openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Jenseits von Mendel: Forschende fordern ein neues Verständnis der Genetik

18.02.202608:48 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: Jenseits von Mendel: Forschende fordern ein neues Verständnis der Genetik

(openPR) Auf den Punkt:
• Viele Merkmale und Krankheitsrisiken entstehen nicht durch „ein Gen – ein Merkmal“, sondern durch das Zusammenspiel sehr vieler genetischer Varianten.
• Klassische Ein-Gen-Modelle erklären die beobachtete Variation von Individuen oft nicht – besonders, wenn Umwelt und genetischer Hintergrund mitwirken.
• Die internationale Autorengruppe fordert neue experimentelle Paradigmen und passende Infrastrukturen, etwa großskalige, automatisierte Phänotypisierung und systematische Studien unter Berücksichtigung der Umweltvariation.

Seit über hundert Jahren prägt die Mendelsche Genetik unser Bild von Vererbung: Ein Gen, ein Merkmal. Ein Modell, das in vielen Lehrbüchern bis heute nachhallt – und das zugleich immer häufiger an seine Grenzen stößt. In einem Perspektivenartikel, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Genetics“, fordert eine internationale Autorengruppe führender Genetiker und Evolutionsbiologen deshalb ein grundlegendes Umdenken: Weg von der Suche nach einzelnen, klar abgegrenzten Genwirkungen – hin zu experimentellen Ansätzen, die genetische Komplexität nicht als Störfaktor behandeln, sondern als Ausgangspunkt.

Die zentrale These: Die Mehrzahl biologischer Merkmale – von Körperformen über physiologische Funktionen bis hin zu Krankheitsrisiken – entsteht aus dem Zusammenspiel sehr vieler Gene. Die Effekte einzelner Varianten sind dabei meist klein, häufig kontextabhängig und werden stark durch Umweltbedingungen sowie den genetischen Hintergrund eines Individuums beeinflusst. Übereinstimmende Befunde aus quantitativer Genetik, Evolutionsbiologie und Züchtungsforschung sprechen, so die Autorinnen und Autoren, eine klare Sprache: Einfache Ein-Gen-Modelle reichen nicht aus, um den gesamten Phänotyp und die Variation zwischen Individuen zu erklären.

„Die klassische Genetik hat enorme Erfolge erzielt, wenn es darum ging, einzelne Gene mit klaren Funktionen zu identifizieren“, sagt Diethard Tautz, einer der Autoren des Artikels. „Doch mit dem bisherigen Herangehen ist es nicht gelungen, den Phänotyp, also die Eigenschaften von Individuen als Ganzes im Kontext ihrer Umwelt, zu erklären.“

Besonders deutlich wird das inzwischen auch in der medizinischen Forschung. Viele weit verbreitete Krankheiten werden durch eine sehr große Zahl genetischer Varianten beeinflusst. Jede einzelne Variante trägt nur minimal zum Risiko bei – in Kombination und im Zusammenwirken mit Umweltbedingungen können diese Effekte jedoch erheblich sein. Der Perspektivenartikel ordnet diese Entwicklung historisch ein: Im 20. Jahrhundert konzentrierte sich die experimentelle Genetik bewusst auf klar definierte Einzeleffekte in standardisierten genetischen Systemen. Dieser Ansatz war außerordentlich erfolgreich, wenn es um die Aufklärung molekularer Mechanismen ging. Für das Verständnis individueller Variation, evolutiver Anpassung und komplexer Krankheitsbilder aber stößt er, so das Argument, an grundlegende Grenzen.

Vor diesem Hintergrund plädiert die Autorengruppe für eine systematische Weiterentwicklung der experimentellen Genetik. Künftige Forschungsansätze sollten natürliche genetische Variation explizit einbeziehen, evolutionäre Prozesse berücksichtigen und genetische Effekte nicht isoliert, sondern auf Systemebene und im Umweltkontext untersuchen. Vorgeschlagen werden unter anderem parallele Selektionsexperimente, genomweite Analysen unter kontrollierten Umweltveränderungen sowie die Auswertung natürlicher Anpassungsprozesse in Wildpopulationen.

Ein zentraler Punkt ist dabei die Infrastrukturfrage. Wer polygene Merkmalsarchitekturen verstehen will, braucht Daten – und zwar in einer Größenordnung, die klassische Laborsetups schnell überfordert. Notwendig seien großskalige, automatisierte Phänotypisierungsverfahren, ermöglicht durch eine enge Verzahnung von Biologie, Ingenieurwissenschaften und datengetriebener Modellierung.

Der Artikel endet mit einem klaren Plädoyer: Genetische Komplexität solle nicht länger reduziert oder ausgeblendet werden. Stattdessen müsse sie experimentell zugänglich gemacht werden – als Voraussetzung, um evolutionäre Prozesse ebenso wie die biologische Grundlage komplexer Merkmale und Erkrankungen künftig besser zu verstehen.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Diethard Tautz
Emeritiertes wissenschaftliches Mitglied
Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

Originalpublikation:
Tautz et al. (2026): Beyond Mendel: a call to revisit the genotype–phenotype map through new experimental paradigms, Genetics Vol. 232, doi: https://doi.org/10.1093/genetics/iyag024

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1304190
 1

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Jenseits von Mendel: Forschende fordern ein neues Verständnis der Genetik“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Bild: Wirtschaft unter Druck: Ländliche Räume besonders betroffenBild: Wirtschaft unter Druck: Ländliche Räume besonders betroffen
Wirtschaft unter Druck: Ländliche Räume besonders betroffen
Braunschweig (18. Februar 2026). Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland verläuft derzeit nur schleppend. Nach zwei Jahren der Rezession wuchs die Wirtschaft 2025 lediglich um magere 0,2 Prozent. Das zeigen aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes. Besonders betroffen ist die Industrie. Gründe sind etwa der technologische Wandel, Veränderungen auf den Weltmärkten und hohe Energiepreise. Die Branche steht unter einem erheblichen Transformationsdruck und baut Arbeitsplätze ab. Aktuelle Auswertungen des Thünen-Instituts für Innovatio…
Bild: KI zieht die NotbremseBild: KI zieht die Notbremse
KI zieht die Notbremse
Informatiker der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg haben ein KI-Verfahren entwickelt, das wetter- und umweltbedingte Störungen in Sensordaten autonomer Fahrzeuge zuverlässig erkennt und im Zweifel eine sichere Reaktion wie das Anhalten auslöst. Damit adressiert das vom Bund geförderte Forschungsprojekt AULA-KI entwickelte System ein Kernproblem automatisierter Mobilität: Fahrzeuge müssen nicht nur ihre Umgebung erfassen, sondern auch erkennen, wann ihre eigenen Messdaten nicht mehr verlässlich sind. „Autonome Fahrzeuge geraten bei Rege…
18.02.2026
08:48

Das könnte Sie auch interessieren:

Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina zeichnet exzellente Wissenschaftler aus
Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina zeichnet exzellente Wissenschaftler aus
… Zellbiologie in diesem Jahr an Prof. Dr. Anthony Hyman, Dresden, vergeben. Mendel-Medaille: Zeichnet Pionierleistungen auf dem Gebiet der allgemeinen und molekularen Biologie oder Genetik aus und wird in diesem Jahr an Prof. Dr. Peter Hegemann, Berlin, vergeben. Leopoldina-Preis für junge Wissenschaftler: Zeichnet bemerkenswerte Leistungen von jungen …
Die Heilslehre der Genetik
Die Heilslehre der Genetik
… noch. Die Realität sieht laut Gräber ganz anders aus: Es ist noch nicht einmal geklärt, wie viele Gene der Mensch tatsächlich hat! Von einem tatsächlichen Verständnis über die Funktionsweise und die wechselseitigen Beeinflussungen ganz zu schweigen! Dazu kommt, dass Krankheiten selbst bei der vollständigen Entschlüsselung des Genoms noch längst nicht …
M. Papapol: Faschistoide Tendenzen in der SPD – Verdinglichung des Sozialen – Leibsoziologie
M. Papapol: Faschistoide Tendenzen in der SPD – Verdinglichung des Sozialen – Leibsoziologie
… aufwachsen (Elternhaus, Schule, kultureller Hinter-grund usw.). Die Integration als soziale Fähigkeit mit der Genetik erklären zu wollen, ist ein anthropologisches Missverständnis. Solche genetischen Interpretationen bewegen sich im Bereich des Sozialdarwinismus. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat in seinen leibsoziologischen Untersuchungen …
Neues Biotech-Unternehmen Ornamental Bioscience entscheidet sich für Stuttgart
Neues Biotech-Unternehmen Ornamental Bioscience entscheidet sich für Stuttgart
… Inc. ist im kalifornischen Hayward ansässig und gilt als Wegbereiter der Anwendung von "functional genomics" - Erforschung eindeutiger Gen-Funktionsbeziehungen zum Verständnis molekularer, biochemischer und physiologischer Abläufe - bei der Untersuchung von Pflanzengenen. Mendel nutzt so genannte Schaltergene, die viele Aspekte des Pflanzenwachstums …
Bild: Lena Funcke von der Uni Bonn mit Heinz Maier-Leibnitz-Preis ausgezeichnet Bild: Lena Funcke von der Uni Bonn mit Heinz Maier-Leibnitz-Preis ausgezeichnet
Lena Funcke von der Uni Bonn mit Heinz Maier-Leibnitz-Preis ausgezeichnet
… theoretischer Physik, Mathematik und Informatik sind von großer Bedeutung für die Entwicklung neuer Modelle jenseits des Standardmodells der Teilchenphysik und sie tragen zu einem neuen Verständnis der fundamentalen Prozesse des Universums bei“, sagt Prof. Dr. Dr. h. c. Michael Hoch, Rektor der Universität Bonn. „Es ist großartig, dass die Forschungsarbeit …
Bild: Symposium: Eine Frage des Geschlechts? Bild: Symposium: Eine Frage des Geschlechts?
Symposium: Eine Frage des Geschlechts?
Einfluss auf Gesundheit und ErnährungsverhaltenNicht nur wenn es ums Essen geht, unterscheiden sich die Geschlechter. In der Gendermedizin haben Forschende in den letzten 20 Jahren Erstaunliches entdeckt: Genetik, Hormone, Erkrankungen – Frauen und Männer sind nicht gleich. Expert:innen beleuchten psychologische und soziokulturelle Faktoren, Rollenbilder …
Gregor Mendel Stiftung verleiht Innovationspreis an Andreas Sentker
Gregor Mendel Stiftung verleiht Innovationspreis an Andreas Sentker
… Forschungsziele zu verwirklichen", erläuterte die Wissenschaftlerin. Die Anwendung der Forschungsergebnisse sei ein weiterer entscheidender Faktor: "Auch wenn das primäre Ziel der akademischen Forschung das Verständnis der Biologie der Pflanze und ihrer Umwelt ist, stellt sich dem Forscher doch ständig die Frage nach der Nutzung seiner Ergebnisse. Auch regt …
Sie lesen gerade: Jenseits von Mendel: Forschende fordern ein neues Verständnis der Genetik