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Nervensäge des Internets: Carr und die sterbenden IT-Abteilungen

19.09.2008 • 14:14 Uhr • IT, New Media & Software

(openPR) Prophezeiungen des Informatikgurus stoßen auf Widerspruch

Zürich/Berlin - Nicholas G. Carr (nicholasgcarr.com) ist ein Provokateur der Informatik-Szene. Spätestens seit seinem Harvard Business Revue-Essay „IT Doesn't Matter“ vom Mai 2003 ist er einer der bekanntesten Technologie-Kritiker der USA. Er nahm darin den ungebremsten Investitionsboom bei Unternehmensrechnern und Software kritisch unter die Lupe. Seine These: Die Informationstechnologie ist bereits so weit verbreitet, dass sie zur austauschbaren und rasch veralteten Massenware geworden ist. In seinem neuen Werk „The Big Switch“ geht er noch einen Schritt weiter. „Wir erleben derzeit bei der Nutzung von IT-Leistungen den gleichen Wechsel wie einst bei der Umstellung von einer internen Energieversorgung auf die Netzversorgung“, sagt Carr. Unternehmen benötigen nach seiner Ansicht keine eigene IT-Infrastruktur mehr. „Cloud-Computing und SaaS sind der nächste konsequente Schritt als Folge eines immer schneller und leistungsfähigeren Netzes“, so Carr. Als Beispiele führt er vor allem Google, Amazon und Salesforce ins Feld, die er als Trendsetter auf diesem Gebiet einstuft.



„Die Verkäufer von Salesforce haben heute bei den CIOs mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie einst die Verkäufer der Energieversorger mit den ‚Vizepräsidenten für die eigene Energieerzeugung’: Beide fürchten um den Bestand ihrer Erbhöfe“, meint Carr. Die Zahlen würden für sich sprechen. „Das besitzt viele Ähnlichkeiten zur Entwicklung der mechanischen Kraft bis ins 20. Jahrhundert: Das Zeitalter der Wasser- und später der Dampfkraftwerke. Ein Unternehmer, der eine Maschine betreiben wollte, die Muskelkraft ersetzte, musste seine eigene Energiequelle finden. Anfangs waren das private Wasserräder, Dampfturbinen oder Generatoren. Jedes Unternehmen besaß ein eigenes Kraftwerk - das war normal, aber teuer. Es brauchte Experten, um die Kraftwerke in Schwung zu halten, genauso wie große Unternehmen heute ihre Rechenzentren von Fachleuten betreuen lassen. Aus den Kraftwerk-Experten wurde der Notstrom-Generator im Keller“, führt Carr im Interview mit der Zeitschrift „GDI Impuls“ http://www.gdi.ch aus.

Der Wandel setzte mit dem Siegeszug des Wechselstromnetzes um die Jahrhundertwende ein. Plötzlich konnte man Energie in Form von Strom beziehen, den zentrale Kraftwerke lieferten. Das senkte die Kosten drastisch und führte zu einer wahren Explosion an elektrischen Geräten in Unternehmen wie Privathaushalten. „Dank des Stromnetzes mit einigen wenigen, zentralen Kraftwerken konnten die Verheißungen der industriellen Revolution Wirklichkeit werden. Mit zentralen, leistungsstarken Computer-Kraftwerken stehen uns ähnlich weit reichende Umwälzungen ins Haus - in Wirtschaft, Gesellschaft und selbst im Kulturleben. Ökonomen nennen solche bahnbrechenden Erfindungen ‚general purpose technologies’“, weiß Carr. Die Unternehmen müssten lernen umzudenken. Zuerst komme es ihnen vor, als würden sie die Kontrolle über ihre Daten und Rechenprozesse aufgeben, wenn sie Computerdienste übers Netz beziehen. Auf der anderen Seite biete die Zentralisierung erhebliche wirtschaftliche Vorteile: Computer werden von einer teuren Kapitalinvestition zu einer bescheidenen Betriebsausgabe mit Monatsrechnung. Der große Stab an IT-Fachleuten falle weg, die Stromkosten würden sinken und der Bedarf an Immobilien gehe zurück.

In der ITK-Branche stoßen die Szenarien von Carr auf Kritik: „Die Argumentation von Nicholas Carr zugunsten der Konzepte von Cloud Computing und Software-as-a-Services unterscheidet sich in vielen Details nicht von den Argumenten, die viele Jahre für Großrechner angeführt wurden, nun verbunden mit einer Netzversorgungsphilosophie, die neben unbegrenzten Übertragungskapazitäten auch unbegrenzte Rechenkapazitäten verheißt. Nach dem Ende der Großrechnerära wurde in den 90er Jahren von einigen IT-Herstellern das Network-Computing propagiert, wo die einfachen Terminals zwar durch Lite-PCs ersetzt wurden, aber die Applikationen aus dem Netz kommen. Carr modifiziert diesen erfolglosen Ansatz nur insofern, als dass er den bloßen Applikationsbezug durch den Bezug einer Serviceleistung ersetzt“, kontert Andreas Latzel, Deutschlandchef des ITK-Anbieters Aastra http://www.aastra.de

Seine Vergleiche mit der Stromversorgung aus Mega-Kraftwerken sind nach Auffassung von Latzel nicht mehr auf der Höhe der Zeit. „Wegen der Abhängigkeit von den zentralisierten Infrastrukturen und dem Quasi-Monopol gibt es eine Tendenz zur Dezentralisierung. Ähnliches gilt für die Gasversorgung. Zudem unterscheidet sich das gelieferte Produkt, nämlich Computing aus dem Netz, massiv von dem absolut standardisierten Produkt, welches etwa aus dem Stromnetz kommt“, erläutert Latzel. Sodann verkenne Carr, dass es komplett gegenläufige Trends zu großen, mächtigen Computerzentren und damit auch zu Anbietern der Leistungserbringer gibt. „Open Source etwa, wo zunehmend auch viele große Unternehmen auf freier, unter der Open Source Lizenz veröffentlichter Software aufsetzen und diese für ihre Modifikationen und Erweiterungen benutzen. Ob Linux, OpenOffice oder die Mozilla-Anwendungen, es gibt viele gute Gründe für solche Open Source Anwendungen“, meint Latzel. Ein weiteres Argument gegen die Thesen von Carr sei die zunehmende Mobilität. „Es gibt keine unbegrenzte Bandbreite. Selbst in Deutschland, wo UMTS seit vier Jahren kommerziell verfügbar ist, lässt sich selbst mit Bandbreiten nach R99 nicht flächendeckend und in allen Gebäuden arbeiten, von schnelleren Bandbreiten nach HSDPA und LTE ganz zu schweigen. Auch WLAN-Hotspots sind nur begrenzt verfügbar. Somit muss jede Anwendung für die Geschäftswelt auch darauf ausgelegt sein, offline arbeiten zu können. Dazu kommt die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Anwender, für sehr hohe mobile Bandbreiten zu bezahlen, so dass eher Bandbreiten in Frage kommen, die lediglich Anwendungsdaten übertragen, aber nicht eine zentralisierte Rechenleistung unterstützen“, führt Latzel weiter aus.

Nach Meinung von Lupo Pape, Geschäftsführer des Berliner Software-Unternehmens SemanticEdge http://www.semanticedge.de, mutiert der selbsternannte Technologiekritiker Nicholas Carr so langsam zur Nervensäge des Internets: „Seine Prophezeiungen haben die Halbwertzeit einer Eintagsfliege. Seine Thesen über das Aussterben der IT-Abteilungen kann man getrost vergessen und seine kulturkritischen Kommentare über den Niedergang des Geistes in Zeiten der Google-Dominanz sind billiger Populismus. Das erinnert ein wenig an die Sirenengesänge von Johann Gottfried Hocke, der im 18. Jahrhundert die abenteuerliche Leselust der damaligen Zeit kritisierte. Sie verwildere den Geist anstatt ihn zu veredeln. Auch die Eröffnung von Kinos und Stummfilme, so kann man im Reichlichtspielgesetz von 1920 nachlesen, würden die öffentliche Ordnung, Sicherheit und Sitte gefährden. Das Radio sollte angeblich dazu beitragen, den Hörer zum Massenmensch zu degradieren. Die Internet-Analysen von Carr sind genauso närrisch“, sagt Pape. Das Internet der Zukunft werde nicht mehr als unspezifisches Empfehlungsmedium fungieren oder uns mit Informationen überrollen, sondern über virtuelle Assistenten Dinge erledigen, die uns von Alltagsproblemen befreit. Wissen werde dann maßgeschneidert zur Verfügung stehen, so der Ausblick des Sprachdialogexperten Pape.

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