(openPR) 1001 Nacht in Rostock - Marlis Stiene lebt Orientalischen Tanz
Was wir heute als Bauchtanz kennen, stammt aus der arabisch-islamischen Welt und hat seit jeher eine große Faszination auf durchreisende Fremde ausgeübt. Verwunschene Lyrik, Feuer und ein endlos wechselndes Kaleidoskop sinnlicher Bewegungen machen ihn und die Frau, die ihn tanzt, zu einer einzigartigen Verlockung. Hinter dem Hotel Sonne biege ich in den Parkplatz ein. Hier ist das Parken nur Anwohnern und genau bezeichneten Gästen gestattet. Ich will es trotzdem riskieren, denn hinter der großen Glasfassade, vor der sich der Parkplatz befindet, soll ich heute in der Tanzfabrik Grundkenntnisse im Orientalischen Tanz erwerben. Ich bin eingeladen von Marlis Stine. „Komm doch in meinen Schnupperkurs. Aber bring dicke Socken mit.“ Durch die großen Scheiben sehe ich bereits einige der anderen Teilnehmerinnen. Im Eingangsbereich ist es eiskalt. Den Saal selbst erwärmt mit Getöse ein riesiger Heizlüfter. Marlis verteilt Hüfttücher und drückt auch mir eins in die Hand. Sie sind mit Metallplättchen bestickt und klingeln fröhlich, wenn man sich bewegt. Für die orientalische Atmosphäre sorgt die Musik, ein Räucherstäbchen auf dem kleinen Tisch, um denn alle stehen, und der heiße Tee. Zehn Frauen sind gekommen, um den urweiblichsten aller Tänze kennenzulernen. Jüngere um die Zwanzig sind ebenso vertreten wie die Älteren, die ihre Kinder schon großgezogen haben. Um Bauchtanz zu machen, braucht man keine Modellfigur. Man muss nichts mitbringen als seine Weiblichkeit und ein bisschen Gespür für Musik. Wir bauen uns im Kreis vor der Spiegelwand auf und stellen uns vor - mit unserem Vornamen und einem spontan ausgedachten lustigen Fantasienachnamen. So ist das Eis erst einmal gebrochen. Marlis Stine (33) könnte leicht als die Sheherazade aus Tausend und eine Nacht durchgehen, so authentisch wirkt sie in ihren Bewegungen. Und doch ist sie eine Rostockerin, die sich in der östlichen Altstadt zu Hause fühlt. Ihr beruflicher Werdegang ist exotisch. In den Wirren der Wendezeit lernte sie Schlosser und machte ihr Fachabitur in Metalltechnik mit dem Ziel Ingenieurpädagogik. Doch eines Tages beim Spaziergang überfiel sie der zwingende Gedanke: „Ich müsste mal meine Hüften bewegen.“
Erste Anleitung erhielt sie im Umgang mit dem Hula-Reifen in einem gastierenden Zirkus. „Die arbeiteten da mit schweren Metallreifen“, erzählt sie und schaudert. „Kannst du dir vorstellen, was man da für blaue Flecke kriegt?“ Dann entdeckte Marlis in der Volkshochschule den Bauchtanzkurs von Eliska Böttcher Havlasova, einer für das klassische Ballett ausgebildeten Tänzerin. „Das war genau das, was ich gesucht hatte.“ Sie hielt dem Kurs lange die Treue, obgleich sie ihm rasch entwuchs. Parallel nahm sie Privatstunden und besuchte Kurse in Lübeck, Hamburg und Berlin. Finanziert hat sie ihre Leidenschaft mit Taxifahren und Pizzaaustragen. Es dauerte nicht lange, und Marlis Stine war die „Bauchtanzikone“ von Rostock. Mit dazu beigetragen haben ohne Zweifel die Bauchtanz-Shows, die sie seit 1996 – da war sie gerade mal 22 Jahre alt – Jahr um Jahr organisierte. Sie buchte den Saal des Warnemünder Kurhauses, stemmte alleine die Finanzierung, organisierte sich ein knappes Dutzend Tänzer und Trommler, sorgte für einen bunten Basar im Foyer und hatte im mit 500 Zuschauern ausverkauften Haus ihren ersten Auftritt. Ein Bombenerfolg!
Parallel zu all ihren tänzerischen Aktivitäten studierte Marlis Stine Erziehungswissenschaften und machte 2000 ihren Abschluss mit der Note eins. Sobald sie das Gefühl hatte, den Orientalischen Tanz zu meistern, fing sie selbst an zu unterrichten. Der Bedarf in Rostock war groß, und so hatte sie zeitweise sechs Kurse gleichzeitig. Inzwischen beschränkt sie sich auf zwei Kurse, die immer ausgebucht sind, gelegentliche Workshops, Privatunterricht und Auftritte in jedem nur erdenklichen Rahmen. „Im Orientalischen Tanz“, erklärt Marlis uns Schnupperkursteilnehmerinnen, „macht man die gleichen Bewegungen, wie wir sie aus unseren Tänzen kennen. Nur bewegt man jede Körperpartie für sich.“ Sie bietet uns eine kurze Demonstration, kreist mit den Hüften, schüttelt die Brust, macht Schlangenbewegungen mit Armen und Hals. Sie nimmt das Koordinatensystem zu Hilfe, um uns zu erklären, welche Hüftbewegungen es gibt und wie wir sie durchführen sollen. Nach einigem Üben mit und ohne Musik probieren wir Mondkreis, liegende Acht und Afrokreis. Die Münzen an unseren Hüfttüchern untermalen die Musik mit leisem Klirren. „Ihr wollt einen attraktiven Mann anlocken, ihm zeigen, was ihr habt“, doziert sie, während wir mit Hüftschwüngen beschäftigt sind. Dann erhalten wir einen Überblick über die Bewegungsmöglichkeiten des Oberkörpers und der Arme. Im Anschluss zeigt Marlis uns den Shimmy – dieses aufreizende Vibrieren, dass im Orientalischen Tanz mit Hüften oder Schultern erzeugt wird. Rings um mich sehe ich nur fröhliche, ja ausgelassene Frauengesichter. Wir alle haben Spaß an diesen urweiblichen Bewegungen und fühlen uns von der Vorstellung angeregt, welches Entzücken wir damit bei unseren Liebsten auslösen können. Nach einer kurzen Halbzeitpause übt Marlis mit uns eine kleine Schrittkombination ein, bei der wir auch die typischen Seidenschleier durch die Luft schwingen. Dann tanzen wir sie zur Musik und merken rasch, warum die Bezeichnung Bauchtanz irreführend ist: es ist keineswegs nur der Bauch, der hier in Bewegung gerät. Vielmehr werden sogar alle Körperpartien gleichermaßen angesprochen, was den Orientalischen Tanz zu einem großartigen Fitnessprogramm macht. Viel zu schnell sind die anberaumten zwei Stunden vorüber. Zum Abschluss bekommen wir noch eine kleine Tanzdarbietung von Marlis. Was sie da zeigt, sieht verlockend, authentisch und hocherotisch aus. Ein Gedicht der Liebe, das Worte nicht ausdrücken können.
Diane Winkler
Disy









