(openPR) Für die Bedienung, Wartung und Instandsetzung der Waffensysteme der Bundeswehr besteht die Notwendigkeit, in ausreichendem Umfang über Beschreibende Dokumentation und Ersatzteilkataloge (zusammen als Publikationen bezeichnet) verfügen. Die Technik der Systeme wird komplexer und schnelllebiger, Papier kann sowohl vom Umfang wie auch vom Änderungszyklus keinen adäquaten Lösungsbeitrag mehr leisten. Mit den internationalen, auch zivil genutzten Spezifikationen ASD / AIA S1000D und ASD S2000M wurde die Grundlage zur elektronischen Aufbereitung und Nutzung der Publikationen geschaffen. Einflüsse auf bisherige nationale Verfahren sind natürlich gegeben und zu berücksichtigen.
Beide Spezifikationen sind Schnittstellenfestlegungen, die über die Definition von Datenelementen, deren Inhalte, den Beziehungen untereinander und die elektronischen Übertragungsformate einen Datenaustausch zwischen Partnern ermöglichen. Auch grundlegende Prozesse und Dokumenttypen sind festgelegt. Partner im Sinne eines Austausches können Leistungsketten in der Industrie (Zulieferer bis Generalunternehmer) aber auch Auftragnehmer und öffentlicher Auftraggeber sein. Viele Prozessbeteiligte finden sich, abhängig von der Projektrolle, sowohl in der Position eines Auftraggebers wie auch in der eines Auftragnehmers wieder.
Die Spezifikationen sind relativ komplex: Beginnend mit der Festlegung eines tragfähigen Dokumentationskonzeptes bis zum Ausliefern der fertigen Publikationen, gelegentlich bestehend aus mehreren tausend Datenmodulen, ist technisch anspruchsvolle Arbeit zu verrichten, die viel Know-how und Erfahrung voraussetzt. Zur Verarbeitung und Darstellung der üblicherweise anfallenden Datenmengen müssen entsprechend mächtige Tools verwendet werden. Am Markt ist derzeit eine gewisse Auswahl an kommerziellen Tools verfügbar, die sowohl die Auftragnehmerrolle wie auch die Auftraggeberrolle ordentlich unterstützen.
Näher betrachtet werden soll in diesem Beitrag die Schnittstelle und Arbeitsteilung zwischen Auftragnehmer und öffentlichem Auftraggeber – also der Bundeswehr – bei der Erzeugung und Nutzung von Publikationen.
Die Arbeitsteilung zwischen diesen Partnern entspricht grundsätzlich der jeder Wehrmaterialbeschaffung: Der Auftragnehmer produziert und der Auftraggeber prüft und nutzt. In diesem Sinne werden auch die Tools eingesetzt: Auftragnehmerseitig steht die Erzeugung der Daten im Vordergrund, bundeswehrseitig werden die Daten mitgeprüft und später durch die Truppe genutzt. Beide Seiten verbindet der spezifikationskonforme Datenaustausch. Doch wie sehen die einzelnen Entstehungsschritte aus?
Nachdem das zukünftige Materialerhaltungskonzept eines Waffensystems festgelegt wurde, werden durch die Industrie alle Ersatzteile bestimmt, die zur Wartung und Instandsetzung erforderlich sind. Mit dem Katalogisierungssystem der Bundeswehr (N-CORE), in dem identifizierende und versorgungsrelevante Stammdaten aller aktuell verfügbaren Ersatzteile gespeichert sind, wird abgeglichen, ob schon NATO-Versorgungsnummern für die neu ausgewählten Teile verfügbar sind. Vorhandene Daten werden über den Rücklauf automatisch in die Datenbestände eingearbeitet, und bei unbekannten Teilen wird eine Katalogisierung beantragt. Die Industrie liefert dazu alle notwendigen Unterlagen an das Logistikamt der Bundeswehr
Alle definierten Ersatzteile werden strukturiert und mit den notwendigen logistischen Daten versehen in einer Ersatzteilurliste (ETU) zusammengestellt. Diese wird der Bundeswehr zur Prüfung übergeben. Nach Einarbeitung der bundeswehrseitig übermittelten Prüfbemerkungen erfolgt in gemeinsamen Besprechungen eine endgültige Festlegung der Ersatzteile und der von der Bundeswehr zu beschaffenden Bevorratungsmengen. Diese endgültige Version (Master-ETU) wird im S2000D-Format an das Materialbewirtschaftungssystem übergeben, und von dort wird die Ersatzteilbeschaffung eingeleitet. Parallel werden als Extrakt aus den ETU-Daten unter Hinzufügen von Illustrationen auftragnehmerseitig Ersatzteilkatalogdatenmodule erzeugt, in das S1000D-Redaktionssystem übertragen und stehen dort für die Einbindung und Auslieferung in Publikationen bereit.
Basierend auf dem Materialerhaltungskonzept werden weitgehend zeitgleich zur Ersatzteilurlistenerstellung die Datenmodule der Beschreibenden Dokumentation von dem Auftragnehmer redaktionell erzeugt. Industrieintern qualitätsgesicherte Datenmodule werden an die Bundeswehr übergeben, dort geprüft und gegebenenfalls kommentiert. Nach Einarbeitung notwendiger Änderungen durch die Industrie erfolgt die endgültige Freigabe durch die Bundeswehr. An diesem Punkt wird auch geprüft, ob die Verlinkung zwischen den Datenmodulen, die inzwischen zu Publikationen zusammengestellt wurden, fehlerfrei funktioniert. Unter Verlinkung versteht man das Herstellen von Sprungverbindungen zwischen Datenmodulen, die inhaltliche Bezüge haben.
Zur Anzeige der fertigen Publikationen wird bei der Bundeswehr weitgehend das bundeswehreigene Retrievalsystem mit der Bezeichnung IETP-X-Bw (Interactive Electronical Technical Publication – XML oriented) verwendet. Neben der Möglichkeit der Darstellung der Datenmodulinhalte über spezielle Stylesheets bietet dieses System eine Vielzahl von Unterstützungsfunktionen für den Nutzer, der erst hierdurch die Vorteile der elektronischen Dokumentation und die teilweise ungeheurer große Informationsmasse erschließen kann. Vergleichbare Möglichkeiten bieten auch andere Retrival-Systeme. Beispielhaft sind hier zu nennen: Suchfunktionen für Schlagworte, Bestellfunktionen für Ersatzteile und die Vorauswahl bestimmter Waffensystemkonfigurationsstände zur Anzeige. Weitere Funktionen wie intelligente Schaltplananzeige/Signalverfolgungsfunktionen (z.B. im Artillerieführungssystem ADLER II), Arbeitsauftragszusammenstellungen mit Ressourcenanalyse und Materialbedarfsauswertungen (QuILS Retrieval), eine RFID Erfassungsschnittstelle mit Transponderschreib- und -lesezugriff (etwa beim Gleitfallschirm-Managementsystem und ADLER II) , die Elektronische Lebenslaufakte (beim Gleitfallschirm-Managementsystem) oder eine DVU/VTT-Schnittstelle zur Bearbeitung von Instandsetzungsaufträgen, zur Unterstützung von vorbeugenden Wartungsarbeiten und zum Auslesen und Beschreiben von elektronischen Typenschildern (bei mehreren Heeressystemen) sind verfügbar. Dabei werden die Bediener und Instandsetzer durch zunehmend intelligente Funktionalitäten bei der Retrieval Software und durch die verwendete XML-Technologie weitgehend in ihrer Arbeit unterstützt.
Verstärkt kaufen die Nutzer Lizenzen von am Markt verfügbaren Produkten statt selbst Eigenentwicklungen von Redaktions- und Prüfsystemen zu veranlassen. Die Kostenvorteile sind erheblich: So erwarben etwa die Niederländischen Streitkräfte bei der Einführung verschiedener Waffensystempublikationen (z.B. Leopard, Boxer) Lizenzen von etablierten Produkten – etwa der.ESG-Tools N-CORE (ACodP-1), APART (S2000M) und QuILS (S1000D). Die deutschen Streitkräfte setzten bisher komplett auf Eigenentwicklungen und haben zu einem früheren Zeitpunkt für die gleichen Waffensysteme eigene Lösungen entwickelt. Mittlerweile ist N-CORE bei der Bundeswehr im Einsatz. Lizenzen für die Tools QuILS und APART wurden ebenfalls erworben.
Autoren: Dipl.-Ing. (FH) Walter Scharlau, Projektleiter IETP-Tools bei der ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH, und A.M. Hoffmann, Materialorganisation der Niederländischen Streitkräfte
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