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Schaustellerei als Antidepressivum

07.12.202017:50 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: Schaustellerei als Antidepressivum
Maras Reibeplätzchen sind besonders begehrt.
Maras Reibeplätzchen sind besonders begehrt.

(openPR) Man erzählt sich, dass das Gen von Ur-Uropa Lanser stammt, der vor rund einhundert Jahren mit einer Weinhandlung in Koblenz an den Start ging. Mit Mara ist die Koblenzer Familie Lanser nun in sechster Generation im Schausteller-Gewerbe. Samt Stadel, Almdorf, Brau-Stüberl und anderen Ständen ihrer „mobilen Erlebnisgastronomie“ ziehen die Lansers seit Jahrzehnten durch ganz Deutschland von Kirmes zu Schützenfest, Flohmarkt und Volksfest, um den Besuchern Gaumengenuss und einen Ort für fröhliche Geselligkeit im Großen und Kleinen zu bieten. Fast das ganze Jahr über hat die Familie bis zu sechs Imbisse sowie große Biergärten in Betrieb. Einzig die Monate Januar bis März zählen die Lansers, wie alle Schausteller, zur Sauren-Gurken-Zeit. Dann können Reinigungen und nötige Reparaturen durchgeführt und einmal Urlaub genommen werden.

Im Jahr 2020, als das weltweit aktive Corona-Virus zur Pandemie erklärt wurde, verlängerte sich die Saure-Gurken-Zeit auf unbestimmte Dauer und stürzte damit Familie Lanser in eine schwere Krise. Da sämtliche Groß-Veranstaltungen verboten wurden, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, sahen sie sich ihrer Existenzgrundlage beraubt. „Wir haben auf dem Koblenzer Weihnachtsmarkt 2019, wo meine Familie die beliebte Weihnachts-Pyramide betreibt, die letzten Umsätze erzielt“, sagt Mara. 

Normalerweise wären sie dieses Jahr Mitte April für vier Wochen zum Stuttgarter Frühlingsfest gefahren. Des Weiteren standen auf dem Jahresprogramm die Heddesdorfer Pfingstkirmes, der Pützchens Markt in Bonn, Rhein in Flammen, Oktoberfeste und der Mayener Lukasmarkt. Nichts durfte stattfinden. Nun sind noch die Weihnachtsmärkte abgesagt worden. Damit sind sämtliche Veranstaltungen den Anti-Corona-Maßnahmen zum Opfer gefallen. Für die Null-Umsatz-Katastrophe wirkte die erste staatliche Unterstützung in Höhe von 9.000 Euro lediglich als Tropfen auf den heißen Stein, zumal sämtliche Fixkosten weiter bestritten werden mussten. 

Die Nöte der Schausteller sollten unbedingt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Das war die Motivation für den deutschen Schausteller-Bund, seine Mitglieder zur Teilnahme an zwei Großdemonstrationen in Berlin aufzurufen. Familie Lanser war dabei. Mara hat allerdings das Gefühl, dass der Aktion zu wenig Gehör und Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Wenn die Schausteller nicht bald wieder Festplätze bespielen dürfen, werden das viele Kollegen finanziell nicht überleben, ist sie überzeugt. 

Maras Familie durfte nach achtmonatiger Zwangspause, in der sie in der großen Halle in Neuwied den dort eingelagerten Fuhrpark hegte und pflegte, von Mitte August bis Mitte September vor der Herz-Jesu-Kirche den „1. Koblenzer Spezial- und Genussmarkt“ mit Kinderkarussell ausrichten. Leider schürte der drohende zweite Lockdown die Angst der Besucher vor einer Infektion, wonach die anfangs noch guten Umsätze schnell schrumpften. 

Mara selbst fand schon im Mai eine Lösung, um die finanziell desaströse Lage abzufedern. Auf der Koblenzer Löhrstraße, direkt gegenüber eines großen Fahrradhändlers, mietete sie ein kleines Ladenlokal an und eröffnete dort Lanser's Snack-Box, wo sie hungrigen Passanten Flamm- und Reibekuchen, Crêpes, Currywurst, Hot Dogs und Pommes Frites für den Außer-Haus-Verzehr anbietet. Mit dem Sommer-Geschäft ist Mara, den Touristen sei Dank, recht zufrieden. Jetzt im November, da die Restaurants wegen der gemeldeten hohen Infektionszahlen zum zweiten Mal gezwungen wurden, ihre Tore zu schließen, kommen bei Lanser's Snack-Box wieder mehr Einnahmen in die Kasse. Dennoch decken die Erträge nur die laufenden Kosten. Und das auch nur dann, wenn Mara selbst unter der Woche bis zu zehn Stunden täglich hinter dem Verkaufstresen steht. Es ist eine Arbeit, die sie wohl über die Krise hinwegrettet, der jedoch die Leidenschaft fehlt. Ohne die für Volksfeste typische fröhliche Stimmung empfindet die Schaustellerin einen Imbiss-Betrieb als ein fast seelenloses Verkaufsgeschäft. Wie gut, dass ihr Freund aus Hamburg sie gerade besucht und moralische Unterstützung bietet. Er ist ebenfalls Schausteller und kennt daher die Probleme der Branche, die in seiner Heimatstadt nicht wesentlich anders als in Koblenz sind. Die Situation werde sich, so glaubt das Paar, vor März/April 2021 nicht derart verbessern, dass Volksfeste wieder stattfinden dürfen. Mara hofft deshalb darauf, dass der eigentlich Ende dieses Jahres auslaufende Mietvertrag noch ein wenig verlängert wird.

Hätte die patente 23-Jährige nicht einen zukunftsfähigeren Beruf wählen können? Warum hat sie sich gerade für das Schausteller-Dasein entschieden? Es ist nicht nur das Familiengen, sondern auch ihr Lebenslauf, der sie auf die Spur brachte. Schon als Jugendliche hatte sie stundenweise bei den Imbiss-Ständen der Familie mitgeholfen. Auf dem Weg zum Abitur brannte sie dann bereits lichterloh für dieses bunte, fröhliche Leben auf den Festplätzen und schmiss schließlich die Schule. Seit ihrem 18. Lebensjahr arbeitet sie ganztägig im Familienbetrieb und betreut auf dem Koblenzer Weihnachtsmarkt zwei eigene Stände. Für sie gibt es kaum einen anderen Beruf, der so viel Selbständigkeit, Chancen auf Kreativität und Reisemöglichkeiten bietet und zugleich ein Gefühl von selbstbestimmter Freiheit vermittelt. Schausteller sei kein Beruf, sondern eine Lebenseinstellung, sagt Mara.

Weil ihr Herz für das Schausteller-Gewerbe schlägt, ist es ihr innigster Wunsch, mit ihrer Berufswahl dazu beizutragen, es vor dem Aussterben zu bewahren. „Schon seit dem Altertum bringen Schausteller Licht ins Dunkel und verbreiten Lebensfreude“, schwärmt Mara. Volksfeste und das Treiben der Schausteller seien geradezu ein „Antidepressivum für die Gesellschaft“, sehr kostengünstig obendrein. An Festtagen können die Besucher eine kurze Weile lang den Alltag hinter sich lassen und unbeschwerte Stunden miteinander verbringen. Die Betreiber von Jahrmärkten und Kirmessen sehen sich dann nicht nur als Bierverkäufer und Würstchenbräter, sondern auch als Seelsorger, Handwerker, Buchhalter und vieles mehr. Vor diesem Hintergrund wird es nachfühlbar, dass der Deutsche Schaustellerbund schon seit Jahren dafür kämpft, die Volksfestkultur als immaterielles Kulturerbe anerkennen lassen. 

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