(openPR) 2008 wird das Evangelische Johannesstift 150 Jahre alt. Die Tochter Behindertenhilfe gratuliert der Stiftung mit Kunst. Sie unterstützt das Projekt THANK YOU FOR JUDGING der mit ihren Pfropfungsarbeiten aufgefallenen Künstlerin Ricoh Gerbl. Präsentiert wird das Kunstprojekt vom 19.11.2008 bis 11.01.2009 im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité.
Berlin, 19.11.2008 - Im Zentrum von THANK YOU FOR JUDGING stehen Menschen mit Behinderungen, die in den Einrichtungen der Behindertenhilfe gGmbH des Evangelischen Johannesstifts leben und arbeiten und sich für das Vorhaben begeistern konnten. Auf den großformatigen Fotografien sieht man sie innerhalb unerwarteter Kontexte in Szene gesetzt. Die Inszenierung unterläuft dabei die dominanten medialen Repräsentationen von Menschen mit Behinderungen: Sie dienen hier nicht als Modelle zur Illustration von Behinderung, die Szenen nicht zur parallelen Problematisierung oder Skandalisierung ihrer Lebenssituation. Stattdessen werden die Menschen so dargestellt, dass die gängige Polarität von behindert/nicht-behindert unterlaufen wird, indem auf allgemein gültige emotionale Situationen hingewiesen wird. Im Zentrum stehen emotionale Zustände, die mit den Begriffen Isolation, Ortlosigkeit und Bindungslosigkeit bezeichnet werden.
Die Fotografien wurden an zwei verschiedenen Orten aufgenommen: im Haus der Berliner Festspiele und im Wald des Stiftsgeländes. Der Wald als Ort sogenannter Natur wird der Bühne als Ort sogenannter Hochkultur gegenüber gestellt. Steht der Wald für unausgesprochene, nicht-formulierbare, teilweise unsichtbare und unausleuchtbare Emotionen, so die Bühne für Ausgesprochenes, Formulierbares, Sichtbares und Ausgeleuchtetes. Die Unterbelichtung im Wald (mangels Licht) kontrastiert mit der Überbelichtung auf der Bühne (mittels Scheinwerfern und Exponieren von Inhalten). Dies wird in der fotografischen Technik direkt aufgegriffen, indem die Bilder der Bühne überbelichtet, die Bilder im Wald unterbelichtet aufgenommen werden. Die sich hieraus ergebende Ästhetik ist zugleich Verweis darauf, wie in unserer Gesellschaft Menschen mit Behinderungen einerseits in den Wissenschaften oft abgesondert und überbelichtet, im gesellschaftlichen Alltag und Diskurs andererseits jedoch häufig unterbelichtet wahrgenommen werden.
Im Ausstellungskonzept wird der Pfropfungsgedanke von Ricoh Gerbl neu aufgegriffen: Die Fotografien werden in den Fensternischen des Medizinhistorischen Museums zwischen den Vitrinen der Dauerausstellung aufgebaut, durch das Auftauchen der Fotografien wird die Dauerausstellung des Museums gepfropft.Das Museum kann unabhängig von Menschen mit Behinderungen existieren und Menschen mit Behinderungen ohne das Museum. Mit der Anwesenheit der Fotografien zwischen den Vitrinen verändert sich die Aussage der Dauerausstellung. Die Vitrinen als Ausdruck des sezierenden wissenschaftlich-medizinischen Blicks auf definierte Gesundheit und Krankheit, Normalität und Abweichung werden mit den Fotografien konfrontiert, die eine an diesem Ort ausgeschlossene Emotionalität mit anwesend machen. Dem Pfropfungsgedanken entsprechend löst diese Besetzung einen konstruktiven Widerstreit aus. Die Konfrontation der Exponate der Dauerausstellung mit den lebendigen, in Fotografie gebannten Menschen dient der Erweiterung von Wahrnehmungsmöglichkeiten und ermöglicht hierüber im besten Fall eine Veredelung des Raums.
Ricoh Gerbl wurde in Bayern geboren und lebt in Berlin. Seit Ende der 1980er Jahre ist sie bildende Künstlerin mit dem Schwerpunkt Fotografie und Schriftstellerin mit dem Schwerpunkt Prosa. Langzeitprojekte sind literarisch die Hauswehlesungsverlosungen, fotografisch die Wohnungspfropfungen. Seit Anfang der Neunziger wurden ihre Arbeiten u.a. in Berlin, München, Wien, Rom, New York und London ausgestellt, zudem war sie an Kunstmessen in Berlin, Madrid, Miami und Basel vertreten. Ricoh Gerbl hat als Dramaturgin, Skriptentwicklerin und Fotografin an internationalen Projekten mitgearbeitet. Ihr Roman Leben im Luxus erscheint im März 2009. Pfropfung ist ein zentrales Thema in der Arbeit von Ricoh Gerbl. Im Pflanzenbau beschreibt der Begriff das Verfahren einer Kultivierung, in dem Differentes und Disparates ineinander gefügt wird, um Pflanzen zu kräftigen, widerstandsfähiger zu machen und zu veredeln.
Am Fotoprojekt THANK YOU FOR JUDGING haben sich rund 50 Menschen beteiligt, die in den Einrichtungen der Evangelisches Johannesstift Behindertenhilfe gGmbH wohnen und/oder arbeiten. In ihren insgesamt acht Einrichtungen bietet die Behindertenhilfe des Johannesstifts rund 450 Menschen mit Behinderungen Angebote in den Bereichen Wohnen, Arbeit und Bildung, wobei insgesamt dem Kulturbereich ein hoher Stellenwert zukommt. Die Einrichtungen befinden sich auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstifts iin Berlin-Spandau und in Oranienburg. Die Stiftung Evangelisches Johannesstift wurde 1858 von Johann Hinrich Wichern gegründet. Neben der Behindertenhilfe liegen weitere Schwerpunkte der Angebote des Evangelischen Johannesstifts in den Bereichen Jugend- und Altenhilfe und in der Ausbildung sozialer Berufe.













