(openPR) 2. Kölner Antiquariatstage 1.-3. Dezember 2006 mit Ausstellung „Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches e.V. (1924-1937)“
Aus den Beständen einer Kölner Privatsammlung und des Jüdischen Museums Berlin werden erstmals der Öffentlichkeit Dokumente der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches e.V. (1924-37) in einer Kabinettausstellung gezeigt. Die Ausstellung, die rund 100 Exponate umfasst, findet im Rahmen der 2. Kölner Antiquariatstage statt und reflektiert die Gründung, die Aktivitäten und das Verbot dieser einzigartigen jüdischen bibliophilen Gesellschaft anhand ausgewählter Publikationen. Kurator der Ausstellung ist der Kölner Antiquar und Veranstalter der 2. Kölner Antiquariatstage Ulrich Heider, der auch das kleine Begleitbuch zur Ausstellung verfasst hat. Seine Ausführungen sind als Heft 1 in der Schriftenreihe der Kölner Antiquariatstage im Privatdruck (Auflage: 500 numerierte Exemplare) erschienen.
Eine fast vergessene Gesellschaft
Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches e.V. wäre fast in Vergessenheit geraten, würden nicht gelegentlich ihre seltenen, teils vorzüglichen Drucke auftauchen und wäre da nicht Abraham Horodisch, Gründungs- und Vorstandsmitglied der Gesellschaft gewesen. Horodisch emigrierte 1933 zunächst nach Holland und kehrte dorthin nach dem Krieg zurück. In Amsterdam lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1987 als Antiquar, Verleger und bibliophiler Publizist. 30 Jahre nach dem Beginn seines Exils veröffentlichte er zusammen mit der maßgeblichen Bibliographie der Soncino-Gesellschaft seine Erinnerungen an diese. Das Archiv der Gesellschaft ist verloren und über Horodisch hinaus konnte auch die jüngere Literatur nur wenig Neues herausarbeiten; eine systematischen Darstellung fehlt völlig. Diesen Anspruch kann auch die Publikation im Rahmen der Kabinett-ausstellung nicht erfüllen, doch vermittelt sie einen hervorragenden Einblick in die beachtliche Tätigkeit der Soncino-Gesellschaft im Dienste der „neuen Bibliophilie“ und in ein Stück deutsch-jüdischer Buchgeschichte, das viel zu früh zu Ende ging. Im Jahr 1937 erzwangen die Nationalsozialisten die Auflösung der Gesellschaft; auch in politisch günstigerer Zeit kam es weder zu einer Neugründung noch zu einer adäquaten Nachfolgegesellschaft. Nur 14 Jahre bestand die Soncino-Gesellschaft, der so prominente Mitglieder wie Hermann Meyer, Heinrich Loewe und Arnold Zweig angehörten.
„Neue Bibliophilie“
Die Gründung der Soncino-Gesellschaft wäre nicht denkbar gewesen ohne eine bibliophile Neubesinnung in Deutschland, die etwa 30 Jahre zuvor von der britischen Arts and Crafts-Bewegung und vom französischen Art Nouveau ihre künstlerischen Impulse erhalten hatte. Die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts stellten also eine Phase kunst- und kulturhistorischer Veränderungen dar. Das Grau der Gründerzeit war überwunden; es entstand der farben- und formenreiche Jugendstil, der alle Lebensbereiche erfasste und den Wegbereiter des modernen Designs darstellt. Die Forderung einer geschmackvollen Gestaltung erfasste auch die Bibliophilie in Deutschland und führte zu der Entwicklung von der Buchdruckerkunst zur Buchkunst. Eine neue Facette war hinzugekommen, deren Interesse die Produktion und Gestaltung neuer Bücher bzw. die Wiederauflage alter Bücher in angemessener und für sich geltender Form galt. Drucker, Verleger, Künstler und auch Schriftsteller orientierten sich schnell an der neuen Farbigkeit und Formenvielfalt. Kein Pressendruck und keine bibliophile Gesellschaft sind ohne die „Stilwende“ denkbar.
Struktur und Verantwortung
Auch im ersten Werbeheft der Soncino-Gesellschaft von 1924 heißt es: „Zur Begründung der Soncino-Gesellschaft fand sich im Mai 1924 in Berlin ein kleiner Kreis von Freunden des jüdischen Buches zusammen, denen die Neubelebung der Buchkunst im Rahmen jüdischer Kulturarbeit als Ziel vorschwebte.“ Die Zielsetzung war also definiert: Die Form des jüdischen Buches sollte dessen innerem Gehalt entsprechen. Die Verantwortung für die Umsetzung dieser Zielsetzung lag bei einem engagierten Personenkreis des Berliner jüdischen Kulturlebens, der den Nukleus der „Soncino-Gesellschaft e.V.“ darstellte. Der Verein finanzierte sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden und schon im Oktober des Gründungjahres waren 257 Mitglieder zu verzeichnen. Die in der Satzung vorgesehene Höchstgrenze von 500 Mitgliedern wurde innerhalb des ersten Jahres erreicht und 800 angehoben. Die Mitgliederwerbung hörte nicht auf und die letzten Zahlen sind aus dem Jahr 1932 dokumentiert. Damals zählte die Gesellschaft 650 Mitglieder. Zum Gesellschaftsleben gehörten Vorträge, Besichtigungen und Festessen; die Jahresversammlungen stellten das Hauptereignis des Vereinslebens dar, bei denen die meisten Spendendrucke verteilt wurden. Dabei handelte es sich nicht um Publikationen der Gesellschaft, sondern um von einzelnen oder mehreren Mitgliedern sowie externen Freunden finanzierte Drucke für die Gesellschaft. Wie die regulären Publikationen wurden auch diese kostenlos verteilt. Die Struktur der Soncino-Gesellschaft unterschied sich nicht wesentlich von anderen bibliophilen Gesellschaften. Die Aufnahmebedingungen für Mitglieder waren lediglich restriktiver und die Sorge galt einzig dem jüdischen Buch, als Ausdruck jüdischen Geisteslebens.
Die Publikationen
Die Soncino-Gesellschaft brachte 15 ordentliche Veröffentlichungen, drei Sonderpublikationen, zwei Zeitschriften, vier Gelegenheitsdrucke sowie mehrere Werbeschriften heraus. Hinzu kamen die bereits erwähnten Spendendrucke. Alles in allem bedeutet dies ein reiches publizistisches Erbe, das eine Gesellschaft hinterlassen hat, die nur 14 Jahre bestand und über fünf Jahre ein unmögliches Vereinsleben führen musste. Das Spektrum der Veröffentlichungen der Gesellschaft umfasst zeitgenössische und ältere Werke der schönen Literatur, wissenschaftliche Arbeiten, Faksimiles. Zu sehen in der Kabinettausstellung aus Anlass der 2. Kölner Antiquariatstage ist beispielsweise das 1925 mit den Fabeln des Kuhbuches als erste Publikation erschienene Faksimile eines seltenen hebräischen Drucks von 1687. Auch kleinere Drucke, darunter die Faksimiles des „Verzeichnis der auserlesenen Büchersammlung des seeligen Herrn Moses Mendelssohn“ von 1786 und das „Lesebuch für jüdische Kinder“ von 1779 werden ausgestellt. Ferner zu sehen: Ein Fragment der ältesten mit Illustrationen versehenen Haggadah von 1926. Im selben Jahr war als zweite Sonderpublikation das Faksimile der Pessach-Haggadah des Gerschom Kohen, Prag 1527 erschienen. Die Drucktypen dieser Ausgabe sollten später das Vorbild für Marcus Behmers Schriftenentwurf für die Soncino-Gesellschaft werden. Eines der bedeutendsten Werke der Gesellschaft waren die von Jakob Steinhardt illustrierten Verse aus dem Buch Jeschu ben Elisier ben Sirah von 1929. Steinhardt hatte seinen Illustrationen, den hebräischen Text und die deutsche Übersetzung so angeordnet, dass ein eigenes künstlerisches Gefüge entstand bei dem keins der genannten Elemente fremd wirkt. Ein weiteres bedeutendes Hauptwerk der Gesellschaft ist, die in zwei Bänden 1931 und wohl 1933 ausgelieferte Ausgabe des hebräischen Pentateuchs. Marcus Behmer wurde am 31. Mai 1927 von der Soncino-Gesellschaft mit dem Entwurf eines neuen hebräischen Schriftsatzes beauftragt. Dieser sollte an der bereits erwähnten Prager Haggadah orientiert sein und wurde erstmals im Pentateuch angewandt. Die ersten Probedrucke des Pentateuchs sind bereits 1927 verzeichnet; die Gestaltung der Schmuckfelder dauerte bis 1931. Schließlich lieferte Behmer am 13. Oktober 1932 mit dem Einbandentwurf die letzte Arbeit zu diesem Hauptwerk der Gesellschaft.
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