(openPR) Betritt man die zweite Etage des ehemaligen Jesuitenkollegs, hat man zunächst die Qual der Wahl: Links Paramente, rechts ausgewählte Kleider vom 18. Jahrhundert bis in unsere Tage. Wer sich für die erst im Jahre 2006 neu gestaltete Präsentation der Paramente entscheidet, erhält zunächst eine Einführung in die Thematik. So erfahren die Besucher beispielsweise Näheres über die Symbolik der Farben. Begriffserklärungen zur liturgischen Kleidung sowie zu Stick- und Webetechniken erleichtern das Verstehen und schärfen den Blick für Details. Eine Altarinszenierung gleich zu Beginn verdeutlicht den Besuchern anschaulich den Gebrauch liturgischer Gewänder und Textilien. Messutensilien, Reliquienpyramiden, Leuchter auf dem Altar sowie ein besticktes Antependium sind imposant in Szene gesetzt.
Auch liturgische Gewänder unterliegen modischen Trends
In den folgenden Räumen wird deutlich, dass auch liturgische Gewänder nicht frei von modischen Entwicklungen waren. So weist beispielsweise die rosafarbene Bassgeige von 1750 die für diese Jahre typische Musterung in Form von Spitzenbändern und Blumenranken auf, die auch bei Damenroben "en vogue" war. Mit dem Aufkommen des Jugendstils änderte sich dann auch die Form und Dekoration der liturgischen Gewänder – geschwungene Linien und flächenhaft florale Ornamente sowie die Rückbesinnung auf die Formen gotischer Messgewänder kennzeichnen jetzt die Paramente. Zu den besonderen Stücken der Schau zählt sicherlich eine Stola, die anlässlich des Besuchs Papst Johannes Pauls II in Lorch an der Enns im Jahre 1988 eigens für ihn angefertigt wurde.
Kleidung und Zeitgeist
Wer sich nun dem nördlichen Teil des Traktes zuwendet, kann im Flur eine kleine, aber feine "Geschichte der Mode" bestaunen. Den Auftakt bildet ein zweiteiliges Seidenkleid gefolgt von der Mode des Biedermeiers, den locker geschnittenen Reformkleidern sowie den Tanzkleidern aus den zwanziger Jahren bis hin zu Kreationen unserer Tage.
Kaiserin Sisi Kundin bei Worth
Zu den Glanzstücken der Modesammlung zählt ein schwarzes Cape von Charles Frederick Worth (1825-1895), denn der gebürtige Engländer gilt als Begründer der Haute Couture. Er war der erste, der mehrmals jährlich Modellkreationen in Modeschauen vorstellte. Viele seiner Kundinnen – darunter auch die österreichische Kaiserin Sisi – nahmen eine lange Anreise nach Paris in Kauf, um sich von ihm einkleiden zu lassen. Worth revolutionierte mit seiner Art der Kleiderproduktion die Modeindustrie und wurde als erster Modeschöpfer mehr als Künstler denn als Handwerker angesehen.
Luxusartikel Spitze und Fächer
Zwei Accessoires kommen besondere Aufmerksamkeit zu: den Spitzen und Fächern. Für Klöppel-, Tüll-, Bändchen- und Occhispitzen wurden je nach Qualität richtige Vermögen ausgegeben. Faltfächer hingegen waren eines der wichtigsten und raffiniertesten Modeaccessoires, die im Dienste weiblicher Koketterie im 18. Jahrhundert für die Damen unentbehrlich wurden. So konnte eine Dame ihrem Liebsten mit einem geschlossenen Fächer an der linken Wange signalisieren "ich liebe dich".
15.000 Objekte im Sammlungsbestand
Das Textilmuseum wurde 1986 eröffnet, um die etwa 15.000 Objekte, die Prof. Hilda Sandtner zusammengetragen hatte, der Öffentlichkeit zu präsentieren. Aufgrund der Fülle der Gegenstände und aus konservatischen Gründen kann immer nur eine Auswahl gezeigt werden.
Das Museum ist täglich außer Montag von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen werden nach Voranmeldung angeboten. Das Textilmuseum befindet sich im ehemaligen Jesuitenkolleg, Hermelestraße 4. Das gesamte Haus ist behindertengerecht zugängig, der Eintritt kostet 2,50 Euro.
Textilmuseum Mindelheim
Hermelestraße 4
87719 Mindelheim
Tel. 08261 69 64
Internet www.mindelheimer-museen.de












