(openPR) Hamburg, 12. März 2026 – Ein Fall, der die Aufsichtsratswelt elektrisiert: Beim Berliner FinTech N26 soll ein prominenter Kontrolleur seine Mandate reduzieren, um sich einem einzigen Institut intensiver zu widmen. Was lange als Auszeichnung galt – viele Sitze in vielen Gremien – bekommt plötzlich einen anderen Klang. Aus Prestige wird Problem. Aus Netzwerk wird Risiko.
Es ist ein Paradigmenwechsel.
Jahrzehntelang galt der Vielmandatsträger als graue Eminenz der deutschen Wirtschaft. Wer in fünf, sechs oder mehr Aufsichtsräten saß, signalisierte Einfluss, Erfahrung, Marktkenntnis. Doch die Zeiten, in denen sich Kontrollfunktion zwischen Dinnertermin und Quartalsmeeting erledigen ließ, sind vorbei.
„Der Wirtschaftsstandort Deutschland kann sich Aufsicht im Nebenberuf nicht mehr leisten“, sagt Dr. Viktoria Kickinger, Geschäftsführerin der Directors Academy und selbst Aufsichtsrätin. „Regulierung, Digitalisierung, Cyberrisiken, ESG, geopolitische Spannungen – das alles verlangt Tiefe. Wer mehrere Mandate parallel führt, stößt zwangsläufig an zeitliche und kognitive Grenzen.“
Der Begriff, der international längst kursiert, heißt: Overboarding. Große Investoren und Stimmrechtsberater setzen faktische Obergrenzen. Wer zu viele Mandate trägt, riskiert Gegenstimmen bei der Wahl. Besonders kritisch wird es, wenn Vorsitzrollen oder operative Vorstandsämter hinzukommen. Das Signal ist eindeutig: Konzentration statt Sammlung.
Die Finanzaufsicht, Investoren und Proxy Advisors sprechen inzwischen mit einer Stimme. Verantwortung braucht Zeit. Und Zeit ist endlich.
Für viele Unternehmen bedeutet das ein Umdenken. Aufsicht ist kein Ehrenamt mit Reputationsbonus mehr, sondern ein komplexes, haftungsintensives Steuerungsorgan. In Banken kommen regulatorische Sonderanforderungen hinzu, in Industrieunternehmen Transformationsdruck, in Familienunternehmen Nachfolge- und Governancefragen. Die Erwartung an Aufsichtsräte hat sich vervielfacht – ihre Mandatszahl sollte es nicht.
Doch der Wandel hat eine zweite, überraschende Seite.
„In Deutschland gibt es eine große Zahl hochqualifizierter Führungskräfte, die gezielt für Aufsichtsratsarbeit ausgebildet sind und bislang kaum zum Zug kamen“, so Kickinger. „Wenn weniger Mandate gehortet werden, öffnen sich Räume. Das erhöht die Chance, für jedes einzelne Mandat den bestmöglichen fachlichen und persönlichen Fit zu finden.“
Was wie ein Verlust an Glanz erscheinen mag, könnte sich als Qualitätsgewinn entpuppen. Weniger Namen pro Person, dafür mehr Verantwortung pro Mandat. Weniger Symbolik, mehr Substanz.
Die deutsche Aufsichtskultur steht damit vor einer Zäsur. Die Frage ist nicht mehr, wie viele Mandate jemand tragen kann. Sondern wie viel Verantwortung ein einzelnes Mandat heute tatsächlich verlangt.


Directors Academy ist das einzige digitale Portal zur Aus- und Fortbildung von Aufsichtsratsmitgliedern. Die didaktisch aufbereitete Online-Weiterbildung, die auch als Nachschlagewerk dient, ist in vier Versionen verfügbar: Für Kapitalgesellschaften, Familienunternehmen, Finan-zinstitute oder für Unternehmen der öffentlichen Hand. 










