(openPR) Aufgerüttelt durch die jüngsten Diskussion über die sachgerechte Entsorgung von Altmedikamenten und immer neue Meldungen von Medikamentenrückständen im Trinkwasser und in Lebensmitteln, hat sich im Rheinland jetzt eine Initiative gegründet, die sich für eine Stärkung und den Ausbau der Entsorgung von Altmedikamenten in geschützten Rücknahmesystemen einsetzt. Unter der Internetadresse altmedikamente.com werden aktuelle Vorkommnisse im Bereich der Entsorgung von Altmedikamenten dokumentiert und Bürgern, Bürgerinitiativen und Organisationen eine Plattform geboten, auf der sie sich über Geschehnisse, Hintergründe und Akteure in diesem Bereich austauschen und informieren können. Die Internetseite der Initiative ist seit 01. Mai online.
Die Entsorgung von Altmedikamenten trägt neben der Einleitung von Ausscheidungen in die Kanalisation hauptsächlich zur Belastung von Gewässern und Böden bei.
Für zwei Drittel der Verbraucher ist die Entsorgung von Arzneien über Apotheken grundsätzlich von Bedeutung – aber nur 29 Prozent der Bevölkerung entsorgen ihre alten Medikamente immer über Apotheken. 43 Prozent der Bevölkerung geben zu, nicht immer beim Einwurf auf Trennung von Verpackung und Inhalt zu achten.
Gerade die weit verbreiteten Fehleinwürfe von Arzneimittelverpackung plus alter Restmedikamente in den „Gelben Sack“ bzw. die „Gelbe Tonne“ bedeuten ein besonderes Gefährdungspotential durch Medikamentenrückstände.
Die sichere und zuverlässige Entsorgung von pharmazeutischen Produkten gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer auf Nachhaltigkeit bedachten Entsorgungswirtschaft, da in diesem Bereich besonders schwerwiegende und sensible Gefahren für die Belastung von Böden und Gewässern lauern.
Seit etwa zehn Jahren warnen Berliner Forscher insbesondere vor den Gefährdungen, die durch einen Medikamenten-Cocktail im Trinkwasser ausgehen, der kaum abbaubar ist. Man konnte feststellen, dass Oberflächengewässer, Grund- und Trinkwasser vor allem mit Blutfettsenkern (Clofibrinsäure), Schmerzmitteln und Antirheumatika (Ibuprofen, Diclofenac) angereichert ist. Spitzenwerte von über 1 µg/ l sind bei Gewässeruntersuchungen keine Seltenheit. Neben der Belastung der Trink- und Grundwässer durch die Ausscheidungen des Menschen über die Kanalisation geht man davon aus, dass die unsachgemäße Entsorgung von Arzneimitteln, insbesondere über die Toilette und den Hausmüll, ebenso wesentlich für die Belastung von Gewässern ist. Auch sind Kläranlagen bislang nicht dafür ausgerüstet, schwer biologisch abbaubare Substanzen sowie Spurenstoffe im Nano- oder Mikrogrammbereich je Liter zu entfernen.
Alleine in Deutschland sind rund 3.000 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe in ca. 50.000 Präparaten auf dem Markt, von denen einzelne in Mengen bis zu mehreren hundert Tonnen pro Jahr verabreicht werden. Nach Expertenschätzungen beläuft sich die Menge der entsorgten Medikamente jährlich auf 4.000 bis 7.000 Tonnen, in einigen Quellen ist sogar die Rede von 11.000 bzw. 30.000 Tonnen. Verlässliche Angaben zu den Verbrauchsmengen und Entsorgungsmengen sind nicht zu ermitteln, da eine zentrale Erfassung fehlt.
Der Münchner Merkur berichtet in seinem Artikel: „Hormone aus dem Hahn, Arzneimittel gelangen sogar ins Trinkwasser“ (31.10.2006) über die Dimensionen dieser Gefahr:
„Ein Problem ist zudem die Entsorgung alter Arzneien. Jedes Jahr landen in Deutschland 4000 Tonnen Salben, Tabletten und Zäpfchen im Müll oder in der Toilette. Über das Sickerwasser der Mülldeponien gelangen auch sie in die Umwelt. Die langfristigen Auswirkungen auf Mensch und Tier kennt niemand. Selbst moderne Kläranlagen sind mit den Medikamentenresten überfordert. „Bei den meisten Arzneimitteln ist die Abbauleistung der Kläranlagen schwach“, sagt Dr. Manfred Sengl.
Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) berichtet am 14.11.2006 in dem Beitrag „Arznei im Trinkwasser, erhöhte Werte in Essen und Dortmund“ über den Fund von Röntgenkontrastmitteln im Trinkwasser in Essen und Dortmund. Die Konzentration sei bis zu sieben Mal höher als der Orientierungswert gewesen.
Das Bundesumweltamt empfiehlt bereits im Jahr 2002:
"Medikamentenreste gehören nicht in die Mülltonne oder Toilette, sondern sollten immer in Apotheken zurückgegeben werden, damit sie anschließend als Sondermüll verbrannt werden können.“
Sollte es nun zu einer allgemeinen Empfehlung kommen, dass man Medikamente grundsätzlich mit dem Hausmüll entsorgen kann, so würde dies aufgrund des Verbraucherverhaltens zu schwerwiegenden neuen Gefährdungen für Mensch und Umwelt führen. Jüngst hat man beispielhaft in Düsseldorf festgestellt, dass nach Angaben des Entsorgers Remondis rund 50 Prozent Fehleinwürfe in die „Gelbe Tonne“ in der Stadt Düsseldorf feststellbar sind. Alleine im letzten halben Jahr seien deshalb alleine 500 Abfall-Tonnen in der Stadt nicht geleert worden.
Die unsachgemäße und falsche Entsorgung von Altmedikamenten birgt somit erhebliche Umweltrisiken. Bei der unsachgemäßen Entsorgung über Hausmüll oder Gelbe Tonne besteht ein weiteres Gefahrenpotential für Menschen. So wird in der vergangenen Zeit immer häufiger beobachtet, dass Drogenabhängige den Müll nach Altmedikamenten durchsuchen, um sich Drogen-Cocktails zu mischen. In diese – in einigen Fällen sogar tödlichen Cocktails – werden von Drogenabhängigen die verschiedensten Mittel gemischt, meist sind es Cocktails aus illegalen Suchtmitteln, Medikamenten und Alkohol. Der Zugriff auf Altmedikamente kann durch die Entsorgung in zugriffssicheren Rücknahmesystemen verhindert werden. Durch Einbindung von Apotheken in diese speziellen Rücknahmesysteme kann sichergestellt werden, dass die in der Apotheke zurückgegebenen Medikamente und deren Verpackungen nicht im Hausmüll oder der Gelben Tonne landen. Hierdurch wird des Weiteren der fahrlässige Zugang zu hochgefährlichen Giftstoffen für Kinder verhindert. Im Jahr 2005 wurden in Deutschland über 1.400 Tonnen der 4.000 bis 7.000 Tonnen Altmedikamente durch die speziellen und sicheren Rücknahmesysteme Vfw-REMEDICA und MEDIrecycling® entsorgt; der Rest wird in den Hausmüll geworfen oder die Toilette heruntergespült. Diesen sicheren Rücknahmesystemen sind derzeit über 15.500 Apotheken, was ca. 75% aller Apotheken in Deutschland entspricht, angeschlossen. Des Weiteren nehmen über 2.000 Krankenhäuser, Dialysestationen, Altenheime, Arzt- und Tierpraxen sowie sonstige medizinische Einrichtungen teil. Für das Jahr 2006 wird geschätzt, dass neben der Entsorgung von Altmedikamenten mehr als 1 Milliarde der rund 1,6 Milliarden in den Verkehr gebrachten Verkaufsverpackungen bei diesem sicheren Rücknahmesystem gemeldet werden; dies entspricht rund 800 Tonnen.





