(openPR) Der Titel meines Ende 2019 herausgegebenen Buchkalenders mit 365 Sinnsprüchen und Aphorismen, lässt mich diese Frage stellen.
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Damals ahnten wir noch nichts von dieser Epidemie. Die Menschen hasteten durchs Leben, wähnten sich glücklich und zufrieden. Aber waren sie es wirklich? - Angesichts des sich rasant ausbreitenden Virus kam dieses so quirlige Leben fast völlig zum Erliegen. Für viele unfreiwillig, sie wurden ausgebremst. Für andere, die sich in den momentanten Zustand besser einfügen, mag es eine Ent-schleunigung sein. Es ist ungefähr dieselbe Frage wie diejenige nach der Freiheit der Gedanken, denn Geistesgrößen wie beispielsweise ein Sokrates fühlten sich selbst in einem Gefängnis frei, weil ihre Gedanken frei sind und damit ihr Geist. Die körperlich-leibliche Bewegungsfreiheit scheint da untergeordneter. Das mag leicht dahingesagt sein, aber jetzt haben wir eine Testphase: Kann ich mich ohne großartig auszugehen, herumzulaufen oder etwas zu unternehmen, zu konsumieren, noch geistlich oder gar geistlich beschäftigen? Es ist eine Herausforderung, wie ich meine.
So saß ich unlängst während meines Spaziergangs nach halbem Wege am Stadtrand auf einem Mauervorsprung und betrachtete die von der Stadt angelegten Beete und Rabatten, die nach dem Regen der vergangenen Tage einen enormen Wachstumsschub erlebt hatten. Ich saß da anscheinend etwas versonnen und auch gekrümmt, als ein Mann, der mit seinem kleinen Jungen vorbeiging, mich ganz unvermittelt fragte: ,Alles in Ordnung?' , Ja, alles bestens", lautete meine Antwort. Ich dankte dem Mann, dass ich mit einem anerkennenden Kopfnicken noch zu bestätigen versuchte, sodass der Mann dankbar lächelte.
Eine winzige Begebenheit, die mir sagt, dass die Menschen zur Zeit höchst sensibel sind. Es herrscht eben nicht nur Angst vor Ansteckung, Selbstschutz oder Abstand halten! Die Menschen sind selbstloser und besser, als wir (ich zumindest!) oft über sie denken oder gedacht haben, denn selbst Corona macht uns nicht zu abgeschotteten Egoisten. Als ich weiterging, mich schon auf der Zielgeraden befand, sah ich, dass eine Frau stolperte und dann der Länge nach bäuchlings hinfiel. Die Frau war mittleren Alters und korpulent, sodass sie es nicht gleich schaffte, sich wieder aufzurichten. Die Brötchen, die sie zuvor in der kleinen Bäckerei nebenan gekauft hatte, lagen verstreut auf dem Bürgersteig. Ich befand mich auf der gegenüberliegenden Straßenseite und überlegte noch, ob ich ihr nicht helfen müsste. Und während mir noch die Ansteckungsgefahr durch den Kopf ging, hatten sich längst drei Passanten auf die Frau gestürzt, um ihr beizustehen und erkundigten sich fürsorglich, ob sie verletzt sei. Keiner von ihnen, - außer mir -, hatte in diesem Moment an Abstand oder Corona gedacht. Ich war erneut überrascht über so viel Empathie, allerdings auch beschämt über mich selbst.
Hubert Michelis, freier Schriftsteller und ehemaliger Franziskanermönch













