischer Logik voraussagbar und sogar planbar. Auch in der Makroökonomik, welche die Schüler von Keynes vorantrieben, herrschte der Glaube an die Steuerbarkeit von Konjunktur und Wachstum vor. Folglich erlebte die ökonomische Politikberatung einen Aufschwung, der die Wirtschaftsfachleute in eine gesellschaftliche Schlüsselrolle brachte und ihr Selbstbewusstsein steigerte“, so der Wirtschaftshistoriker Philip Plickert, der darauf hinweist, dass diese Denkschule in Deutschland zunächst keine Relevanz hatte.

Die Soziale Marktwirtschaft entstand vor allen Dingen durch die Freiburger Schule um Walter Eucken und Franz Böhm. Ihr Credo war das ‚Denken in Ordnungen’. Wirtschaft, Recht und Gesellschaft müssten in ihrer Interdependenz betrachtet werden. Ordoliberale Ökonomen wie Wilhelm Röpke hatten ein reges Interesse an Soziologie und dachten intensiv über die außerökonomischen Voraussetzungen einer funktionierenden Marktwirtschaft nach.

„Die mathematisch-formale Ökonomik lehnten sie ab, da sie ihnen zu mechanisch erschien“, weiß Plickert. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard sah das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft nicht als wissenschaftlich-empirisches Modell. „Erhard und seine ordoliberalen Berater begriffen Wirtschaftspolitik als Staatskunst. Sie war der dynamische Kern der deutschen Innenpolitik und begründete auch das außenpolitische Gewicht der Bundesrepublik. Die Soziale Marktwirtschaft entstand nicht als theoretische Formel, sondern als politische Konfession. Von dieser Raison der politischen Ökonomie zehren wir noch heute, obwohl die Praxis der marktwirtschaftlichen Politik mittlerweile von ideenlosen Zahlendrehern und Technokraten dominiert wird“, erklärt der Personalexperte Nadolski.

Bezeichnend sei, so Plickert, dass die erste Generation der mathematisch ausgerichteten Ökonomen in Deutschland oft ausgebildete Physiker oder Ingenieure waren: „An den Wirtschaftsforschungsinstituten experimentierte man mit immer größeren Makromodellen mit unzähligen Gleichungen, welche die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge im Detail darstellen und auch steuerbar machen sollten. Ein konjunkturelles ‚fine-tuning’ galt in den sechziger und frühen siebziger Jahren als möglich. Dies stellte sich aber wenig später als Illusion heraus“.

Der Ökonom Friedrich August von Hayek wandte sich 1974 in seiner Rede zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises gegen die Benutzung der Instrumente der harten Wissenschaften in den sozialen Wissenschaften. Er forderte seine Zunft zu mehr Demut auf und kritisierte die „Anmaßung von Wissen“. Den Boom dieser Methoden in den Wirtschaftswissenschaften konnte Hayek nicht aufhalten. „Die in Deutschland einst stark repräsentierte Ordnungsökonomik ist mittlerweile weitgehend verschwunden, seit an den Universitäten mehr und mehr Lehrstühle für Wirtschaftspolitik geschlossen oder der mathematisch orientierten Richtung umgewidmet wurden“, erläutert Plickert.

Die mathematisch-formalistische Ökonomik sei längst zu einem auf sich selbstbezogenen System geworden, moniert der Publizistikwissenschaftler Manfred Wirl: „Sie erstarrt im Dogmatismus. Es fällt der menschlichen Natur leichter, sich an Modellen der Wirklichkeit zu orientieren als an der Wirklichkeit selbst. Man nennt das auch die Reduzierung von Komplexität. Dummerweise kommt es damit auch immer zu einem Realitätsverlust. In der derzeitigen Situation sind die negative Auswirkungen besonders schwerwiegend, da die Verfechter solcher Modelle mit ihrem begrenzten Wissen die Deutungshoheit über die Gesetze der Ökonomie nach wie vor für sich beanspruchen."

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 271758
 192

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Volkswirtschaft in der Formelfalle“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von medienbüro.sohn

Sascha Lobo und die halbautomatische Netzkommunikation
Sascha Lobo und die halbautomatische Netzkommunikation
Facebook-Browser könnte soziale Netzwerke umpflügen Berlin/München, 27. Februar 2009 - Millionen Deutsche sind mittlerweile in sozialen Netzwerken wie XING, Wer-kennt-wen, Facebook oder StudiVZ organisiert, haben ein Profil und präsentieren sich auf irgendeine Art im Web, ob mit Bildern, kurzen Texten, Blog-Beiträgen oder Links, die sie interessant finden. „Es lässt sich kaum leugnen: Wir sind zum Glück nicht mehr Papst, wir sind jetzt Netz. Die Menschen haben begonnen, wichtige Teile ihres gesellschaftlichen Treibens ins Internet zu verlag…
Finanzbehörden müssen mit Mittelstand innovativer umgehen
Finanzbehörden müssen mit Mittelstand innovativer umgehen
Schnelle Verfahren zur Stundung von Steuern und Anpassung von Vorauszahlungen Berlin, 26. Februar 2009 – Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) bvmw.de fordert die Finanzbehörden und Sozialversicherungen zu einem flexiblen und innovativen Umgang mit kleinen und mittleren Unternehmen auf, die unverschuldet in Not geraten sind und bei denen unerwartete Liquiditätsengpässe auftreten. Eine Möglichkeit bestünde in einfachen und schnellen Verfahren, um Steuern und Sozialabgaben vorübergehend zu stunden oder Vorauszahlungen anzupassen…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Frankfurter Verlagsgruppe: Verlag für neue AutorenBild: Frankfurter Verlagsgruppe: Verlag für neue Autoren
Frankfurter Verlagsgruppe: Verlag für neue Autoren
… internationalen Konkurrenz, der sich alle Staaten mit ihren Ausbildungssystemen stellen müssen immer bedeutsamer und wird mit über die Qualifikation und den Stellenwert der Volkswirtschaft eines Staates entscheiden. Gute und solide Berufausbildung wird mit darüber entscheiden, ob es Volkswirtschaften gelingen wird im Wettbewerb der Globalisierung zu bestehen …
UMC Moscow ist online
UMC Moscow ist online
… National Institute of Business (NIB), die Moskauer Staatliche Akademie für Business Administration, die Staatliche Universität Sankt Petersburg, die Akademie für Volkswirtschaft der Regierung der Russischen Föderation, die Russische staatliche Universität für Völkerfreundschaft, die Nationale Wadym-Hetman Wirtschaftsuniversität Kiew und das Dagestaner …
Bild: Viele offene Stellen im IT-BereichBild: Viele offene Stellen im IT-Bereich
Viele offene Stellen im IT-Bereich
In Deutschland mangelt es, besonders im Bereich Informatik, akut an Fachkräften, was herbe Verluste für die Volkswirtschaft zur Folge hat. Immer weniger Schüler entscheiden sich für ein im weitesten Sinne naturwissenschaftliches Studium, sei es Mathematik, Technik oder eben Informatik. So ist die Zahl der Hochschulabgänger im ingenieur-wissenschaftlichen …
PR Akademie Rhein-Main sieht sich in Certified-PR-Officer (CPRO)-Ausbildung bestätigt
PR Akademie Rhein-Main sieht sich in Certified-PR-Officer (CPRO)-Ausbildung bestätigt
… im Jahre 2005 ein entsprechendes Curriculum aufgestellt. Die Ausbildung zum „Certified-PR-Officer“ umfasst die Themengebiete Public Relations, Betriebs- und Volkswirtschaft sowie die angrenzenden Kommunikationsgebiete des Marketings, der Mediaplanung und der Investor Relations. Die Teilnehmer des „Certified-PR-Officer (CPRO)-Intensivstudiums erlangen …
Bild: BBEOeco vernetzt bereits 400 Unternehmende im Berner OberlandBild: BBEOeco vernetzt bereits 400 Unternehmende im Berner Oberland
BBEOeco vernetzt bereits 400 Unternehmende im Berner Oberland
Die Volkswirtschaft Berner Oberland und die innoBE AG starteten die XING-Gruppe BEOeco im September 2009, um die Vernetzung der Wirtschaft im Berner Oberland zu fördern. Auf der bekannten Internetplattform XING ist dafür eine eigene Gruppe „BEOeco | Netzwerk der Wirtschaft Berner Oberland“ eingerichtet worden. Nun hat das Projekt einen wichtigen Meilenstein …
Bild: BEOeco vernetzt die Unternehmen im Berner OberlandBild: BEOeco vernetzt die Unternehmen im Berner Oberland
BEOeco vernetzt die Unternehmen im Berner Oberland
… Unternehmerinnen und Unternehmer aus dem Berner Oberland. Das Ziel ist eine Informationsplattform zu schaffen um die Wirtschaft im Berner Oberland zu stärken und zu vernetzen. Die Volkswirtschaft Berner Oberland, metamind und innoBE spannen zusammen, um die Vernetzung der Wirtschaft im Berner Oberland zu fördern. Auf der bekannten Internetplattform XING ist dafür …
Bild: Peter und Andrew Schiff erhalten den begehrten CORINE-BuchpreisBild: Peter und Andrew Schiff erhalten den begehrten CORINE-Buchpreis
Peter und Andrew Schiff erhalten den begehrten CORINE-Buchpreis
Am 17. November 2011 wird in der Münchner BMW-Welt zum elften Mal der Internationale Buchpreis CORINE verliehen. Unter den Preisträgern: „Wie eine Volkswirtschaft wächst... und warum sie abstürzt“ der Brüder Andrew und Peter Schiff. Seit heute stehen die Preisträger fest, die am 17. November die filigrane Porzellanfigur CORINE in der Münchner BMW-Welt …
Arbeitsplätze: jährlich 5 bis 10 Prozent Zuwachs in der Wellness-Branche
Arbeitsplätze: jährlich 5 bis 10 Prozent Zuwachs in der Wellness-Branche
… Stephan Ritter in ihrem Insider-Buch "Unternehmen Wellness". Sinnvolle Wellness-Angebote nützen nicht nur den betroffenen Einzelnen, sondern auch der gesamten Volkswirtschaft; denn "Störungen individueller Befindlichkeiten führen zwangsläufig zu Störungen betrieblicher und volkswirtschaftlicher Ordnungen. Mobbing hat sich ausgebreitet und kostet allein …
Bild: Gesunde Mitarbeiter mit einer Betrieblichen GesundheitsvorsorgeBild: Gesunde Mitarbeiter mit einer Betrieblichen Gesundheitsvorsorge
Gesunde Mitarbeiter mit einer Betrieblichen Gesundheitsvorsorge
Die Deutsche Volkswirtschaft verliert jährlich rund 225 Milliarden Euro durch kranke Arbeitnehmer. Laut einer neuen Studie von Booz & Company zahlt sich jeder Euro, der in betriebliche Prävention investiert wird, für die Volkswirtschaft mit fünf bis 16 Euro aus. Betriebliche Gesundheitsvorsorge hilft Unternehmen, Kosten zu senken und die Produktivität …
Bild: CONCENCIA Consulting China: Volksrepublik wahrscheinlich bereits in 2008 ExportweltmeisterBild: CONCENCIA Consulting China: Volksrepublik wahrscheinlich bereits in 2008 Exportweltmeister
CONCENCIA Consulting China: Volksrepublik wahrscheinlich bereits in 2008 Exportweltmeister
… streitig machen. Gerade Chinas Wirtschaft hat in den letzten Jahren ein enormes Wachstum zu verzeichnen. Seit den 1970er Jahren hat sich der Anteil der chinesischen Volkswirtschaft an der Weltwirtschaft mehr als verzehnfacht. Allein in 2006 betrug der chinesische Weltwirtschaftsanteil somit etwa 8 Prozent. Laut Angaben der bfai sei China bereits heute …
Sie lesen gerade: Volkswirtschaft in der Formelfalle