(openPR) Nur 17 Medaillen in 25 Olympischen Sommerspielen seit der ersten Teilnahme im Jahr 1900 in Paris - Indiens sportliche Bilanz fällt bisher mager aus. Im Gegensatz zu sportbegeisterten Nationen wie China, Russland oder den USA scheinen die Inder kein großes Interesse an sportlichen Höchstleistungen zu zeigen. Obwohl Indien mittlerweile über ein Sechstel der Weltbevölkerung stellt, rechnet auch diesen Sommer niemand mit einem Medaillensegen. Dennoch könnte Indien einer der großen Gewinner der Olympischen Spiele werden.
Die Jahrtausende alten Zivilisationen China und Indien sind auf die Weltbühne zurückgekehrt. Trotz einiger Gemeinsamkeiten – beide Nationen haben mehr als eine Millarde Einwohner und sind mit Nuklearwaffen ausgerüstet – könnten sich die beiden kaum unterschiedlicher präsentieren. China, die kommunistische Diktatur, die dem Westen irgendwie unheimlich ist, und Indien, die Demokratie kolonialer Prägung, die sich als friedlicher und neutraler Partner anbietet.
Das Rennen machten bisher die Chinesen. Sie hatten das höhere Wirtschaftswachstum, ja sie schienen den Westen in Sachen Kapitalismus in dessen eigenem Spiel zu übertrumpfen. Menschenrechtsbedenken wurden zwar immer wieder zu kleinen diplomatischen Stolpersteinen, doch spätestens seit das Internationale Olympische Kommitte die Sommerspiele an China vergab, war klar: China ist als Weltmacht akzeptiert. Sportlich haben schon die Spiele in Athen gezeigt, dass China Amerika ein ebenbürtiger Gegner für die USA sein kann – einige Experten spekulieren gar darauf, dass die Chinesen diesen Sommer zum ersten Mal die Medaillenwertung gewinnen könnten. Indien indessen konnte das hohe Tempo Chinas nicht mitgehen. Zwar glänzte es durch seine Erfolge in der Informationstechnologie - doch während sich in China fast alle wichtigen Unternehmen der Welt kopfüber ins Abenteuer stürzten, dauerte es ein Weilchen, bis Indien nachziehen konnte.
Aus sportlicher Sicht blieb Indien ein Entwicklungsland. Zwar ist Indien zumindest im Kricket Weltklasse. Doch der indische Nationalsport – seit letztem Jahr übrigens auch mit der Profiliga ICL vertreten – ist nicht olympisch und wird bei uns eher belächelt. Die Hockeyspieler, die für einen Großteil der indischen Medaillen verantwortlich zeichnen, sind seit 1980 ohne den ganz großen Erfolg geblieben. Und seit die Schachweltmeisterschaften den Reiz des Kalten Krieges verloren haben, wird auch der indische Schachweltmeister Viswanathan Anand nicht wie einst ein Bobby Fischer oder ein Garry Kasparov wahrgenommen.
Doch nun könnten gerade die Olympischen Spiele Indien einen weiteren Schub geben. Nach den Reaktionen der Weltöffentlichkeit auf die Tibet-Krise, nach den Protesten bei den Fackelläufen und durch deutliche Distanzierungen einer Vielzahl von Sportlern, die als wichtige Werbeträger dienen, ist ganz klar: China ist zu einem PR-Risiko geworden. Das verheerende Erdbeben in der Region Sichuan hat gezeigt, dass China immer noch in einigen Punkten ein Entwicklungsland ist. Die Frage des intellektuellen Eigentums beschäftigt viele große Konzerne. Und die chinesischen Aktivitäten bei der Rohstoffbeschaffung in Afrika lassen ernsthafte diplomatische Verstimmungen befürchten. Kurzum: Ein sicheres Investment sieht anders aus.
Indien wird dagegen von Tag zu Tag attraktiver. Nun hat die Regierung des Finanzexperten Manmohar Singh auch noch ein glaubwürdiges Programm zur Armutsbekämpfung vorgelegt, um das größte Problem – die große Kluft zwischen arm und reich – zu überbrücken. Schon erinnert man sich der etwas in Vergessenheit geratenen Vorteile Indiens: Die englische Sprache ist weit verbreitet, das Rechts- und Finanzsystem geht zu einem großen Teil auf englisches Recht aus der Kolonialzeit zurück, und der Schutz des geistigen Eigentums wird stetig besser;. Vor allem aber: Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat werden großgeschrieben. Dies ist mehr als ein Lippenbekenntnis: Hunderttausende von Nichtregierungsorganisationen und eine relativ freie Presse sorgen dafür, dass eine öffentliche Diskussion stattfindet – und diese findet auch in regelmäßigen freie Wahlen ihren Ausdruck.
Nachdem die China-Faszination ob der geschilderten Probleme einer gewissen Ernüchterung gewichen ist, bietet sich Indien von neuem als Partner an. Und auch, wenn der neue Mitspieler nicht annähernd so viele Medaillen vorzuweisen hat – immerhin scheint er die geltenden Regeln zu kennen und sie befolgen zu wollen. Vielleicht ist dabei sein wirklich alles?










