(openPR) Seit September 2005 können sich Versicherte und Patienten im Internet strukturierte Qualitätsberichte über Krankenhäuser anschauen. Dass diese Berichte noch erhebliche Mängel aufweisen und wenig benutzerfreundlich sind, wurde vielfach kritisiert. Mehrere Studien haben das vorliegende Informationsangebot jetzt näher analysiert und auch Empfehlungen zur zukünftigen Gestaltung formuliert. Das Fazit heißt: Es gibt einen großen Bedarf an solchen Informationen und zugleich massive Defizite beim aktuellen Angebot.
"Was wollen Patienten wissen, wenn sie sich über Krankenhäuser oder andere Versorgungseinrichtungen informieren möchten? (...) Bei wem informieren sie sich, und wie muss die Information beschaffen sein?" Diesen Fragen geht Doris Schaeffer im Rahmen einer sehr detaillierten Literaturstudie nach. Ein wesentlicher Befund ihrer Analyse ist, dass trotz der Vielzahl der in den letzten Jahren entstandenen neuen Informationsmöglichkeiten (Callcenter von Krankenkassen, Patientenberatungsstellen, Internetwegweiser) Patienten nach wie vor herkömmliche Quellen und Medien nutzen: Vorrangig wenden sie sich an den behandelnden (Haus-) Arzt oder Familienangehörige, Freunde oder Bekannte, weil ihnen andere Informationsquellen nicht bekannt sind oder auch, weil sie ihnen nicht vertrauenswürdig genug erscheinen. Ein Grund für diese mangelnde Vertrauenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit ist, dass neue Quellen und Medien eher als verwirrend, denn als hilfreich empfunden werden. Als Fazit daraus wird empfohlen, die Konzipierung und Erstellung von Patienteninformation gemeinsam mit Patienten und Nutzern zu erstellen, zumindest aber sie begleitend und evaluativ in den Prozess einzubeziehen, um nicht unversehens an den aus ihrer Perspektive wichtigen Belangen vorbeizuagieren.
Als besonderen Mangel der derzeit angebotenen Informationen erkennt Schaeffer, dass diese nach Prinzipien gestaltet sind, die Experten des Gesundheitswesens aus ihrer Perspektive für Patienten und Nutzer für wichtig erachten. Informationen sind also mehr an der Outsiderperspektive (Experten, Mediziner, Wissenschaftler) als der Insiderperspektive (Patienten) orientiert. Damit Informationen von Patienten auch genutzt werden, nennt die Wissenschaftlerin eine Reihe von Kriterien. So sollten die Informationen leicht zugänglich sein, übersichtlich sein und Detailfülle vermeiden, grafisch einleuchtend dargestellt sein, nicht zu hohe kognitive Anforderungen stellen, (sprachlich) verständlich sein, nicht nur Sach- und Leistungsinformation, sondern auch (narrative) Erfahrungsberichte enthalten und nicht zuletzt zielgruppenspezifisch ausgerichtet sein. Letzteres, so wird hervorgehoben, "ist ein nicht in seiner Bedeutung zu unterschätzender Hinweis, der vor allem dann von Belang ist, wenn Zielgruppen erreicht werden sollen, die Patienteninformationsangeboten - im Internet - bislang eher mit Vorbehalten begegnen. Dazu gehören u. a. auch alte und hochbetagte Menschen, die zugleich die Mehrheit der Patienten im Krankenhaus ausmachen. Wie auch andere bislang schwer erreichbare Zielgruppen (z. B. Migranten) benötigen sie Informationsangebote, die auf ihre besondere lebensweltliche Situation zugeschnitten sind und ihren Rezeptionsgewohnheiten folgen."
In einer zweiten Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hat das Picker-Institut Deutschland im Rahmen von Gruppendiskussionen mit Patienten untersucht, welche Informationen Patienten benötigen, um sich für einen Leistungserbringer (Klinik, Hausarzt, ambulanter Pflegedienst, Reha-Klinik) zu entscheiden und wie groß der objektive Bedarf an Informationen zur Ergebnisqualität von Leistungserbringern ist. Als zentrales Ergebnis zeigt sich, dass für alle vier Situationen derzeit erhebliche Defizite im Informationsangebot feststellbar sind: "Alle Entscheidungsprozesse für die vier untersuchten Leistungserbringer sind durch hohen Informationsmangel geprägt." Allerdings fällt der Informationsbedarf je nach Leistungserbringer recht unterschiedlich aus. Für die Suche nach einem Hausarzt ist dieser Bedarf eher niedrig, da "keine hohen Erwartungen an Hausärzte bestehen. Hausärzte werden als 'Durchgangsärzte' gesehen und gelten als austauschbar." Auf der anderen Seite zeigt sich, dass das Informationsbedürfnis bei der Entscheidung für ein Krankenhaus sehr hoch ist. Denn diese Situation ist sehr stark durch Ängste und Befürchtungen geprägt, da die Krankheit bzw. der Verlauf und der Ausgang einer evtl. erforderlichen Operation Unsicherheit mit sich bringen.
In einer weiteren Studie schließlich (veröffentlicht im "Gesundheitsmonitor 2006") geht Prof. Max Geraedts anhand von Ergebnissen einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage des "Gesundheitsmonitor" der Frage nach, ob Versicherte und Patienten die im Internet vorliegenden Qualitätsberichte überhaupt nutzen, ob die gebotenen Informationen ihren Interessen entsprechen oder ob möglicherweise ganz andere Informationen notwendig wären. Als Ergebnis zeigt sich, dass nur ein Bruchteil der Versicherten die Qualitätsberichte im ersten Halbjahr nach der Veröffentlichung kennengelernt hat und dass diese Berichte nur von einer verschwindend geringen Anzahl von Personen zur Krankenhauswahl genutzt wurden. Trotz dieser bislang geringen Resonanz zeigt sich jedoch auch, dass fast alle Versicherten sich mehr Informationen über die Qualität der Versorgung von Gesundheitseinrichtungen und medizinischen Leistungsanbietern wünschen. Darauf aufbauende Vergleiche von Gesundheitseinrichtungen, so empfiehlt Geraedts, sollten vor allem von Institutionen des Verbraucherschutzes oder der Selbsthilfe durchgeführt werden, die im Allgemeinen als unabhängig gelten.
Weitere Informationen und Links zu den Studien mit Download der Veröffentlichungen: http://www.forum-gesundheitspolitik.de/dossier/index112.htm












