(openPR) Die internationale Finanzkrise hält die Welt noch immer gepackt. Der Münchner Managementberater Dr. Andreas F. Philipp äußert sich dazu in einem Interview.
Herr Dr. Philipp, wie schätzen Sie die gegenwärtige Finanzkrise weltweit/in Deutschland ein?
Äußerst ernst. Was wir im Moment erleben ist die Quittung für entfremdetes Wirtschaften – für ein Wirt-schaften, das nicht mehr den Menschen dient. Einige Akteure haben in den letzen Jahren schamlos auf
Gewinnmaximierung ohne Leistungserbringung gesetzt. Die meisten von uns haben durch den Kauf von spekulativen Investmentfondsanlagen oder Puts- und Calls-Obligationen mitgemacht. Wir alle wollten – mehr oder weniger – ein Stück vom großen Kuchen abbekommen.
Wer hat sich denn in den letzten Jahren ernsthaft die Mühe gemacht, zu prüfen, für welche Geschäfte seine Gelder investiert werden? Wie der Güter- oder Dienstleistungswirtschaftliche Gegenwert zu den getätigten Finanzströmen aussieht?
Verstärkt wurde diese Unachtsamkeit vieler von uns durch ein völlig undurchsichtiges, global vernetztes und letztendlich mit den falschen Leuten besetztes Finanzsystem. Die großen [Investment-]Banken buhlten gegenseitig darum, wer die noch raffinierteren Köpfe verpflichten kann. Geködert wurden diese „Raffi-ness-Eliten“ mit Bonizahlungen in zwei-, bis dreistelliger Millionenhöhe. Diese Logik wurde bis zum klei-nen Bankangestellten nach unten kaskadiert – auch er verkaufte wie wild Anlageformen, die die Welt nicht braucht.
Und dann natürlich die Rolle des jetzt so sauber dastehen wollenden Staats. Dieser kassierte in den letzten Jahren einerseits kräftig mit, wo es ging, anderseits ließ er Finanzjongleure gewähren – natürlich auch, weil er diesen schlichtweg nicht gewachsen war.
Welche Managementfehler wurden Ihrer Meinung nach gemacht? Liegt ein Versagen des Systems oder des einzelnen Menschen vor?
Der zentrale Managementfehler lag in der ethiklosen Sichtweise vieler Verantwortlicher. Wir lernen an den Business-Schools dieser Welt zu viel über Puts & Calls und zu wenig über Anstand & Moral. Falsche Vorbilder in den Chefetagen leben dem Nachwuchs unbrauchbare Wertvorstellungen vor. Noch mehr, noch größer, noch höher. Medien und Werbung verstärken diesen Giereffekt. Wer was gelten will, sollte zumindest bereits das Zweithaus erworben haben. Wie das dafür benötigte Geld verdient wurde, wird nur selten hinterfragt. Welche Rolle spielt Geld in unserer Gesellschaft? Wie lebt es sich mit zu wenig – wie mit zu viel? Welche Funktion erfüllt Wirtschaften in einer globalen Gesellschaft? Welche Aufgabe hat eine Wirtschaftselite zu übernehmen?
Derartige Fragen müssten im Zentrum einer substantiellen Managementausbildung stehen – suchen Sie sie bitte an den Kaderschmieden in Europa, USA und Asien. Von einzelnen Hoffnungsträgern abgesehen [die Said Business School in Oxford z.B., oder Witten-Herdecke, punktuell auch St. Gallen], war das bisher kaum Bestandteil einer hochwertigen Wirtschaftsausbildung.
So gesehen ist es selbstverständlich auch ein Versagen des Systems. CEOs und Vorstände mit einem An-reizsystem zu ködern, das ihnen ermöglicht, in Deutschland bis zum 10fachen, in den USA bis zum 100fachen ihres Festgehalts zu verdienen, führt zwangsläufig zu Verhaltensweisen, die sich genau auf die Optimierung dieser Boni-Chancen konzentrieren. Volkswirtschaftlich [eigentlich müsste man Globalwirt-schaftlich sagen] gehen fast alle unsere Modelle und Ansätze von noch nicht gesättigten Märkten aus und setzen konsequent die Prämisse des Wachstums als Basis des täglichen Handelns. Das kann nicht gut ge-hen. Die aktuelle Finanzkrise gibt uns einen Warnschuss. Wenn wir die Signale verstehen, geben wir dem Geld die angemessene Rolle in unserem System zurück – als Unterstützer für wirtschaftliche Aktivitäten, in denen wir eine Zahlungseinheit, ein Tauschmittel und eine Wertaufbewahrungsfunktion brauchen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Was können wir tun? Welche Konsequenzen fordern Sie für die Zukunft?
Wenn wir wirklich aus der aktuellen Krise lernen wollen, müssen wir drei Themen ernsthaft angehen:
1. Kurzfristig geht es um Stabilisierung & Beruhigung
Die aktuellen Ansätze der Politik und der Zentralbanken machen Sinn. Die Psychologie des Marktes verlangt nach Vertrauen und Stabilisierung. So sehr es völlig naiv ist, zu glauben, dass diese Maßnah-men real das Problem lösen könnten [wie soll z.B. eine Milliardenbürgschaft in dreistelliger Höhe ein-gelöst werden, ohne damit die Inflation massiv anzuschieben], so wichtig ist es Jetzt und Hier, Ruhe und Stabilität in die Märkte zu bekommen. Diese Stabilität und Ruhe gilt aber auch für die Akteure des Finanzsystems selbst. Die Damen und Herren müssen an sich und ihren Mustern arbeiten. Das Gebot heißt nicht schneller, weiter, mehr, sondern ruhiger, überlegter, nachhaltiger. Zuerst atmen, dann den-ken, erst daraufhin handeln ist angesagt. Damit kommen wir zur zweiten Maßnahme.
2. Mittelfristig – Reflexionseliten ausbilden
Was wir für die Zukunft brauchen, sind nicht noch mehr Facheliten, die in immer unverständlicherer Sprache immer mehr unverständliche Kunstprodukte erfinden, sondern wir benötigen Menschen, die in der Lage sind, sich selbst und die von Ihnen eingeleiteten Aktivitäten immer wieder zu hinterfragen. Die sich bewusst die Zeit nehmen, zwischen Reiz und Reaktion inne zu halten und in Teams nach gu-ten, wirklich substantiellen Lösungen suchen. Um diese zu erreichen, müssen wir dem System – und damit uns allen – völlig neue Gedanken zumuten. Demut ist das Primat der Stunde.
3. Langfristig geht es darum
- das Wirtschaftsstudium um gesellschaftspolitische, ethische und social entrepreneurship Anteile anzureichern. Und zwar mindestens 50% der Pflichtveranstaltungen.
- Was das Zahlungssystem angeht, müssen wir uns Gedanken zu alternativen Währungssystemen machen: Moderner Tauschhandel und Bartersysteme, sind die Stichworte. Bernard A. Lietaer ist der international renommierteste Fachmann zu dieser Thematik.
- Das wichtigste jedoch ist, dass wir alle eine Diskussion beginnen, ob das Prinzip der Gewinnma-ximierung mit Fokus Wachstum weiterhin uneingeschränkt Gültigkeit hat? Zweistellige Gewinnra-ten jedes Jahr – bitte zeigen Sie mir ein [lebendes] System, das dies über einen längeren Zeitraum ausgehalten hätte? Vorbilder wie Muhammad Yunus [Friedensnobelpreisträger, Grameen Bank, Mikrokredite für die Ärmsten] zeigen uns den Weg in ein neues Wirtschaften, das sowohl erfolgs-orientiert aber gleichsam auch menschenwürdig ist.
Ganz aktuell gefragt: Seit gestern steigen die Kurse wieder – ist die Krise überwunden?
Wenn wir die letzten 30 Minuten vom gleichen gesprochen haben, wissen Sie die Antwort selbst! Oder lassen Sie mich mit Albert Einstein antworten, der anlässlich der Finanzkrise 1929 [Black Friday] formu-lierte: „Die Probleme, die es gegenwärtig in der Welt gibt, sind nicht mit der gleichen Denkweise zu lösen, die jene erzeugt haben.“
Die Fragen stellte Thomas Brackmann







