(openPR) New York. 2005. Es ist Mitternacht. Die Kinder schlafen. Sie sitzt am Klavier und schreibt. Texte und Melodien fließen. Sie probiert die Stücke mit ihrer Band aus. Tritt in einem New Yorker Jazzclub auf und ist überrascht von der positiven Resonanz. Als Ergebnis nimmt Ute Lemper eine Platte auf, auf der erstmalig ausschließlich selbstgeschriebene Titel zu finden sind: “Between yesterday and tomorrow“. Und wovon New York begeistert ist, das kann auch für Lübeck nur gut sein. All zu schade, daß lediglich eine halbgefüllte MuK Zeuge dieses grandiosen Tourneeauftaktes wurde!
Der umso mehr an Gewicht gewinnt, da die geplante Deutschlandtour durch Drehtermine stark verkürzt wurde. Zu Beginn wartet ein überraschend altes Publikum geduldig auf die sich kommentarlos fünfzehn Minuten verspätende Künstlerin, der man diese Nachlässigkeit nicht erst am Ende des Konzertes verziehen hat. Die Zeit bis dahin ist gefüllt mit einer Reise durch Chansons und Musicals, vor allem aber durch die Geschichten der Lemper, die sie auf ihrer neuesten CD erzählt.
Wer an diesem Abend einen Querschnitt durch Cabaret und Chansons erwartet hatte, muß enttäuscht sein. Dafür - und das umso unerwarteter - wird manchem Jazzfreund, der sich in das Konzert verirrte, das Herz deutlich höher geschlagen haben. Was Ute Lemper am Montag mit ihrer Band darbot, war zuallererst Jazz vom Feinsten! Lediglich ihre Artikulation will zum Teil nicht so recht zur Musik passen, ist sie doch hörbar im Chanson zu Hause. So erschließt sich dem Konzertbesucher hin und wieder erst mit dem zweiten oder dritten Satz, welcher Sprache der Weltstar sich gerade bedient, klingt alles doch ein wenig französisch angehaucht. Ihre Band jedoch versteht es, alle Register einer professionellen Jazz-Band zu ziehen und begeistert durch offenkundige Spielfreude und Spontaneität. Besonderes Bonbon dieser Tournee ist kein Geringerer als Nils Wülker, Trompetenstar der jungen deutschen Jazz-Szene, mit dem die Lemper grandiose Duette improvisiert. Hier arbeiten Könner spontan und auf höchstem Niveau miteinander. Bedauerlich nur, daß Wülker so selten zum Einsatz kommt und man ihn auf der erwähnten CD lediglich ein einziges Mal entdecken wird.
Thematisch zieht sich der Genuss des Augenblicks durch den Abend, was dem Zuhörer angesichts der hinreißenden Show kaum schwerfällt. Die Lemper erzählt Geschichten, nicht zuletzt auch durch Klassiker, mit denen sie dann doch die Erwartungen ihres Stammpublikums erfüllt: die Lola darf nicht fehlen, Edith Piaf und Marlene Dietrich finden Erwähnung und musikalische Würdigung und schließlich regnet es rote Rosen. Auch ein Rundumschlag in die derzeitige Damenwelt der Politik wird im charmanten Plauderton untergebracht, in dessen Mittelpunkt eine rote Federboa steht. Ute Lemper weiß zu unterhalten und sie versteht es, ihr Publikum um den Finger zu wickeln. So flirtet sie schamlos auf Französisch mit „dem Herrn mit der roten Krawatte“ in der zweiten Reihe, dessen Ehefrau ein wenig nervös geworden sein mag. Oder sie reicht dem Herrn in der ersten Reihe das Mikrofon, um beeindruckt zu sein davon, wie gut sein Mackie Messer gepfiffen klingt („Pfeifen Sie zu Hause immer so schön?“). Und selbst das eine oder andere eingestreute „Ähm“ wirkt bei ihr noch professionell, sympathisch und gekonnt.
Lübeck hatte einen Weltstar zu Gast und all zu wenige haben sich diesen Genuss gegönnt. Schade, Lübeck, schade!











