(openPR) Der Wunsch der Hohenrother wurde erfüllt: Der Einzug der ersten 23 Betreuten der Dorfgemeinschaft erfolgt in das neue Zentrum zum 1. Juni
Hohenroth, 1. Juni 2021 - Zwei Jahre nach der Grundsteinlegung ist das Haus für Menschen mit erhöhtem Hilfebedarf nach Zeitplan fertiggestellt worden.
Am 17. Mai 2019 sang die Hausgemeinschaft Schade unter Gitarrenbegleitung von Hausmutter Franziska Schade „Komm, bau ein Haus, das uns beschützt“. Mit Nachdruck hatten die Hohenrother*innen auch durch das Lied selbst den Wunsch formuliert, ebenso im Alter in Hohenroth wohnen bleiben zu dürfen. Der Anlass war damals die Grundsteinlegung des neuen Zentrums. Zwei Jahre später ist der Wunsch der Betreuten Wirklichkeit geworden: das neue Zentrum eröffnet am 1. Juni 2021 die Türen für die ersten 23 Bewohner*innen mit erhöhtem Hilfebedarf. Die Eröffnungsfeier muss leider verschoben werden und soll im darauffolgenden Sommer 2022 ganz groß gefeiert werden. Die Gesamtplatzzahl der Einrichtung bleibt bei 162 stationären Plätzen. Gefördert wird dieses Projekt durch den Bezirk Unterfranken, den Freistaat Bayern und die Aktion Mensch. Zwei Drittel der Bewohner*innen leben seit mehr als 20 Jahren in ihrer Wahlheimat Hohenroth. Dementsprechend steigt die Anzahl an Menschen mit höherem Hilfebedarf, durch nachlassende Arbeitsfähigkeit und dem Bedürfnis nach entschleunigten Tagesabläufen. Das Hauselternmodell ist jedoch nicht auf den erhöhten Hilfebedarf ausgelegt und die derzeitigen Häuser nicht barrierefrei zugänglich sind. Als im Jahr 2011 Die „Villa Adelmann“ in Burgsinn eröffnet wurde, war ein großer Schritt in Richtung würdiges Leben im Alter für die Personen mit Assistenzbedarf getan. Über zehn Jahre hinweg wurden die Hohenrother Senioren dort von einem überaus engagierten Team bestens umsorgt. Doch bald wurde klar, dass das Haus für die Hohenrother Bedürfnisse zu klein und die Entfernung nach Hohenroth zu weit ist. Die Bewohner*innen der Dorfgemeinschaft sind stark verwurzelt mit ihrer Wahlheimat. Freunde, Partner und Bezugspersonen leben hier. Mit dem Einzug in das Zentrum können die Hohenrother über das Erreichen des Rentenalters hinaus in der Dorfgemeinschaft bleiben und werden - wenn möglich - bis ans Lebensende versorgt und begleitet. „Wenn diese Bewohner*innen Hohenroth verlassen müssten, wäre das wie das Entwurzeln eines Baumes. Sie würden ihre Freunde verlieren, ihre Heimat und vielleicht auch ihre Identität, “ bestätigt Mario Kölbl, Einrichtungsleiter der Dorfgemeinschaft. Dass dieser Neubau möglich wird –fernab von universitär gedachter Pädagogik - zeugt von dem Grundgedanken der SOS-Familie: Familie und Bindung - und dies lebenslang.
Das Leistungsangebot umfasst den Wechsel von Assistenz, Körperpflege, Therapie, Förderung und Freizeitaktivitäten. Ein Gefühl des „Gebraucht Werdens“ wird durch sinnhafte Tätigkeiten vermittelt. Die geistigen und körperlichen Fähigkeiten werden gemäß den individuellen Möglichkeiten gefördert bzw. erhalten. Der Alltag ist geprägt von der bewussten Gestaltung der Dinge des täglichen Lebens (z. B. Ankleiden, Körperpflege, Ernährung und Essenszubereitung, Wohnraum in Ordnung halten) und dem Bewusstsein, dass Hohenrother mit höherem Hilfebedarf mehr Zeit brauchen, um ihr Leben weiterhin möglichst eigenständig und selbstbestimmt führen zu können. Hinzu kommen Kontaktpflege und Freizeitaktivitäten innerhalb der Dorfgemeinschaft und der Region sowie das Gestalten und Mitfeiern von jahreszeitlichen Festen und Veranstaltungen. Wählbar sind außerdem Bildungsangebote in verschiedenen Epochen, Spaziergänge, Englischkurse oder Kerzen ziehen in der integrierten Kerzenwerkstatt. Für besonders entspannte Momente sorgt ein Snoezelenwagen: Mit sanftem Licht, schönen Farbeffekten und angenehmen Dufteffekten dürfen die Bewohner*innen Geschichten mit Klangerlebnis anhören, und dadurch seelische Harmonisierung erfahren.
Am Nachmittag können Menschen, die nicht im Neubau leben, die Angebote der Tagesstruktur mitnutzen, wenn sie den Abläufen in den Werkstätten nicht mehr im vollen Umfang gewachsen sind. Im Neubau entstehen auch neue Arbeitsfelder wie die Versorgerküche für jüngere Hohenrother aus den regulären Hausgemeinschaften. All diese Möglichkeiten tragen dazu bei, dass die Bewohner*innen der Wohngruppen trotz eines erhöhten Hilfebedarfes weiterhin ein aktiver Teil der Gemeinschaft und Gesellschaft sind, der Kontakt zu ihren Freunden, Partner*innen und Bezugspersonen bestehen bleibt und sie weiterhin in ihrer Heimat Hohenroth leben können. Auch können die Bewohner*innen der Wohngruppen nach Wunsch und Fähigkeit weiterhin zeitweise in ihrem bisherigen Arbeitsbereich mitarbeiten und die Werkstätten selbständig aufsuchen. Darüber hinaus bietet die räumliche Nähe ausdifferenzierter Angebote innerhalb der Dorfgemeinschaft vielfältige Möglichkeiten zum Austausch unter den Personen mit Assistenzbedarf und Mitarbeitenden und ermöglicht flexible, bedarfsorientierte Übergänge zwischen den Angebotsbereichen. Bei der Planung des Neubaus wurden die Hohenrother immer wieder miteinbezogen. „Auf Wunsch der Hohenrother wurde so ein Gemeinschaftsbalkon statt einzelner Zimmerbalkone angebaut“, bestätigt Birgit Grimm, Teamleiterin des Zentrums. „Besonders auf ein eigenes Bad und das schöne neue Haus freuen sich die Bewohner*innen“, so Grimm.
Die Wochenenden und Feiertage verbringen die Menschen im Wohnbereich und haben die Möglichkeit, besondere Freizeitangebote wahrzunehmen. Für Tagesausflüge in der Region, für Einkäufe im nahen Gemünden und für Besuche von kulturellen Veranstaltungen steht ein rollstuhlgerechter Kleinbus zur Verfügung. Die medizinische Versorgung erfolgt ortsnah durch die niedergelassenen Haus- und Fachärzte. Ebenso kommen externe Therapeuten aller Fachrichtungen (z. B. Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie) zu Hausbesuchen in die Dorfgemeinschaft und nutzen die Räumlichkeiten im Neubau. Der Neubau ist ein integrierter Bestandteil des dörflichen Lebens und die Personen mit höherem Hilfebedarf sind sowohl mit den anderen Dorfbewohner*innen als auch den Menschen ohne Behinderung aus dem Sozialraum vernetzt. Durch die vorhandene Infrastruktur (Bahn, Bus und Fahrdienste) ist die Anbindung in den Sozialraum sichergestellt.
Der Neubau ist auf Wunsch der Hohenrother in der Mitte der Dorfgemeinschaft Hohenroth angesiedelt. Durch die zentrale Lage ist gewährleistet, dass die Bewohner*innen der Wohnstätte am öffentlichen Leben in der Dorfgemeinschaft teilhaben und sich aktiv einbringen können. Alle Bildungs-, Förder- und Freizeitangebote (z. B. Internetgruppe, therapeutisches Reiten, Theater, Chorsingen) der Gesamteinrichtung sind so nutzbar. Auch die Teilnahme an Exkursionen und Ausflügen oder die Möglichkeit, im Bewohnerrat mitzuwirken, ist dadurch erleichtert. Café, Naturkostladen, Werkstätten und der Festsaal können selbstständig besucht werden.
Trotz der Einhaltung aller vorgegebenen Richtlinien soll dennoch kein „Heim-Charakter“ entstehen. Die Personen mit Assistenzbedarf können ihr Umfeld entsprechend ihrer persönlichen Vorstellungen gestalten, dadurch kann die für Hohenroth typische familiäre Atmosphäre aufrechterhalten werden. Das Zentrum ist kein Pflegeheim, da Intensivpflege durch die Angestellten der Dorfgemeinschaft nicht leistbar wäre. Multiprofessionelle Teams aus Heilerziehungspflegern und pädagogischen Kräften aus dem bisherigen Personal werden sich um die Betreuten kümmern, nur wenige Neueinstellungen sind geplant.
Die Planung des Neubaus erfolgte durch das Architekturbüro Stahl & Lehrmann aus Würzburg. Als besonders sticht das Farbkonzept hervor, jede Wohngruppe verfügt über einen eigenen Farbbereich zur Orientierung. Die hellen Farben strahlen eine heimelige Wohlfühlatmosphäre aus. In dem neuen zweistöckigen Gebäude mit 2550 Quadratmeter Fläche finden zwei Wohnbereiche mit je zwölf Einzelzimmern und mehrere Räume zur Tagesstruktur Platz. Alle Bewohner*innen leben in barrierefreien Einzelzimmern mit eigenem Sanitärraum. Die Zimmer verfügen über eine Grundausstattung und können individuell mit eigenen Möbeln eingerichtet und gestaltet werden. Vier der zwölf Zimmer je Wohngruppe sind rollstuhlgerecht. In jeder Wohngruppe besteht die Möglichkeit, bei Bedarf Paarwohnen in zwei verbundenen Einzelzimmern anzubieten. In allen Bewohnerzimmern sind ein Telefon- und TV-Anschluss, Internetzugang sowie eine Rufanlage vorgesehen.
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Joachim (78), ältester Bewohner Hohenroths, Marietta (74) und Robbie (67), der mit am längsten in Hohenroth lebt, erzählen zum bevorstehenden Einzug von ihren Erwartungen und Bedenken. Joachim und Marietta leben seit zehn Jahren in der Villa Adelmann in Burgsinn. Robbie wohnt seit vierzig Jahren in der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth mit seinen Hauseltern und anderen Bewohner*innen mit kognitiver Einschränkung in einer Hausgemeinschaft.
Was bereitet Ihnen Freude, wenn Sie an den bevorstehenden Einzug in den Neubau denken?
Robbie: Mir ist es wichtig, dass ich mich weiterhin in Hohenroth frei und selbstständig bewegen kann. Ich laufe gerne und viel mit meinem Rollwagen und spaziere durch das Dorf. Am liebsten würde ich noch eines der Go-Karts hier fahren. Die Nähe zum Laden gefällt mir, ich bestelle mir meine Laugenstangen vor, die sind schön groß. Ich muss auch nicht mehr weg. Hohenroth ist mein Zuhause.
Joachim: Hier in der Villa ist es für mich wie im Urlaub, ich fühle mich sehr wohl. Die familiäre und persönliche Atmosphäre ist mir sehr wichtig, vor allem das Zusammenleben mit den anderen. Ich hoffe, dass es im Zentrum ähnlich wird und ich dort so Altwerden kann wie in der Villa. Auch freue ich mich darauf, die anderen Hohenrother wieder zu sehen und täglich besuchen zu können.
Marietta: Ein bisschen Bauchkribbeln habe ich schon. Vor allem aber freue ich mich darauf, bei den Veranstaltungen wieder mit dabei sein zu können, mitten in Hohenroth. Hier in der Villa waren wir schon etwas abgeschnitten. Auch über die wegfallenden Busfahrten nach Hohenroth bin ich erleichtert. Toll ist es, einfach zum Café spazieren zu können und dabei die Dorfatmosphäre genießen zu können.
Joachim: Genau darauf freue ich mich auch, und wieder bei allem mitmachen zu dürfen. Töpfern wäre schön, auch wandern oder an einem Lesekreis teilzunehmen. Ein eigenes Bad ist Luxus. Die Schwächeren haben auch die Möglichkeit, Kontakt nach außen zu halten durch die fließenden Übergänge zum Park beispielsweise.
Haben Sie Pläne für die Zeit im Zentrum?
Joachim: Nach zehn Jahren in der Villa möchte ich die Leute dort besuchen, ich kenne nicht mehr alle. Auch den Dorfladen aufsuchen zu können, eventuell an dem Angebot der Kerzenwerkstatt teilzunehmen.
Robbie: Spazierengehen, in den Laden, einfach alles wie bisher auch.
Was beschäftigt Sie am meisten zum Thema Älterwerden?
Joachim: Angst vor dem Sterben habe ich nicht, ich habe auch viel gelesen dazu. Der Empfang soll schön sein, das sagen zumindest Menschen, die wieder zurückgeholt werden konnten. Aber vor dem Krankwerden habe ich Respekt. Und bloß nicht ins Altenheim! Dort würde es mir nicht gefallen. Ich hoffe, dass es im Zentrum auch so schön eingerichtet ist wie hier in der Villa. Es fühlt sich an wie bei einer richtigen Familie in der Stube, wie ein Zuhause haben.
Marietta: Ja, hoffentlich nie in ein Altenheim. Ich möchte in Hohenroth bleiben.
Ein kurzes Video mit dem Einrichtungsleiter Mario Kölbl über die Notwendigkeit der Entstehung des Zentrums: https://youtu.be/SoFEmpO7LrY











