(openPR) Zum Beispiel: „Gedanken zur Revolution“. Ein Kommunikationsprojekt mit diesem Namen wurde vor einem Jahr von den Medienkunst-Studenten Tibor Müller und Stefan Riebel ins Leben gerufen. Um „Part 02“ zu erleben, empfiehlt sich noch bis Ende August ein Besuch in Leipzig, wo sich der ohnehin inflationär gebrauchte Revolutionsbegriff seit 1989 touristisch befriedet. Inmitten abgeplatzter und bunt bekritzelter Ziegelmauern auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig-Plagwitz, dem mit zwölf Galerien angeblich dichtesten Kunstareals Deutschlands, werden in der zentralen „Halle 14“ thematisch orientierte Ausstellungen realisiert. Seit 2006 bespielen auch Künstlerklassen bzw. -gruppen der örtlichen und internationaler Kunsthochschulen eine der auf 1600 m² ausgestreckten Etagen. Also ständig Bewegung - und nun ein künstlerisch-politischer Strapaziergang? Weniger. Eher vernimmt man auf leisen Sohlen ein Flüstern im Sommerwind.
Eine Ausstellung, die sich täglich neu arrangiert
Da exponiert eine Theatergruppe ihre Proben zu einem Stückfindungsprozess, der am Ende zur Aufführung gelangen soll. Hier kann man auf vier Bändern an einem roten Geländer gegen eine Wand laufen – dies umso leichter, je mehr Leute mitgehen. Die Künstlergruppe M&M gibt für ihre Skulptur „Das Solidaritätslied“ folgenden Einsatz: „Vorwärts, denn es gibt nur eine Richtung.“ Die zahlreichen Werke vornehmlich jünger KünstlerInnen präsentieren sich in ständig wechselnden Positionen; große Gemälde, kleine Filme, Schaumstoff und Styropor, Stuck und Samt. Oft der implizierte Hinweis: Beobachtet euch selbst. So spielt der Däne und Wahlwiener Heine Thorhauge Mathiasen mit zwei, am US-amerikanischen Konzeptkünstler Bruce Nauman orientierten Neon-Schriftzügen mit den Sehgewohnheiten: in einem schwarzen Raum glüht auf der Stirnwand links das englische Wort für Leben und rechts steht das Pendant dazu: „deaht“. Der Schreibfehler will etwas vom Pathos des Themas nehmen, es dekonstruieren, das Sagen-Wollen selbst überwinden. Um die Ecke fordert dazu passend eine Installation des Münsteraners Stephan Us, für Nichts zu demonstrieren: Mit dem beistehenden weißen Schild können sich Interessierte im Öffentlichen Raum fotografieren lassen und das Bild an sein “Archiv des Nichts” schicken, wo es dann zusammen mit diversen Bearbeitungen des Themas Nichts aufbewahrt wird. Erstmals hatte der Künstler auf der ersten Biennale Thessalonikis 2007 zum gesichts- und inhaltslosen Demonstrieren aufgerufen – in Leipzig sind die wöchentlichen Montagsdemos vielleicht ein passenderes Ziel dieser Reflektion.
Die beiden Künstlerkuratoren bieten jedenfalls an, sich gegenseitig zu organisieren. Das ist die revolutionäre Kernidee: Nachdem anfangs ein „Grundstock“ vom Projekt aus gelegt wurde, sorgen die Erstgeladenen nun selbst für weitere Gäste, die sie dann auch umsorgen sollten. Das heißt nach dem eigenen Platzieren sollte das Interesse idealerweise bestehen bleiben, so dass alle an der Raumgestaltung mitwirken. Das wirkt auch zurück auf die eigene Position. Sobald eine teilnehmende Person ihre Arbeit installiert und dokumentiert hat, kann sie eine weitere einladen, sich dem Projekt anzuschließen. Die neuen Gäste können dies fortführen und so findet nicht nur jeden Samstag eine Vernissage statt, sondern entwickelt sich das Ausstellungsbild unaufhörlich entsprechend der Kommunikationsfreudigkeit der Teilnehmenden. Auf diese Weise ist das Konzept auch als ein Versuch zu verstehen, Mechanismen institutionalisierter Kunstbetriebsamkeit zu umgehen:
„Mit der Unkontrollierbarkeit dynamischer Prozesse versuchen wir spielerisch den Begriff der Kunstproduktion und ihrer Präsentation aufzugreifen und zu erweitern. Das Aufwerfen grundlegender Fragestellungen, wie etwa nach der kuratorischen Verantwortung gegenüber der eigenen Arbeit und dem Gelingen des gesamten Projektes sowie der tatsächlichen Urheberschaft am eigenen Werk, nimmt für uns dabei eine zentrale Rolle ein.“
Mitmachen können theoretisch alle: Ohne Einsendeschluss werden Bewerbungen im digitalen Archiv gesammelt und vor Ort bilden sich Netzwerke. Fest installiert sind nur die Werkseinstellungen: Ein unveränderliches Regelwerk soll Chancengleichheit und Demokratie sichern. Die projektzugehörige Homepage (www.gedanken-zur-revolution.de) wird in diesen Tagen ständig um neue Gäste ergänzt, die anfänglichen zwanzig Beiträge haben sich mittlerweile mehr als verdoppelt.
Zwischen den rostigen Stahlpfeilern und den eingezogenen weißen Würfelmodulen zum Ausstellen begeben sich Leute auf die Suche nach dem optimalen Platz für ihre Arbeit. Einer spitzt es in einer ambivalenten Performance zu: An seine Wand mit der Aufschrift „Mir doch egal, was zuerst da war“ schmeißt der Leipziger Andreas Miller höchstpersönlich das Ei der Missachtung. Oder die KünstlerInnen wollen tatsächlich das Beste für das Gesamtbild. Dieser Grat wird aber nicht von allen gleich wahrgenommen: Manche laden jemandeN ein und sind selbst nicht anwesend. So wird man mit den Reflexen der Rollenverteilung konfrontiert. Die Initiatoren wünschen sich dann, dass die Möglichkeiten noch intensiver ausgeschöpft und die Beteiligten mündiger handeln würden.
„Uns gefällt alles“
Doch die erwartungsoffene Grundhaltung bleibt. Alles, was passiert, gehört zum Prozess. Und KünstlerInnen sind keine Kuratoren. Vielleicht hat bei „Part 01“ Anfang des Jahres der sehr viel wenigere Platz automatisch für mehr Auseinandersetzungen gesorgt. Die abschließende Anordnung der Werke befriedigte jedenfalls bestmöglich die verschiedenen Ansprüche. Das Projekt kann außerdem von einem nicht von außen zu beeinflussenden Effekt zehren: Nicht selten nehmen die präsentierten Arbeiten Bezug aufeinander. Von Anfang an wurden Materialien geteilt, andere Werke als Reproduktionen integriert oder sogar neu bearbeitet. So lud etwa der Offenburger Stefan Strumbel zwei Künstler der Gruppe Krauts ein, seine Wände umzugestalten, auf denen unter dem schönen Titel „What the fuck is Heimat“ Jagdgeweihe und eine eigens entwickelte Kuckucksuhr im Neonplastik-Stil kontrastreich platziert worden waren. Die Sprayer beließen allein die Kuckucksuhr an ihrem Platz und setzten mit einem zum Gebet erhobenen Schweinehaxenpaar vor einer, dicht mit den Worten Schweinerei oder Sauerei beschrieben Wand einen neuen Akzent im Spannungsfeld von Tradition und gesellschaftlicher Entwicklung.
Auch nach der Halbzeit stehen die Zeichen also weiterhin auf Expansion und es wird nötiger, sich zu arrangieren. So wird auf verschiedenen Ebenen zusammen gearbeitet, um am Ende fertig zu sein: ein gemeinsames Engagement vor Ort und neue Wege entlang der Verflechtungen. Die zeitliche Begrenztheit der keinesfalls letzten Ausstellung dieser Art könnte entschädigt werden, wenn die bunte Vielfalt ihre Autonomie selbst in einem angemessenen Schlussakkord am 29. August über das Gelände erklingen lassen wird.
Öffnungszeiten:
Donnerstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr,
Samstags - open end
Zeitraum: 19.07. bis 29.08. 2008
Vernissagen ab 19 Uhr:
* 16. August 2008
* 23. August 2008
Finissage ab 19 Uhr:
Freitag 29. August 2008


