openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Verwandtschaft als Waffe

05.03.202616:10 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Verwandtschaft als Waffe

(openPR) Während der bewaffneten Konflikte in Lateinamerika setzten staatliche Streitkräfte, Rebellen und Paramilitärs systematisch Massaker, Folter, Entführungen und gezielte Tötungen ein, um soziale Strukturen zu zerstören. Die Comisión para el Esclarecimiento de la Verdad, la Convivencia y la No Repetición - CEV (Kommission zur Aufklärung der Wahrheit, des Zusammenlebens und der Nichtwiederholung) kam zu dem Schluss, dass alle bewaffneten Gruppen im Land Morde und Entführungen als bewusste Taktik einsetzen, um die Gewalt über die unmittelbaren Opfer hinaus auszudehnen, ganze Familien und Gemeinschaften zu destabilisieren und ihre territoriale und wirtschaftliche Kontrolle zu festigen. Dies ist der Schwerpunkt einer neuen Studie über den bewaffneten Konflikt in Kolumbien, die von Enrique Acosta vom Centre d'Estudis Demogràfics (CED), Diego Alburez-Gutierrez vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR), María Garguilo von der London School of Hygiene and Tropical Medicine sowie Catalina Torres von der Universidad de la República in Montevideo, Uruguay, geleitet wird. „Wir haben uns gefragt, wie viele Menschen Familienangehörige im Krieg verloren haben und wie lange dieser Schmerz in der Gesellschaft noch anhalten wird”, erklärt Diego Alburez-Gutierrez.

„Ausgehend von der Erkenntnis, dass Trauer als Mittel der Terrorisierung eingesetzt wurde, haben wir das Ausmaß des Leids und der Gewalt untersucht, das die Täter der kolumbianischen Bevölkerung durch mehr als 740.000 Morde und Verschleppungen während der gewalttätigsten Phase des Konflikts strategisch zugefügt haben”, sagt Enrique Acosta. „Die Bewertung der Häufigkeit und der demografischen Zusammensetzung der durch den Konflikt hinterbliebenen Bevölkerung ist von entscheidender Bedeutung, da sie massive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Überlebenden, ihre wirtschaftliche und emotionale Unterstützung sowie die Herausforderungen für den Aufbau von Versöhnung und Erinnerung hat“, so der Forscher.

Nicht nur die Todesopfer zählen – Fokus auf die Überlebenden von Gewalt
Die Forschenden stellen eine neue Methode vor, um die menschlichen Kosten von bewaffneten Konflikten und Gewalt zu verstehen. Sie verlagern den Fokus von der Zählung der Toten auf die Zählung der Hinterbliebenen, also der Menschen, die den Konflikt überlebt haben, aber aufgrund des Krieges ein oder mehrere Familienmitglieder verloren haben. Dies ist das erste Mal, dass demografische Verwandtschaftsmodelle verwendet wurden, um die Belastung der Bevölkerung durch den Verlust von Angehörigen aufgrund bewaffneter Konflikte zu quantifizieren. Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler*innen Todesfälle und gewaltsame Entführungen im Zusammenhang mit dem bewaffneten Konflikt in Kolumbien. Sie verwendeten Aufzeichnungen über Todesfälle und vermisste Personen und kombinierten diese mit langfristigen demografischen Daten. So konnten sie die Zahl der Menschen schätzen, die im Konflikt Angehörige verloren haben. Die Daten zur Sterblichkeit und zu gewaltsamen Verschleppungen stammen aus einem überarbeiteten Datensatz der kolumbianischen Wahrheitskommission und decken den Zeitraum von 1985 bis 2018 ab. In der Analyse wurden sie mit demografischen Daten aus den Weltbevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen, der lateinamerikanischen Mortalitätsdatenbank und dem kolumbianischen Statistikamt DANE kombiniert.

Vier von zehn Kolumbianer*innenn verloren im Konflikt einen Familienangehörigen
„Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien hat aufgrund des Verlusts von Familienangehörigen enorme und lang anhaltende Belastungen verursacht“, erklärt Diego Alburez-Gutierrez. Bis 2018 hatten etwa 7,5 Prozent der Kolumbianer*innen einen nahen Verwandten (Kernfamilie) verloren und fast 40 Prozent hatten mindestens ein Familienmitglied durch konfliktbedingte Morde oder Verschleppungen verloren. „Jeder gewaltsame Tod oder jedes Verschwinden verursacht Trauer bei vielen Angehörigen – im Durchschnitt bei etwa fünf nahen Verwandten und mehr als dreißig, wenn man die erweiterte Familie mit einbezieht. Die sozialen Auswirkungen von Gewalt werden durch Verwandtschaftsnetzwerke um ein Vielfaches verstärkt“, sagt der Forscher. Frauen sind etwa 20 Prozent häufiger von Trauerfällen betroffen als Männer, was die geschlechtsspezifische Natur der Sterblichkeit in Kriegszeiten widerspiegelt.

Die Forschenden gehen davon aus, dass ihre Ergebnisse die tatsächliche Belastung durch Trauerfälle unterschätzen, da aufgrund der begrenzten Datenlage der Verlust von Partnern und Ehepartnern nicht berücksichtigt wurde.

Die Studie zeigt, wie lang und schwer der Schatten ist, den Gewalt auf die Bevölkerung wirft. Enrique Acosta: „Selbst im optimistischsten Szenario, wenn wir davon ausgingen, dass seit 2018 keine Gewalttaten mehr begangen wurden, zeigen unsere Prognosen, dass die demografischen Spuren der Trauerfälle bis zum Jahr 2080 sichtbar sein werden. Die Auswirkungen des Krieges werden über Generationen hinweg zu spüren sein. Die Ergebnisse zeigen deutlich, wie Gewalt Familienstrukturen zerstört, den sozialen Zusammenhalt schwächt und Ungleichheit verfestigt.“ Der Wiederaufbau von Verwandtschafts- und Gemeinschaftsbeziehungen ist ein wesentlicher Bestandteil der Versöhnung und der Verhinderung neuer Konflikte. Damit das geschehen kann, muss Trauer jedoch als Folge des Krieges auf der Bevölkerungsebene anerkannt werden.

Diego Alburez-Gutierrez (MPIDR) und Enrique Acosta (CED) haben mehrere Studien zur Demografie bewaffneter Konflikte und Kriege veröffentlicht. Sie haben unter anderem untersucht, welche Auswirkungen eine wachsende Zahl von Trauernden auf Gemeinschaften hat und wie lange die Trauer in vom Krieg zerrütteten Gesellschaften andauert. Zudem waren sie an der im November 2025 veröffentlichten Studie beteiligt, in der die Zahl der Todesopfer und die Lebenserwartung in Gaza berechnet wurden.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Diego Alburez-Gutierrez, Leitung der Forschungsgruppe Verwandtschaftsungleichheiten am MPIDR
E-Mail

Enrique Acosta, Wissenschaftler am CED – Centre d’Estudies Demogràfics
E-Mail

Originalpublikation:
Enrique Acosta, Diego Alburez-Gutiérrez, Maria Gargiulo, and Catalina Torres: Weaponizing Kinship: A Demographic Analysis of Bereavement in the Colombian Conflict in Population and Development Review (2026), DOI: 10.1111/padr.70048

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1305841
 277

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Verwandtschaft als Waffe“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Bild: Wie Eichen ihre Fressfeinde austricksenBild: Wie Eichen ihre Fressfeinde austricksen
Wie Eichen ihre Fressfeinde austricksen
Frühling im Wald: Viele Insekten, vor allem Raupen, schlüpfen genau dann, wenn die nährstoffreichen Blätter der Bäume noch jung und weich sind. So finden sie einen reich gedeckten Tisch und können direkt mit dem Fressen anfangen. Werden Eichen in einem Jahr stark von Raupen befallen, reagieren sie darauf im folgenden Frühjahr: Sie verzögern dann ihren Blattaustrieb um drei Tage. Für die Raupen ist das ungünstig. Sie stehen nach dem Schlüpfen wortwörtlich vor leeren Tellern, weil die Eichenblätter noch fest in den Knospen verborgen sind. Die…
Ministerpräsident Kretschmann: „Wissenschaft ist zentral für das Funktionieren einer freien Gesellschaft“
Ministerpräsident Kretschmann: „Wissenschaft ist zentral für das Funktionieren einer freien Gesellschaft“
Winfried Kretschmann, MINISTERPRÄSIDENT „Die Wissenschaft ist eine wichtige Instanz der Wahrhaftigkeit, sie ist zentral für das Funktionieren einer freien Gesellschaft. Forschende müssen heute ihre Erkenntnisse aktiv verbreiten, um gegen Desinformation und Propaganda zu bestehen. Hier geht es um Selbstbehauptung im öffentlichen Raum: Gerade angesichts zunehmender populistischer Vereinfachung braucht es eine sachliche und sprachliche Klarheit, die alle Menschen erreicht. Um in den Debatten verstanden zu werden, muss Wissenschaft verständlich …

Das könnte Sie auch interessieren:

Keine Strafverschärfung wegen fehlender Waffen-Eigenschaft eines PKW
Keine Strafverschärfung wegen fehlender Waffen-Eigenschaft eines PKW
Ein Pkw ist keine Waffe im Sinne des Strafgesetzbuches. Mit dieser Feststellung gab jetzt das Bundesverfassungsgericht einem Mann recht, der wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte mit einer Waffe zu acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Er hatte eine Polizeikontrolle verhindern wollen, indem er sein Fahrzeug mit Vollgas rückwärts …
Bild: Miao Dao lernen in BeijingBild: Miao Dao lernen in Beijing
Miao Dao lernen in Beijing
Das Miao Dao (der Kornblattsäbel) kombiniert die typischen Eigenschaften der Waffen Säbel, Schwert und Speer aus der traditionellen chinesischen Kampfkunst. Geführt wird das Mia Dao mit einer oder zwei Händen und es ist nicht schwer zu erkennen, warum diese vielseitige Waffe auf dem Schachtfeld als konkurrenzlos galt. Wenn es um Wildheit geht, dann gibt …
Bild: Sci-Fi-Roman: Clumb - das unendliche Universum im Nichts (eBook & Taschenbuch)Bild: Sci-Fi-Roman: Clumb - das unendliche Universum im Nichts (eBook & Taschenbuch)
Sci-Fi-Roman: Clumb - das unendliche Universum im Nichts (eBook & Taschenbuch)
… durch die Zeit? Reisen durch die Dimensionen? Alles Schnee von gestern! Achtung: Spoiler! Was Sven und Savina zunächst als fragwürdiges Konzept erscheint, entpuppt sich bald als mächtige Waffe einer noch mächtigeren Spezies. Eine Waffe, mit der sie vorgeben, die Welt retten zu wollen. Eine Waffe, mit der jeder und alles kontrolliert werden kann. Eine …
Bild: Neuerscheinungsaktion: SciFi-Roman Clumb jetzt als englische, italienische und spanische Ausgabe erschienenBild: Neuerscheinungsaktion: SciFi-Roman Clumb jetzt als englische, italienische und spanische Ausgabe erschienen
Neuerscheinungsaktion: SciFi-Roman Clumb jetzt als englische, italienische und spanische Ausgabe erschienen
… durch die Zeit? Reisen durch die Dimensionen? Alles Schnee von gestern! Achtung: Spoiler! Was Sven und Savina zunächst als fragwürdiges Konzept erscheint, entpuppt sich bald als mächtige Waffe einer noch mächtigeren Spezies. Eine Waffe, mit der sie vorgeben, die Welt retten zu wollen. Eine Waffe, mit der jeder und alles kontrolliert werden kann. Eine …
Recht als Waffe – Politische Justiz als Instrument der Herrschaftssicherung
Recht als Waffe – Politische Justiz als Instrument der Herrschaftssicherung
… Schauprozesse zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 Berlin, 6.06.2014. Politische Schauprozesse als Instrument der Herrschaftssicherung und Propaganda sind Thema der Podiumsdiskussion „Recht als Waffe“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am 12. Juni – rund 60 Jahre, nachdem das Oberste Gericht der DDR vier vermeintliche „Rädelsführer“ …
Bild: DANA LORENZ - FotoausstellungBild: DANA LORENZ - Fotoausstellung
DANA LORENZ - Fotoausstellung
Am 15. März 2008 eröffnet Dana Lorenz um 19 Uhr ihre Fotoausstellung "Pistolenschießen: 256 Punkte, Waffe: Taurus, Kaliber: 38 Spezial, Platz: 1" @ VLASAKcontemporary in der Brunnenstraße/Demminer Straße im Wedding. Die Fotoserie "Sportschütze" entstand zwischen Juni und Dezember 2007. Dana Lorenz (*1984, Berlin) recherchierte und fotografierte für diese …
Bild: Elektronischer Datenaustausch im deutschen WaffenhandelBild: Elektronischer Datenaustausch im deutschen Waffenhandel
Elektronischer Datenaustausch im deutschen Waffenhandel
Zum 1.9.2020 treten neue Meldepflichten für alle deutschen Hersteller und Händler von Jagd- und Sportwaffen in Kraft. Ziel der Meldungen ist die komplette Dokumentation des Lebenszyklus einer Waffe von der Herstellung bzw. des Imports bis zur endgültigen Vernichtung oder zum Export. Der Importeur / Hersteller muss dazu für jede einzelne Waffe eine Herstellungs- …
Bild: Halloween-Kostüm führte zur VerhaftungBild: Halloween-Kostüm führte zur Verhaftung
Halloween-Kostüm führte zur Verhaftung
… Halloween beschlagnahmten Mainzer Polizisten ein Vorderladegewehr, das ein kostümierter Mann durch die Innenstadt trug. Der 26-jährige aus Chemnitz gab an, dass die ungeladene Waffe zu seiner Verkleidung gehöre. Die Waffe wurde sichergestellt und eine Strafanzeige wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz gefertigt. Dieser Vorfall ist kein Einzelfall. …
Bild: Fälschungssicheres EU-Waffenzertifikat dringend notwendigBild: Fälschungssicheres EU-Waffenzertifikat dringend notwendig
Fälschungssicheres EU-Waffenzertifikat dringend notwendig
Ich begrüße das Bemühen der Europäischen Gemeinschaft, ein einheitliches Waffenrecht zu schaffen, so Bodo Ramelow. Der stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE erklärt: Waffen sind weder Spielzeug, Gebrauchsgegenstand noch allgemeines Verbrauchsmaterial. Deshalb ist es konsequent, endlich alle Daten über eine Waffe zu speichern und aufzubewahren. DIE …
Sie lesen gerade: Verwandtschaft als Waffe