(openPR) Offener Brief zum Kunstwettbewerb „Opfer des Nationalsozialismus - Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens” in München von Stephan Doesinger.
Einer der wichtigsten Kunstwettbewerbe Deutschlands mit dem Titel „Opfer des Nationalsozialismus - Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens” ist vor kurzem zu Ende gegangen und das Ergebnis ist: Ratlosigkeit und Schweigen.
Das von der Jury ausgewählte Medienprojekt mit dem Titel „Memory Loops - Schleifen über der Stadt“, wurde von Politikern aller Fraktionen abgelehnt. Dabei entsprach dieses als virtuelles Denkmal in Form einer Handyaktion geplante Projekt genau der Wettbewerbs Ausschreibung. Selbstverständlich kam es auch gleich zu einer Generalkritik über alle eingereichten Arbeiten. Gleichzeitig wurden diese Arbeiten der Öffentlichkeit vorenthalten, sodaß sich niemand ein Bild machen konnte. Auch nicht jene, die davon betroffen sind – oder wurden nur die Roma und Sinti außen vor gelassen? Einzig in der Süddeutschen Zeitung erschienen einige Zeilen über die Projekte, die, wie es unter anderem bei meinem Projekt der Fall war, auch noch falsch beschrieben wurden.
Dieser offene Brief dient nun dazu, das laute Schweigen zu durchbrechen, falsche Darstellungen richtig zu stellen und kritische Fragen aufzuwerfen:
Warum erhielten weder die eingeladenen Künstler noch die Öffentlichkeit ein Juryprotokoll oder eine klare Stellungnahme der Jury? Warum werden die Arbeiten jener 13 Künstler totgeschwiegen, die sich mindestens ein halbes Jahr lang intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt haben? Warum gibt es keine Transparenz? Was war und was ist an diesem Wettbewerb faul?
Jochen Gerz hatte im Vorfeld des Wettbewerbs gefordert, daß die Stadt München „wissen müsse, was sie selber will”. Diese Forderung blieb die Ausschreibung des Wettbewerbs aber schuldig: In der Auschreibung wurde kein Ort definiert, wo sich ein würdiges Gedenken und Erinnern im Stadtraum Münchens entfalten sollte. „Künstlerische Freiheit” und die Suche nach „neuen Formen” des Erinnern und Gedenkens sollte das kompensieren, was man den Opfern bis heute nicht gewährt: Einen urbanen Raum für die Erinnerung!
Im Sinne der Ausschreibung war es absehbar, daß ein Medienprojekt diesen Wettbewerb gewinnen würde. Denn weil eine „Kranzabwurfstelle”, wie es in der Ausschreibung hieß, unbedingt vermieden werden sollte, mußte etwas „Neues” her. Aber: Sind „Neuheit“ und „Form” für die Kunst zu diesem Thema überhaupt die wichtigsten Kriterien? Führen virtuelle Medien zwangsweise zu einem lebendigeren Erinnern? Muß sich am Ende nicht vielleicht auch die Jury den Vorwurf gefallen lassen, sich nicht unkritisch gegenüber einer problematischen Ausschreibung verhalten zu haben?
Nach Beendigung des Wettbewerbs wurde nur zu deutlich, was vielen Künstlern immer schon klar war: Ohne Ort keine Erinnerung, und ohne Erinnerung kein Ort! Schließlich wurde die Entscheidung der Jury ausgehebelt und als Verlegenheitslösung ist nun ein neuer Vorschlag im Raum. Der bestehende Platz der Opfer des Nationalsozialismus sollte verhübscht werden. Aber wie soll aus einer trostlosen Verkehrsinsel jemals ein Ort werden, der der Dimension der Verantwortung der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung auch nur annähernd gerecht wird? Bevor wir also formale Fragen diskutieren, sollten wir die grundsätzliche Frage an die Stadt stellen: Warum will München keine Verantwortung für seine traurige Vergangenheit übernehmen schlicht und einfach durch die Bereitstellung eines angemessenen Ortes von historischer, ja von europäischer Bedeutung?
Bevor mein Projekt falsch in den amtlichen Schubladen des Vergessens abgelegt wird, hier eine Richtigstellung:
Bei dem Projekt “Die Rampe” geht es nicht um ein “begehbares Objekt” wie die SZ fälschlicherweise schrieb, sondern um die Schaffung einer Leerstelle am Königsplatz, gleich in der Nähe des zukünftigen Dokumentationszentrums. Diese Leerstelle, in Form einer langen Rampe, verläuft entlang einer geistigen Achse, die den Platz und das ehemaligen KZ Dachau verbindet. Von Menschenmassen bei Veranstaltungen umspült, bildet die Rampe eine „soziale Skulptur“. Unter den anwesenden Menschen wird an dieser Leerstelle die Abwesenheit von jenen Menschen erfahrbar, die nicht mehr da sind. Die nicht mehr da sind, weil sie, so wie die meisten der Millionen Opfer des Nationalsozialismus, ihr Grab, wie es Paul Celan beschrieb, in der Luft fanden. Bis heute haben sie kein würdiges Grab in München gefunden. Bis heute ist das Gedenken und das Erinnern in München zur Ortlosigkeit verdammt.













