(openPR) In den 1990er Jahren erlangten Theorien des Cyberfeminismus unter Künstler*innen große Beachtung. Aufbauend auf Donna Haraways Cyborg Manifesto wurde der Begriff Cyberfeminismus vor allem durch das australische Kollektiv VNS Matrix und ihr Cyberfeminist Manifesto for the 21st Century popularisiert. Cyberfeminismus gilt als wichtiger Baustein dessen, was in den 90ern als Third Wave Feminism bekannt wurde. Immer mehr Frauen begannen, Computer und das Internet zu nutzen, die damals noch weitgehend als Männerdomänen galten.
Theoretisch und politisch unterstützt von dieser aufkeimenden Bewegung und selbst mit einem technischen Hintergrund - einem B.S. in Product Design Engineering in Stanford (1979) und einem M.S. in Mechanical Engineering am M.I.T. (1983) - wandte sich Tamiko Thiel nach Abschluss ihres Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in München 1991 der Medienkunst zu. Der Kunstverein Wolfsburg ist die einzige Institution, die in den vergangenen Jahren alle drei ihrer bahnbrechenden frühen Virtual-Reality-Installationen in den Gruppenausstellungen Non-Stop (2005), Next Level (2006) und Reconstructed Zone (2009) zeigte.
In der Einzelausstellung Diverse Realities versammelt die amerikanische Künstlerin japanisch-deutscher Abstammung nun Werke aus allen Jahrzehnten ihrer künstlerischen Laufbahn, von ihrer ersten Videoarbeit 1991 bis hin zu ihren jüngsten Virtual-Reality-Produktionen, darunter auch einige größere Arbeiten, die in Zusammenarbeit mit Kolleg*innen entstanden sind. Die Präsentation erhält damit einen retrospektiven Charakter.
Ein Aspekt, der alle Arbeiten in Diverse Realities verbindet, ist der der Transformation. Die von Thiel geschaffenen digitalen Welten sind nicht nur verspielte, fantastische Landschaften, sondern finden ihren Ursprung in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlich wichtigen Themen; als Reaktion auf historische politische Ereignisse oder kritische ökologische Entwicklungen. Die Möglichkeit zu Interaktion oder Partizipation werden zu Recht als zentrale Potentiale programmierter Kunstwerke angesehen. So konfrontiert Thiels Arbeit Lend Me Your Face! (2020, mit /p) die Ausstellungsbesucher*innen mit Deep Fakes des eigenen Gesichts, das mittels Neural Network an „driving videos“ prominenter Persönlichkeiten angeglichen wird - und offenbart damit die Anfälligkeit digitaler Medien für Manipulation, die eigene Verletzbarkeit.
Für Unexpected Growth (2018, mit /p) taucht die Künstlerin das Wolfsburger Schloss in Augmented Reality unter Wasser und umgibt es mit einem bunten Korallenriff - aus virtuellem Plastikmüll. Diese ortsspezifische Transformation ist nicht nur als Großprojektion in der Ausstellung zu sehen, sondern für alle Nutzer*innen auf dem eigenen Smartphone oder Tablet im umliegenden Schlossgarten erlebbar. Für Tamiko Thiel ist die Berliner Mauer, der historisch bedeutendste Eingriff in eine Metropole und das Symbol der militarisierten Grenze des Kalten Krieges, die Deutschland in Ost und West teilte, ein politisches Ereignis, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Die Berliner Mauer wird in ihrer VR-Arbeit Virtuelle Mauer/ReConstructing the Wall (2008, T+T - Tamiko Thiel und Teresa Reuter) erlebbar.
Mit Werken wie diesen zählt Tamiko Thiel heute zu den herausragendsten zeitgenössischen Künstler*innen, die gesellschaftsrelevante Themen mit innovativen Formen der digitalen Kunst verbinden.
Parallel zu Diverse Realities präsentiert die regionale Videoplattform Wobstories anlässlich ihres 15jährigen Jubiläums eine Zusammenstellung von Eigenproduktionen mit Fokus auf regionale Kunstinstitutionen und Künstler*innen im Raum für Freunde des Kunstverein Wolfsburg. Neben einem Querschnitt des Programms über die Jahre hinweg kann in der Ausstellung Artstories by Wobstories auch der Wechsel der verschiedenen Aufnahmeformate bestaunt werden.
Beide Ausstellungen werden in einer gemeinsamen Vernissage mit der Städtischen Galerie Wolfsburg im Gartensaal des Schloss Wolfsburg eröffnet.
Eröffnung: 02.09.2022 18 h
Laufzeit: 03.09-06.11.2022
Die Ausstellung Diverse Realities findet als Kooperationsprojekt und im Kontext der globalen Überblicks-Schau Empowerment des Kunstmuseum Wolfsburg statt. Sie wird freundlicherweise gefördert von der Stiftung Niedersachsen, dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der Stadt Wolfsburg.
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